Im Spiegelkabinett – Rezension

Im Spiegelkabinett

Die 30jährige US-Amerikanerin Jia Tolentino schreibt einen klugen und unterhaltsamen Essayband aus Sicht einer #Millennial und trifft dabei mit großer Leichtigkeit Ton und Themen unserer Zeit. 

„Ecstasy verwandelt dich in die beste Version deiner selbst, ohne dass du dabei deinen psychologischen Rucksack mit dir herumschleppst,“ resümiert die Journalistin des New Yorker nach ungefähr der Hälfte ihres Essaybandes „Trick Mirror“. In dem Essay „Ecstasy“ verhandelt Tolentino die Gemeinsamkeiten der Droge MDMA und der Religion (als einen Weg zu transzendentaler Erfahrung) und wie alles in diesem Band fußt der Vergleich auf eigenen Erfahrungen. Dabei schont sich Tolentino zu keinem Zeitpunkt, verherrlicht nicht und legt präzise offen, was sie (und viele ihrer Generation) ausmacht. Mühelos zieht sie Parallelen zwischen dem Aufwachsen im digitalen Zeitalter “The I in the Internet” und dem Wertesystem der Millennials „The Story of a Generation in Seven Scams”.

Jia Tolentino wird 1988 in Toronto geboren. Ihre Eltern, die von den Philippinen stammen, ziehen mit ihrer Tochter vier Jahre später nach Houston in Texas, wo die begabte Jia in einer Megachurch aufwächst und bereits mit vier Jahren eingeschult wird. Mit 16 Jahren nimmt sie an einer Reality TV-Show auf Costa Rica teil und entscheidet sich danach aus finanziellen Gründen gegen ein Studium an der Elite-Universität Yale. Mit 20 schließt sie sich dem UN-Friedenskorps an und geht nach Kirgisistan, das sie ein Jahr später wieder verlässt. Schließlich zieht Tolentino 2014 nach New York, wo sie zuerst für das feministische Online-Magazin Jezebel und seit letztem Jahr für den New Yorker schreibt.

Und schreiben kann sie. Mit Esprit und Witz mischt die Autorin in das vom Internet gefärbte, manchmal schnoddrige Englisch kluge Ausführungen und hält sich dabei immer klar, auch wenn sie inhaltlich ausschweift. Da geht dem Essay über Ecstasy nicht ohne Ironie „Pure Heroine“ voraus, wo es mitnichten um Heroin sondern vielmehr um den Einfluss weiblicher Heldinnen in der Literatur geht. Tolentinos Herzensthema, der Feminismus, wird hier mit den literarischen Heldinnen eingeführt, die wir fast alle kennen –  von Anne auf Green Gables, über die Virgin Suicides bis hin zu Anna Karenina. Mithilfe theoretischer Unterstützung der Beauvoir zeigt die Autorin wie diese Figuren als Exempel stehen für weibliches Leben in unserer Gesellschaft. In diesen Leben sind die festen Parameter Sex, Familie und Häuslichkeit, bzw. die Abwesenheit dessen.

Allein fünf der neun Essays beleuchten feministische Themen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Durch die persönliche Ebene von der aus Tolentino mit ihren Überlegungen beginnt, zeigt sie sich teilweise verwundbar und hebt ihre eigenen Privilegien hervor. In “We Come from Old Virginia” geht sie auf die Vergewaltigungsvorwürfe an der Universität von Virginia ein, wo sie selbst studierte. Dabei muss sie sich die Frage stellen, wie lange sie nicht hinsehen, Sexismus als solchen nicht erkennen wollte und somit Teil des Problems war. So kommt Tolentino an den Dreh- und Angelpunkt ihres Schreibens: Sie versucht sich und unsere hypernervöse, konkurrierende, durch und durch monetisierte Welt besser zu verstehen und dem Sexismus und Rassismus einen Spiegel vorzuhalten. Und das führt manchmal dazu, geradewegs in das eigene Spiegelbild der Selbsttäuschung zu blicken.

Jia Tolentino „Trick Mirror“ bei 4th Estate für 13,- Euro, ca. 290 Seiten. Unter anderem erhältlich bei der besten Version eines Buchladens, in der es neben Büchern auch den besten Kaffee und leckere Bagels gibt: Shakespeare and Sons in Friedrichshain.

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