Nicht-Mutterschaft, oder Warum ich kein Kind haben werde

Das Essay wurde zuerst in dem Online-Magazin „Zarte Horizontale“ zu dem Themenkomplex „Hinter den Kulissen“ veröffentlicht. Das Magazin ist ein Ort für Zwischenräume, an dem sich Gedanken und Formen frei entfalten können. //

Es ist nicht so, dass ich kein Kind haben will. Es ist nur so, dass ich keins haben werde.

Als ich “Motherhood” von Sheila Heti las, war ich genervt. Ich war genervt von der Protagonistin und ihrer Unschlüssigkeit, ihrem jahrelangen Zaudern. Bei mir war das alles ganz anders, denn ich glaubte zu wissen, was ich wollte: Ich hätte gerne ein Kind gehabt, konnte aber nicht. Ich hatte also nichts mit “Motherhood” zu tun, wo die Protagonistin scheinbar kein Kind wollte, aber dennoch unsicher in ihrer Entscheidung wirkte. Als Endometriose-Patientin war es mir in den letzten fünf Jahren nicht gelungen, schwanger zu werden. Richtig, ich schreibe “gelungen”. Denn ganz gleich, wie oft ich mir sagte, ich könne nichts dafür, blieb immer dieses Gefühl des Versagens. Es legte sich wabernd, neblig um mich und flüsterte: Dir gelingt es nicht. Du schaffst es nicht. Dein Körper ist kaputt. Der kann das nicht.

Ich hatte die leistungsorientierten Maßstäbe unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystem gut verinnerlicht, in mein Körperverständnis übernommen. Die Schuld lag bei mir als Frau. Nach drei Operationen und allen möglichen Tests hatten wir es sogar Schwarz auf Weiß. Das Ergebnis betrachtete ich mit einem Potpourri an Gefühlen, darunter schwang eine gehörige Portion Selbstmitleid mit. Und dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte es ja nun schriftlich, ich konnte kein Kind bekommen. 

„Und eine künstliche Befruchtung? Oder Adoption? Ein Pflegekind?“, fragten Menschen, die mich lieben und mir helfen wollten. Tatkräftig brainstormten sie und bemerkten nicht (ich habe es ja selbst kaum erkannt), wie ich mich innerlich aufbäumte. „Eine Adoption ist nicht drin, dafür sind wir zu arm und fast schon zu alt“, murmelte ich ausweichend. Ein Pflegekind könnte ich nie wieder weggeben, wenn ich es einmal aufgenommen hätte. Außerdem wer will permanent das Jugendamt um Erlaubnis bitten, wenn es um Entscheidungen für das Kind geht? Es blieb also die künstliche Befruchtung – kostspielig, klinisch und so alles andere als romantisch. Doch auch daran war nichts Schlimmes. Ich kannte mehrere Freundinnen, die den gleichen Weg gingen, manche zögerlich, andere selbstsicher, aber sie gingen ihn.

Im letzten Winter fuhren wir dann in den Norden, nach Dänemark und heirateten an einem verregneten Dezembertag in einem uralten strahlend gelben Rathaus, obwohl wir das Konstrukt Ehe als ungerecht und überholt empfanden. Aber ich war müde und die Zeit lief uns davon. Verheiratet könnten wir einen Termin für eine künstliche Befruchtung ausmachen.

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen eine künstliche Befruchtung anteilig zu mindestens 50%, teilweise auch mehr. Manche übernehmen sogar die vollen Kosten für bis zu drei Versuchen der In-Vitro-Fertilisation. Meine Betriebskrankenkasse würde 50% von insgesamt zwei Versuchen zahlen. “Vorher müssen Sie aber unbedingt vor den Altar,” drängte die Sachbearbeiterin am Telefon. Und beeilen müsse ich mich. Denn ich würde ab dem Frühjahr zu alt sein. Der Staat unterstützt bei einem Kinderwunsch fast ausschließlich verheiratete, cis heterosexuelle Paare, wenn die Frau unter 40 und der Mann unter 50 Jahre alt ist. Nur sehr wenige Bundesländer fördern inzwischen auch queere Paare. Am weitesten geht dabei Bremen, das diverse und Trans Paare unterstützt, die unverheiratet sind und bei dem zumindest ein:e Partner:in weibliche Geschlechtsorgane hat. Berlin hilft inzwischen lesbischen Paaren finanziell bei der künstlichen Befruchtung. Doch das bleiben Ausnahmen. Das Gesetz “Zur Herbeiführung einer Schwangerschaft”, dass sich auf verheiratete, und heterosexuelle Paare bezieht ist dennoch nicht diskriminierend, wie das Bundessozialgericht erst im November 2021 erneut entschieden hat. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Menschen, die also über weniger Geld verfügen und ein Kind haben möchten, werden tendenziell in eine Ehe gezwungen. Wenn sie nicht dem klassischen heteronormativen Bild entsprechen, haben sie fast keine Chance auf finanzielle Hilfe. Untermauert wird das ungerechte Konstrukt noch durch das ‘Ehegattensplitting’, bei dem verheiratete Paare, ob mit oder ohne Kind, bei unterschiedlich hohem Verdienst kräftig Steuern sparen können. Das traditionelle Rollenbild ist so rechtlich zementiert und wird durch ökonomische Realitäten wie Genderpaygaps und patriarchale Karrieremodelle noch untermauert.

Wann immer ich an diese Art Familienkonstrukt denke, wird es sehr eng um meinen Hals. Das alles hat irgendwie nichts mit mir, nichts mit uns zu tun. Oder zumindest wollte ich nicht, dass es etwas mit uns zu tun hat. Irgendwann wurden meine Zweifel dann sehr laut. Ich durfte mich hier nicht durchmogeln. Ich musste ehrlich zu mir sein. Wollte ich wirklich um jeden Preis ein Kind? Denn wenn ich wirklich eins wollte, dann würde ich doch alle Möglichkeiten ausschöpfen und eben keine Zweifel haben, oder? Wir würden uns gemeinsam um das Kleine kümmern, könnten unsere Jobs irgendwie so aufteilen, dass wir nicht das klassische Mama-Papa-Kind-Modell leben würden. 

Beruf und Kind, beides kann man schon irgendwie vereinen, wird uns sehr oft vermittelt. Mehr noch: Das Schreiben und ein Kind und ein Brotberuf dann sicher irgendwie auch. Das machen doch so viele. Ich frage mich dabei aber immer häufiger zu welchem Preis. Es gibt in meinem Umfeld nur sehr, sehr wenige Paare, denen die Gleichstellung von Familie und Beruf wirklich gelingt. In den meisten Konstellationen leistet die Frau deutlich mehr Care-Arbeit, also Sorgearbeit in jeder Hinsicht, während er Karriere macht oder zumindest Vollzeit arbeiten geht. Die Covid-19 Pandemie hat diese Kluft wieder sehr deutlich werden lassen, wo vor allem die Frauen zu Hause das Home-Schooling der Kinder betreuten, den Haushalt irgendwie schmissen und zwischendurch ihren Brotjob im Homeoffice erledigten. 

Wenn man nun neben der Brotarbeit noch irgendeiner anderen kreativen Profession nachgeht, dann wird die Aufteilung wirklich schwierig. Mein Partner und ich sind beide freischaffend. Er ist Musiker, ich schreibe und es gelang in den letzten Jahren gut, uns gemeinsam um unseren alternden, irgendwann sehr kranken Hund zu kümmern. Doch wir haben beide wenig geschlafen, deutlich weniger geschrieben und komponiert. Und wenn ich am Schreibtisch saß, dann immer mit einem schlechten Gewissen. In den letzten Wochen lag ich häufiger neben dem Hundekorb, als ich vor dem Computer saß.

Ich brauchte viele Jahre, um mich überhaupt als Autorin zu verstehen und noch länger, um den Mut aufzubringen, mich als solche zu bezeichnen. Irgendwann habe ich ein Aufbaustudium an der Freien Journalistenschule gemacht, um das Handwerk zu lernen. Alles natürlich neben der Brotarbeit. Dann konnte ich erste Artikel veröffentlichen, die mehr schlecht als recht bezahlt werden. Ich schreibe mittlerweile neben bezahlten Artikeln vor allem Kurzgeschichten und Essays, die größtenteils auf Online-Portalen veröffentlicht werden und ein Tauschgeschäft sind: Du schreibst und wir veröffentlichen, um deine Stimme hörbar zu machen. Das ist ein Anfang, aber nichts, womit ich meine Miete bezahlen könnte. Nur sehr wenige können überhaupt vom freien Schreiben allein leben, sei es als Autor*in oder Journalist*in. Für die Meisten gibt es einen Zweitjob, der manchmal fast ein Vollzeitjob ist. Gelingt es dennoch mit dem Schreiben Geld zu verdienen und zum Beispiel einen entsprechend großen Verlag zu finden, der Texte veröffentlichen will und auch adäquat honorieren kann – fast ein Ding der Unmöglichkeit im hierarchisch aufgebauten und starren Literaturbetrieb – besteht die Arbeit nicht nur aus sorgfältiger Recherche und dem Schreiben. Lesungen und öffentliche Auftritte gehören zu einer Veröffentlichung und sind Teil des Honorars. Wie soll das alles mit einem Kind funktionieren? Ich weiß, es gibt Menschen mit Kindern, denen es gelingt sich im Literaturbetrieb zu etablieren und vor ihnen habe ich den höchsten Respekt. Aber der Gedanke, dass das Schreiben mit einem Kind – nachdem ich so lange gebraucht hatte, es mir zu erarbeiten – wieder wegfallen oder zumindest deutlich weniger werden würde, ist omnipräsent. Und das panische Gefühl, das dabei in mir aufkommt, hat mich lange beschämt.

Obwohl mein Partner und ich die Hochzeit als notwendiges Übel sahen, etwas von staatlicher Seite besiegeln zu lassen, was für uns längst gelebte Wirklichkeit war, geschah etwas Überraschendes nach der Trauung. Ich sah uns jetzt als dieses Paar, das schreibt und komponiert, Musik macht und kreativ arbeitet. Und ich sah kein Kind mehr. Nach vielen Jahren des Grübelns und Planens, der Tests und des Wartens konnte ich es mir eingestehen und es war eine Erleichterung. Ich begann allmählich zu verstehen, dass das, was ich vom Muttersein erwartete, nicht unbedingt mit einem eigenen Kind einher gehen musste.

Alle Geduld, Liebe und Fürsorge darf auch in einen Text fließen – oder zumindest fast alles davon. Ich muss mich nicht schlecht fühlen, weil ich am Schreibtisch sitzen will.  Nur ich konnte diese Entscheidung treffen und das Gefühl der Selbstermächtigung und der Freiheit, das damit einher geht, ist ein großes Glück und vor allem ein großer Luxus. 

Es funktioniert übrigens beides gleichzeitig; die Trauer um ein Kind, das ich nicht haben werde und die Erleichterung darüber, dass ich das Schreiben an erste Stelle setzen kann. Meistens kann ich die Ambivalenz gut aushalten. Nur manchmal noch tappe ich in die Falle der patriarchalen Leistungsgesellschaft und ich fühle mich schlecht, dass der Wunsch nach einem Kind offensichtlich nicht groß genug war. Oder zumindest nicht größer als der Wunsch nach dem Schreiben. Jetzt aber kann ich mich selbst in einen Text bringen. I will write my self, wie Hélène Cixous vor 46 Jahren in “Das Lachen der Medusa” forderte. And surely I will.


Quellen:

The Laugh of the Medusa von Helene Cixous, Keith Cohen und Paula Cohen, 1976 by University of Chicago Press

Taz- Artikel: Babys für alle vom 21.11.21 (https://taz.de/Hilfe-bei-Kinderwunsch-fuer-queere-Paare/!5814327/)

Motherhood. Sheila Heti. Penguin Random House. London 2019

Innenschau nach draußen

Der Ort, an dem wir leben, beeinflusst unser Denken und Fühlen, bestimmt die Perspektive, die wir einnehmen. Für ein Online-Magazin mit dem Schwerpunkt „Housing“ verfolgt das Essay die Frage, wie der Blick aus dem Fenster unser Sein bestimmt und in welcher Form die Malerei und Bildende Kunst sich seit der Renaissance diesem Thema annehmen. //

Ich erinnere mich noch gut an die Bilder im Wohnzimmer meiner Großeltern. Dunkel waren die Kopien aus der Romantik, unmodern und sehr weit weg von meiner Kinderrealität. Die Bilder interessierten mich nicht. Mein Blick ging immer zum Fenster hinaus ins Dorf. Dorthin, wo ich ungestört bis zum Abendessen herumstreunen durfte.

Und bis heute liebe ich es, aus dem Fenster zu schauen. Wenn ich in einem Zimmer stehe, das ich nicht kenne, gehe ich zuerst ans Fenster. Ich schaue hinaus, will sehen, wie und was da draußen ist. Von diesem Draußen kann ich zwar nur einen kleinen Teil erkennen, einen Ausschnitt und dieser Ausschnitt wiederum wird bestimmt von dem Zimmer, in dem ich stehe. Doch dieser Blick ist essentiell. Denn das Innen beeinflusst das Außen und umgekehrt. Dabei stelle ich mir bis heute die Fragen: Wo genau bin ich und wer bin ich an diesem Ort?

Das Innen beeinflusst das Außen

Das Fenster gibt einen klar umrissenen Rahmen, durch den wir Betrachtende nur einen bestimmten Bildausschnitt der Außenwelt sehen. Die Renaissance feierte das Bild selbst als “Fenster zur Welt”  und nutzte das Fenstermotiv als perspektivische Projektion. In der Epoche, in der Wissenschaft und Kunst zusammen das neue Selbstverständnis des Menschen schafften, galt die Geometrie als Basis für die Malerei. Die Zentralperspektive erzeugte mit dem Fluchtpunkt im Bild Tiefe und Proportionen. Gebäude und Fenster wurden in diesen Bildern als Strukturen gesetzt, an denen entlang Maler*innen arbeiteten. 

 Besonders gut ist das bei Leonardo da Vincis Abendmahl zu sehen. Die Tiefe des Bildes wird durch die Perspektive des Fluchtpunktes geschaffen und durch Wandteppiche rechts und links, der Kassettendecke oben und der Fensterfront am Ende des Speisesaals, also hinter Jesus und seinen Jüngern, verstärkt. Doch die Fenster ermöglichen hier schon den Blick ins Freie und Weite.  Die Betrachtenden schauen in das Bild wie in eine offenbarende Welt und hinter dieser Welt liegt mehr, eine hier noch versteckte Weite, die erst 300 Jahre später thematisiert werden sollte.

Leonardo da Vinci, Das letzte Abendmahl, 1494 – 1498

Türen und Fenster als Ausdruck der Kommunikation

Türen und Fenster sind Ausdruck von Kommunikation zwischen Innen und Außen. Sie sind die Öffnung zwischen der Behausung des zivilisierten Menschen zur Außenwelt, eine Art Schwelle. Diese zu übertreten, konnte man entweder sehnsüchtig erwünschen oder aber auch tunlichst vermeiden. Denn das Draußen und Öffentliche galt immer auch als unberechenbar. Vor allem Frauen sollten im privaten Raum leben und wenig in der Öffentlichkeit auftauchen. Im Haus konnten sie schließlich besser “beschützt” und kontrolliert werden als im öffentlichen Raum.

Von Italien aus kam das Fenstermotiv zweihundert Jahre nach der Renaissance in den Niederlanden wieder auf und wurde dort vor allem in der Genre-Malerei verwendet. Stille Figuren beim Handwerk oder in die Betrachtung versunken am Fenster stehend, sind typisch für das 17. Jahrhundert in den Niederlanden. 

In vielen Bildern von Jan Vermeer beispielsweise, in denen es Frauenfiguren gibt, sieht man am linken Bildrand ein Fenster. Hier nutzt sie der Maler vor allem als Lichtquelle, um die Farben und die Stofflichkeit auf dem Bild hervorzuheben. Der Blick der Frauen aber ist oft zum Fenster gewandt. Die Innenansicht der Gemalten wird fast versteckt thematisiert. Ob bei der “Briefleserin am offenen Fenster” oder “Herr und Dame beim Wein”, das Fenster steht hier im engen Zusammenhang mit dem, was in den Figuren vor sich geht: Zögern die Frauen? Träumen sie? Sind sie sehnsüchtig oder ängstlich? Die Wein trinkende Dame, die in Richtung des halb geöffneten Fensters schaut; ob sie die Verführungstaktik des Herrn versteht, der nicht einmal Mantel und Hut ablegt, während er ihr den Wein nachschenkt? Wird sich das Fenster für sie öffnen oder schließen? Oder das junge Mädchen, das am weit geöffneten Fenster einen Liebesbrief liest und mit ihrem Körper zum Fenster gedreht steht. Das Fenster verbildlicht hier die Außenwelt, die Verführung und das Versprechen.

Jan Vermeer, Breifleserin am offenen Fenster, 1675 – 1695
Jan Vermeer, Herr und Dame beim Wein, 1658 – 1660

Fenster werden in der Malerei auch immer wieder als “Orte stummer Monologe und Dialoge, der Reflexion über die eigene Stellung” beschrieben. Wer bin ich? Wer bin ich hier? Es ist der Blick ins Außen, der die Innenschau erst möglich macht. Bis heute wird der Blick vom Fenster aus nach draußen auch als sehnsüchtig beschrieben. Vielleicht hatte der Romantiker Novalis recht, wenn er behauptete, dass alles in der Distanz zu Poesie würde. 

Verändertes künstlerisches Selbstverständnis

Während im 17. Jahrhundert noch der Fokus auf den Figuren und den alltäglichen Szenen liegt, verwandelt sich der Blick in der Romantik und geht durch das Fenster hinaus in die Weite.  Das Fenster liegt jetzt im Zentrum des Bildes. Zum Teil verschwinden die Figuren komplett und gezeigt wird nur noch das Fenster wie bei Caspar David Friedrichs “Blick aus dem Atelier des Künstlers”. Der Raum geistiger Produktion im Inneren mit Blick nach daußen beschreibt auch ein verändertes künstlerisches Selbstverständnis. Das offene Fenster ist hier wieder Symbol für die Kommunikation zwischen innen und außen. Von der Lichtquelle im 17. Jahrhundert wird es in der Romantik immer stärker zur Schleuse von Blicken, Gefühlen und Gedanken.

Caspar David Friedrich, Blick aus dem Atelier des Künstlers, 1805 – 1806

Im 20. Jahrhundert sehen wir dann bei Marcel Duchamps humorvollen Ready-Made “Fresh Widow” von 1920 ins schwarze Nichts. Es gibt keinen Ausblick und auch keinen Durchblick mehr. Es zeigt die postmoderne Leere, die durch die Fülle sämtlicher Möglichkeiten und Veränderungen in unseren Leben herrscht und es thematisiert auch die damit einhergehende Überforderung. Gibt es zu viel Auswahl, habe ich am Ende keine Wahl. Ich verweigere mich ihr. Der Titel “Fresh Widow” – spielt nicht nur mit Worten (von French Window) sondern auch mit den Erwartungen der Rezipienten. Es verweigert jeglichen Ausblick, Weitblick und auch fast jede Kommunikation. 

Leonardo da Vinci feilte in der Renaissance noch jahrelang an der richtigen Perspektive, den detailgetreuen Gesichtsausdrücken und versuchte, nach mathematischen Prinzipien das Abbild der Welt darzustellen. Fünfhundert Jahre später weigern sich die Künstler*innen des 20. Jahrhunderts nun Realität überhaupt abzubilden.  Verständlich, denn wer will schon das Draußen sehen im 20. Jahrhundert? Es zeigte  eine Welt voller Weltkriege, Zerstörung und Massenvernichtungswaffen.

Auch heute im 21. Jahrhundert sehe ich draußen sterbende Bäume, karge Landschaften und die ersten Anzeichen der Klimakatastrophe. Dieser Blick nach draußen macht aus mir eine ängstliche, besorgte Betrachterin. Dann doch lieber die Schotten dicht halten und sich nach innen wenden?

Doch ohne den Blick nach draußen geht es auch nicht, funktioniert schließlich das Innen nicht. Am Ende des Tages muss ich also wieder am Fenster stehen und hinausschauen, um nicht zu vergessen, wer ich bin und vielleicht auch wer ich sein werde. Falls das aber alles zu viel wird, kann man zwischendurch immer noch Duchamps “Fresh Widow” bewundern.

Marcel Duchamp, Fresh Widow, 1920

Sekundärliteratur:

Lorenz Eitner: The Open Window and Storm Tossed Boat. An Essay On The Iconography Of Romanticism. In: The Art Bulletin, Vol. 37, 1955

Thomas de Padova: Alles wird Zahl. Hanser Verlag. München 2021

J.A. Schmoll gen. Eisenwerth: Fensterbilder – Motivketten in der europäischen Malerei. In: Katalog Einblicke – Ausblicke, Recklinghausen 1976

sehpunkte. de/ das Fenstermotiv in der Malerei, zuletzt abgerufen am 17.5.22

Zeitraumzeit.de/ Rezension Fresh Widow: Fensterbilder seit Matisse und Duchamp, zuletzt abgerufen am 17.5.22

Er kam aus Mariupol

Bis Anfang März waren circa 70 000 Ukrainer*innen in Berlin angekommen und suchten nach einer Unterkunft. In den ersten beiden Wochen hat ein Bündnis aus Freiwilligen am Berliner Hauptbahnhof die Vermittlung organisiert. Mit einem der Freiwilligen konnte ich sprechen. Eine ausführlichere Version des Artikels erschien am 9. März auf Siegessäule. //

Es ist zugig am Berliner Hauptbahnhof an diesem Dienstagmittag. Eine Gruppe von sechs Freiwilligen steht hinter einem großen Tisch, auf dem Listen für Unterkünfte und Informationszettel für Ankommende liegen. Die bunten Queer- und Transgender-Flaggen sind nicht nur auf den Westen der Helfer*innen angebracht. Auch hinter ihrem Stand sind sie deutlich zu sehen. Rechts gibt es einen Treffpunkt, der BPoC-Geflüchteten gilt, ebenfalls deutlich markiert mit Schildern. Unweit davon stehen die einzigen Polizist*innen, die in diesem Bereich des Bahnhofs zu sehen sind.

Patrick trägt eine dicke Winterjacke und Mütze. Über eine Telegram–Gruppe haben sich die Freiwilligen der LGBTIQ+ – Gruppe organisiert. Er ist seit einigen Tagen am Berliner Hauptbahnhof und hilft. In zwei Stunden-Schichten werden die Freiwilligen eingeteilt, viele bleiben länger. Alle tragen als Kennzeichen eine signalgelbe Weste. Orange ist sie, wenn die Person Russisch oder Ukrainisch sprechen kann.

Der Ankunfts- und Freiwilligen-Bereich ist voller Menschen und wirkt dennoch nicht hektisch. Plakate an Säulen zeigen an, wo es Essenstände, Medikamente und Listen für Unterkünfte gibt. Pfeile auf dem Boden machen die Laufrichtung klar, die von allen konsequent ignoriert wird. Es gibt Kleider- und Sachspenden, in einem hinteren Bereich des Bahnhofs, der weiter Richtung Busbahnhof führt. Von dort aus können die Geflüchteten in verschiedene Städte weiter fahren. Es gibt Busse bis nach Paris. Auch an das Wohl von Tieren denkt man und organisieren über die Berliner Tiertafel Futterspenden.

Der erste Zug aus Polen komme nach neun Uhr, erzählt Patrick und dann gehe es über den ganzen Tag verteilt weiter. Manche Geflüchteten kommen alleine, wie der junge Teenager Y. Er hatte es geschafft aus Mariupol, der eingeschlossenen Hafenstadt im Südosten der Ukraine zu fliehen und war nun in Berlin gelandet. Er wollte weiter nach Nürnberg fahren zu einem Freund, den Y. aber nicht mehr erreichen konnte.

„Ich komme ursprünglich aus Nürnberg,“ berichtet Patrick. Er habe dann seine Community über Instagram kontaktierte und um Hilfe gebeten. Innerhalb kürzester Zeit konnte darüber nicht nur eine Unterkunft für Y. organisiert werden sondern auch die Möglichkeit zu arbeiten. Das sei ihm wichtig gewesen. Auch am Berliner Hauptbahnhof versuchte Y. zu helfen, solange er auf seinen Zug nach Nürnberg wartete und brachte den Freiwilligen Essen. Solche Erfahrungen seien unglaublich erfüllend, schildert Patrick. Auch das Miteinander der Helfer*innen sei enorm wichtig. 

Bisher sind so gut wie alle Angebote freiwillig organisiert. Der Berliner Senat beschloss Anfang März bis zu 20.000 Ukrainer bedarfsgerecht zu versorgen und hat zudem die besondere “Dringlichkeit für die Schaffung einer zusätzlichen Erstaufnahmestruktur festgestellt”. Inzwischen gibt es auch ein Versorgungszelt vor dem Hauptbahnhof.

„Die Leute protestieren weiter, obwohl Tausende verhaftet wurden“

Das Interview wurde am 7. März auf Siegessäule veröffentlicht. Was bedeutet der Krieg gegen Die Ukraine und die Sanktionen für die LGBTIQ Community in Russland? Ein Gespräch mit einer*m Aktivist*in. Aus Sicherheitsgründen muss die Person anonym bleiben. //

Wie haben du und deine Freunde den 24. Februar erlebt? Habt ihr den Angriff erwartet?

Um ehrlich zu sein, niemand hat es erwartet. Jede*r in den Menschenrechtsorganisationen war schockiert und konnte es nicht glauben. Für mich ist es auch persönlich schwierig, denn ich habe Familie in der Ukraine. Es ist keine leichte Situation.

Es heißt, dass in Russland niemand offiziell von einem Krieg sprechen darf. Welche Informationen bekommt man?

Ich persönlich schaue keine offiziellen Fernsehsender, aber natürlich höre auch ich die Staatspropaganda. Viele Webseiten sind jetzt zusätzlich gesperrt. Öffentlich wird nicht akzeptiert, dass es ernsthafte Konsequenten für die russische Bevölkerung geben kann. Für uns Menschrechtsaktivist*innen war es vorher schon schwierig.

Was befürchtet ihr für eure Arbeit?

Wir erwarten nichts Gutes. Die Arbeit in Menschrechtsorganisationen ist in Gefahr. Die Billigung von LGBTIQ+ Rechten ist gegen die Staatsdoktrin und verfassungswidrig. Vor kurzem erst wurde Memorial aufgelöst. Wir Aktivisten versuchen natürlich weiter zu machen und so gut wie möglich dort zu helfen, wo es notwendig ist. Denn psychologische und legale Hilfe sind wichtiger denn je. Generell ist es sehr schwer vorherzusehen, was passieren wird.

Es wird also auf jeden Fall schwieriger für die queere Community unter den aktuellen Umständen.

Absolut. In Zeiten wie diesen wird die Arbeit für Menschenrechte immer schwerer. Außerdem haben die russischen Behörden ja schon zuvor keine Anzeichen gemacht, dass sich irgendwas verbessern könnte. Wir erwarten definitiv dass es schlimmer wird.

Gibt es einen Plan B, wie ihr weiter machen könnt?

Aktuell wissen wir noch nicht, wie wir weiter machen können. Wir müssen herausfinden, welche Möglichkeiten wir dann haben. Wir können einfach wenig vorhersehen im Moment. Die Situation ändert sich täglich und wir können im Prinzip nur abwarten und reagieren. Aber natürlich ist mir auch klar, dass die Situation in der Ukraine viel schlimmer ist.

Welche Folgen könnten die Sanktionen gerade für die queere Community haben?

Wir werden auf jeden Fall Schwierigkeiten bei Medikamentenlieferungen bekommen. Aber es wird auch juristisch problematischer. Zuvor haben LGBTIQ-Organisationen finanzielle Unterstützung von Organisationen und Institutionen weltweit erhalten. Sie bekommen natürlich keine staatliche finanzieller Hilfe in Russland. Der Wechselkurs ändert sich rasch und die Preise steigen bereits. Ich glaube, dass die Konsequenzen sehr unterschiedlich und weitreichend sein werden.

Du hast gerade erwähnt, wie wichtig es ist, international vernetzt zu sein. Seid ihr aktuell in Kontakt mit anderen Organisationen und habt ihr Kontakt in die Ukraine?

Wir bekommen natürlich Informationen über ihre schreckliche Lage und es ist einfach unerträglich zu sehen, wie Freunde bombardiert werden (schluckt und holt Luft). Wir versuchen trotzdem zu helfen, aber momentan können wir nicht wirklich viel tun, um zu helfen. 

Wir hören in Deutschland von den Protesten in Russland. Es ist unglaublich beeindruckend, wie viele Menschen auf die Straße gehen, obwohl es so gefährlich ist. Wachsen die Proteste? 

Die Leute gehen weiter protestieren, obwohl bereits Tausende im ganzen Land verhaftet wurden. Zum Teil wurden sie sehr brutal in Gewahrsam genommen. Dennoch gehen die Demonstrationen gehen und in meinem Umfeld versteht niemand, warum dieser Krieg überhaupt stattfindet. Das ist alles unbegreiflich. Und viele Menschen haben zu viel Angst, um öffentlich ihre Meinung zu sagen. 

Interviews mit dem Queerbeauftragten der Bundesregierung Sven Lehmann

Für die aktuellen L-Mag (März/April) und die Printausgabe der Siegessäule (März) habe ich mit Sven Lehmann (Die Grünen) über die Aufgaben seines Amtes, mögliche Herausforderungen in der kommenden Legislaturperiode und die Frage gesprochen, warum ein weißer cis-Mann in das Amt berufen wurde.

„Debatten gegen das Selbstbestimmungsgesetz sind antifeministisch“ – Nyke Slawik & Tessa Ganserer im Interview

Die Grünen-Politikerinnen Nyke Slawik und Tessa Ganserer sind die ersten öffentlich trans geschlechtlich geouteten Frauen im Deutschen Bundestag. Für das Siegessäule Magazin interviewte ich Nyke Slawik und fragte nach, wie sie den Umgang mit ihr als neuer Abgeordneter erlebt und für welche Politik sie sich einsetzen will.

Das Interview mit Tessa Ganserer gibt es in der aktuellen L-Mag.

Das TSG (Transsexuellengesetzt) soll und muss abgeschafft werde. Glauben Sie, dass es einfach wird und die Reform oben auf der Agenda eine Ampel-Koalition steht?

Ich glaube, die Chancen stehen so gut wie noch nie, weil die Fraktion und die Parteien, die vor allem im Bereich Queer-Politik und Selbstbestimmungsrecht am meisten gebremst haben, nicht mehr dabei sind. Das TSG wie es jetzt existiert ist in vielen seinen Formen verfassungswidrig. Bereits zehn Länder in Europa sind den Schritt in Richtung geschlechtlicher Selbstbestimmung gegangen und das ist einfach die Anerkennung, die wir als Politik leisten müssen. Der Tatsache, dass Geschlecht durchaus komplexer und vielfältiger ist als das, was wir traditionell in Geburtsurkunden eingetragen haben, müssen wir endlich Rechnung tragen. 

Wie wollen Sie sich noch als Bundestagsabgeordnete gegen Homo- und Transfeindlichkeit, generell für mehr Gerechtigkeit einsetzen? 

Erst einmal finde ich es sehr wichtig sichtbar zu sein. Ich glaube, es ist ein großes Zeichen an die Community und die Gesellschaft generell, dass jetzt die zwei ersten geouteten  trans* Personen im Bundestag sitzen, dass es außerdem so viele queere Personen wie noch nie mit 22 Abgeordneten im Bundestag gibt. Das ist immer noch verbesserungswürdig, aber es ist ein tolles Zeichen. Unter 16 Jahren CDU-Kanzlerschaft ist viel liegen geblieben. Zum Beispiel die Reformierung des Familienrechts. Familie ist heute vielfältiger als heterosexuelle Ehen. Wir müssen eine Wende machen hin zu der Anerkennung der Regenbogenfamilie und Patchworkfamilien. Es muss möglich sein, als trans* Mann schwanger zu werden und in der Geburtsurkunde als Vater anerkannt zu werden. Gleichzeitig leben wir  in einer Gesellschaft, wo Queerfeindlichkeit auf der Straße und im Internet ein Problem ist. Dagegen müssen wir mit mehr Aufklärungsarbeit herangehen. Wir brauchen ein klares Vorgehen gegen Hass und Gewalt. Wir brauchen auch Sensibilisierung in den Behörden und bei der Polizei. So etwas wie einen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit ist wichtig. 

Erfahren Sie Transfeindlichkeit von Kolleg*innen? Wie ist der Umgang mit Ihnen im Bundestag?

Als politisch aktiver Mensch ist man es schon gewöhnt gerade im Netz immer wieder zur Zielscheibe von Diffamierung und Hasskommentaren zu werden. Ich fand es natürlich auch sehr verletzend wie die AfD mit dem Thema Selbstbestimmungsrecht in der letzten Legislaturperiode umgegangen ist und sich darüber lustig gemacht hat. Aber von den Grünen, aber auch von anderen Fraktionen habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, viel Unterstützung erfahren. Viele sind froh, dass das Parlament diverser geworden ist. Man sieht, dass der gesellschaftliche Wandel, auch wenn er seine Zeit braucht,  irgendwann in der Herzkammer der Demokratie, im Parlament ankommt.

Sie hatten vorhin erwähnt, dass schon viele Länder das Selbstbestimmungsrecht eingeführt haben. In Großbritannien gab es eine große Debatte um Kathleen Stock, lesbische Philosophieprofessorin und Feministin, die sich gegen das Selbstbestimmunsgrecht ausspricht. Sie wurde in den deutschen Medien lange als Opfer beschrieben, langsam wird das Bild etwas differenzierter dargestellt. Wie positionieren Sie sich bei solchen Auseinandersetzungen?

Einerseits freue ich mich natürlich, dass das Thema Trans und die Diskriminierung die trans* Personen erfahren inzwischen eine größere Aufmerksamkeit erfährt. Die Kehrseite ist, dass auch transfeindliche Debatten viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mit Leuten, die mit krassen Vorurteilen und Fake News ins Feld ziehen, versuche ich immer möglichst sachlich umzugehen. Wir müssen noch mehr aufklären und Ängste nehmen und verstehen, dass der Stempel “männlich”/“weiblich” der gesamten menschlichen Natur nicht gerecht wird. Denn trans* Personen, intergeschlechtliche und nicht binäre Menschen existieren. Wir sind zwar eine Minderheit, aber wir haben ein Recht darauf anerkannt zu werden. Meiner Meinung nach sind transfeindlichen Debatten, die sich gegen das Selbstbestimmungsrecht stellen, auch zutiefst anti-feministisch. Denn das Ziel des Feminismus muss es doch eigentlich sein, aus einer gesellschaftlichen und staatlichen Kontrolle auszubrechen und Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen … und ebenso ein selbstbestimmtes Handeln über ihren Körper. Dabei ist es egal, ob das jetzt das Recht auf Abtreibung ist oder das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung. Das sind ja die gleichen patriarchalen Strukturen gegen die wir uns wenden. 

Rezensionen // Deutscher Buchpreis

Am 18. Oktober wird der Deutsche Buchpreis verliehen. Auf der Longlist stehen 20 Bücher. Zwei Romane habe ich für soundsandbooks gelesen und besprochen. Darunter sind Dana Grigorceas feministischer Vampirroman „Die nicht sterben“ und Sasha Marianna Salzmanns „Im Menschen muss alles herrlich sein“. //

Die nicht sterben – Roman von Dana Grigorcea

Dana Grigorcea schreibt einen feministischen Vampir-Roman

Gricorcea hat einen modernen, feministischen Vampir-Roman geschrieben und darin eine Geschichte über Migration und ihre Folgen verwoben. Im Zentrum steht eine junge Künstlerin, die frisch aus Paris zurück in die kleine Stadt B mitten in Transsilvanien reist, wo die Mythen um Graf Dracula nicht nur bei den Bewohner*innen fantastische und finanzielle Blüten treiben. Dabei schreibt die rumänisch-schweizerische Schriftstellerin in einem Stil, der spielerisch Bram Stokers’ Erzählduktus adaptiert und trotzdem nicht antiquiert wirkt.

Bürgerliche Entourage in einer post-kommunistischen Welt

Zu Beginn tauchen die Leser*innen in eine bereits untergegangene post-kommunistische Welt ein, die von dem Freundeskreis um die Großtante der Protagonistin, bespielt wird. Die Entourage dieser Großtante reist jeden Sommer aus Bukarest an und belebt den ehemaligen, zu Sowjetzeiten enteigneten Landsitz der Familie. In bürgerlicher Manier wird hier diskutiert, getrunken, getanzt und gelacht. Mittendrin ist die junge Protagonistin, die später in die Ferne ziehen und in Frankreich Malerei studieren wird. Als sie das Studium beendet hat, kehrt sie zurück und ist dem alten Sommerglück inzwischen entwachsen. “Und seltsame Schuldgefühle stiegen in mir hoch, darüber, dass ich so lange weg war und jetzt nicht mehr mit der nötigen Zuneigung auf diesen Ort schaute.”

Grigorcea verbindet einen Mord, Graf Dracula und Migration zu “herstory”

Der jungen Künstlerin begegnet das unsichtbare Grauen als große Kraft, denn es oder vielmehr er, der Graf, ist Teil ihrer Familiengeschichte. Die Verschmelzung mit dem Grafen, die ein wenig an die Bluthochzeit im Roman von Bram Stokers erinnert, verleiht ihr übernatürliche Kräfte. Gricorcea beschreibt diese Verwandlungen so gut und spürbar, dass es beim Lesen sachte den Rücken hinab rieselt. Die Geschichte des heutigen Rumäniens, das Schicksal eines Land, dass die Jungen verlassen, um immer seltener zurückzukehren, bindet die Autorin um den Mord an einem ehemaligen Dorfbewohner organisch ein und alles zusammen hält die Protagonistin und ihre magischen Kräfte. Dabei entwickelt sich die Geschichte zunehmend zu einer erfrischend feministischen Erzählung, zu “herstory”, die zurecht auf der Liste des deutschen Buchpreises steht.

Erschienen als Hardcover im Pinguin Verlag, 272 Seiten für 22,- Euro.


Im Menschen muss alles herrlich sein – Roman von Sasha Maria Salzmann

Sasha Marianna Salzmann erzählt im neuen Roman vom chaotisch schönen Menschendasein 

“Im Menschen muss alles herrlich sein”, hieß es zu Sowjetzeiten und so nennt Sasha Marianna Salzmann den neuen Roman. Dort ist dieses Menschendasein vor allem chaotisch und durchbrochen von Wünschen, Hoffnung und Enttäuschungen. Es geht um die beiden Frauen Lena und Tatjana, ihren sehr unterschiedlichen und doch ähnlichen Leben in der Ukraine und es geht um das Leben danach. Nachdem sie ausgewandert sind und nachdem sie sich im Deutschland der 90er Jahre zurecht finden mussten. Es umgibt vor allem Lena immer die Mischpoche und die anderen Ausgewanderten, die zwar damit ein Teil ihres Lebens sind, aber eben auch vieles unmöglich machen. Dieser ersten Generation im anderen Land gelingt es nicht, sich frei zu strampeln vom alten Leben. Die heimliche Hauptgeschichte des Romans ist die Zeit der 70er Jahre in der Ukraine, Lenas Kindheitsgeschichte, die komplizierte Beziehung zur schwerkranken Mutter und einem sehr stillen, manchmal unsichtbaren Vater. Hier will die Leser*in bleiben und den Sommer wieder und wieder in Sotschi bei der Großmutter und dann später im Ferienlager verbringen. Denn an diesen Orten werden Hoffnung und zarte Gefühle gelebt, die die Jugend aber nicht überstehen.

Von der Vergangenheit kommt auch die nächste Generation nicht los

Die nächste Generation, die Töchter von Tatjana und Lena, Nina und Edi, versuchen die Sowjetpatina, die die Eltern umgibt loszuwerden und ein eigenes Leben zu führen. Sie glauben nicht so recht an die Verbindung zu einem obskuren Früher, über das nicht geredet wird. Beide gehen ihren eigenen zurückgezogenen und suchenden Weg im Heute. Aber Erinnerungen und Erfahrungen werden doch irgendwie weiter gegeben. Auch wenn diese Erfahrungen vielleicht nie besprochen werden, sind sie in das Gewebe der nächsten Generation eingeflochten. Edis Herkunftsgeschichte, die bis zum Schluss vor ihr verschwiegen wird, darf nicht sein. Sie ist zu kompliziert, auch wenn es der angetrunkenen Mutter Lena zum Geburtstag fast von der Zunge hüpfen will und vielleicht ahnt Edi da schon etwas. Es sind die Frauen, auf denen das Augenmerk liegt. Sie sind diejenigen, die gehen und neu anfangen und weiter machen. Die Männer bleiben zurück, verschwinden oder leben im Schatten der Familie.

Sasha Marianne Salzmann schreibt Miniaturgemälde

Auch im zweiten Roman entwirft Sasha Marianna Salzmann mit dem Schreiben Miniaturgemälde. Wie durch ein Vergrößerungsglas schaut man auf ein Sprachbild, das seinesgleichen sucht. “Vor Lenas Augen tanzten zwei schwarze Mähnen, die sich wie Münder schüttelten, Münder mit löchriger Milchzahnpartie tauchten auf, dünne, von der Sonne und vom Staub wie Bronze gefärbte Arme flogen durch die Luft – Artjom und Lika tobten im Sägemehl…” Da kann man hinein sinken und taucht irgendwo im Dnieper in der Ostukraine wieder auf und mit dem nächsten Atemzug läuft man mit zerschlissenen Adidas-Turnschuhen durch Moskau, um schließlich in Erfurt und Berlin zu landen. Salzmann wirbelt die Protagonist*innen durch Raum und Zeit und vor allem durch die menschlichen, manchmal unzumutbaren Gefühlsausbrüche, Beziehungen und Gesellschaftsumbrüche, dass es die Leser*in schwindelt und es ist eine Freude. “Im Menschen muss alles herrlich sein” steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021.

Erschienen als Hardcover im Suhrkamp Verlag, 384 Seiten für 24,- Euro.

Katerstimmung dank Franziska Giffey

Ein Kommentar zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 26. September erschienen im Siegessäule-Magazin. //

Nach dem letzten Wochenende fühlt sich die progressive Berliner*in wie nach einer dieser unangenehmen Partynächte: Es fing richtig gut an mit dem Klimastreik am Freitag und seinen über 100 000 Teilnehmer*innen. Zwischendurch gab es noch mal einen Höhepunkt mit einer grünen Partei bei über 23 Prozent. Der Abend endete dann in einer Ausnüchterungszelle mit der Aussicht auf einen Senat in Deutschlandfarben. Oder würde die konservative SPDlerin Franziska Giffey doch mit den Linken koalieren, wenn sie müsste?

CDU-nahe Slogans

Die SPD gewinnt die Wahlen um das Berliner Abgeordnetenhaus und mit ihr die Spitzenkandidatin Franziska Giffey. Selbige zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit CDU-nahen Wahlslogans in das Rennen ging („Ganz sicher Berlin“) und die Stadt an der Spree mit New York in den 80ern zu verwechseln schien. Auch ist Giffeys Vorstellung, wie der Wohnungsnot begegnet werden könnte, eher bei den Konservativen und Liberalen wieder zu finden (bauen, bauen, bauen). Deshalb also die Vermutung, dass sich die ehemalige Familienministerin und Ex-Bürgermeisterin von Neukölln eine Koalition mit der CDU und der FDP wünscht.

Damit entspricht sie nicht den Vorstellungen der links ausgerichteten Berliner SPD. Aber Franziska Giffey will unbedingt regieren, das hat sie bewiesen, indem sie in den letzten Wochen bereits viele Gesetzesvorhaben blockierte, obwohl sie noch keine Stimme im Senat hatte.

Mit der Brückenbauerin Bettina Jarasch hingegen wäre eine Koalition möglich, wenn es dort Einigungen über grüne Themen wie die Mobilitätswende gäbe. Franziska Giffey vertritt auch hier eher die konservative Linie gegen eine autofreie Innenstadt. Sie will hingegen den Nahverkehr ausbauen und mehr Elektrofahrzeuge in die Stadt bringen. Wie das genau funktionieren soll, ist nicht klar.

Enteignen: nicht mit Giffey

Außerdem braucht es eine dritte Partei als Koalitionspartner. Doch Welten trennen die geborene Frankfurterin (an der Oder) von der Linken. Die Partei um den Kultursenator Klaus Lederer unterstützt nicht nur ein strukturpolitisch progressives Berlin im Bereich Kultur. Die Linke steht hinter dem Volksentscheid zur Vergesellschaftung der Deutsche Wohnen und Co., der am Sonntag immerhin eine Mehrheit ergattert hat.

Aber genau an diesem Punkt gibt es eine „rote Linie“ für Franziska Giffey. Da der Volksentscheid nicht bindend ist, wird sie ihn wohl nicht umsetzen. Als Koalitionspartner kämen ihr da die CDU um Kai Wegner, der sich ein Bündnis mit der SPD nach eigenen Worten gut vorstellen kann, und mit der FDP genau richtig.

An diesem Punkt stellt sich nun die Frage, wie eine Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey sich für die Rechte der queeren Community einsetzen will, wo sie gerade mit der CDU auf Bundesebene im Bezug auf die Änderung des „Transsexuellengesetzes“ auf keinen grünen Zweig kam. Die Verhandlungen dazu wurden von der SPD abgebrochen.

Düstere Aussicht für alternative Projekte

Medienwirksam lächelt Giffey zwar gerne mit bekannten Gesichtern aus der Berliner Community in die Kamera, wie zum Beispiel in einem Wahlkampfvideo mit Frank Wilde, Johannes Kram und Stephanie Kuhnen, und auch findet sie es gut, dass es Orte wie das Schwule Museum gibt. Doch lässt es sich darin schlecht wohnen. Dass gerade queere Menschen eher von sozialer Benachteiligung betroffen sind als die heteronormative Mehrheit scheint ihr im Grunde egal zu sein, wenn sie den sozialen Wohnungsmarkt nicht im Blick hat. Queere Infrastrukturen sind noch immer gefährdet, gerade in einer Stadt mit Wohnungsnot. Ideen hatte Franziska Giffey dazu bisher keine.

Im Prinzip ist es recht einfach. Wer in die sehr nahe Zukunft schauen will, sieht sich an, wie Franziska Giffey sich bisher zu links-alternativen queeren Wohnprojekten geäußert hat. Gerade hier aber gäbe es weiterhin viel zu tun, denn auch der bisherige rot-rot-grüne Senat hat Baustellen hinterlassen. Wie bei der Wagenburg Mollies, die noch immer nach einem geeigneten Ort für ihr Projekt sucht und letztes Jahr unter anderem Zuspruch von der Sprecherin für Stadtentwicklung der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Katalin Gennberg, erhalten hatte.

Passiert ist bisher wenig. Immerhin versucht die Linke, die Wagenplätzen zu legalisieren, um so alternative Lebensformen zu sichern.

Ob das unter einer regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey auch möglich wäre?

„Auch eine alternative Lebensform muss Miete zahlen“ – Franziska Giffey im Interview

Im Rahmen der Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus und den Bundestag bringt die Siegessäule Interviews mit den Spitzenkandidaten der großen Parteien. Ich sprach mit der SPD-Kandidatin für das Berliner Abgeordnetenhaus über queere Freiräume, steigende Mieten und Liebig 34.//

Frau Giffey, Sie sagen, Berlin sei für Sie “Herzenssache”. Warum?

Weil Berlin mein Zuhause ist. Weil ich Berlinerin bin, auch wenn ich nicht hier geboren bin. Ich möchte, dass sich die Stadt auch in Zukunft gut entwickelt und, dass das, wofür Berlin steht “Freiheit, Toleranz, Weltoffenheit, lebenswerte Stadt” bestehen bleibt. Das zu erhalten, dieses Lebenkönnen wie man will und Liebenkönnen wen man will, das ist für mich Herzenssache.

Ihr Wahl-Slogan “Ganz sicher Berlin” macht es deutlich: Sicherheit ist Ihnen wichtig. Was würden Sie sagen, wer fühlt sich in Berlin nicht sicher? 

Berlins Markenkern ist die Freiheit. Die kann aber nur erhalten bleiben, wenn Menschen sich sicher fühlen. Ich meine damit einen Begriff von Sicherheit, der sehr breit ist. Dazu gehört die soziale Sicherheit. Das ist ja ein Kernanliegen der Sozialdemokratie, dass Menschen zum Beispiel keine Angst haben müssen, ob sie sich ihre Wohnung leisten können. Aber es gehört auch die innere Sicherheit dazu. Also dass Menschen geschützt sind vor Kriminalität, vor Hass, vor Hetze, vor Angriffen gegen ihre Person. Gerade für die LGBTIQ-Community ist das natürlich ein Punkt. Es gibt Orte, wo man sich sehr wohl und sicher und auch zuhause fühlt und Orte, wo es schwieriger ist.

Sie sagen es selbst, die queere Community braucht sichere Orte, sogenannte Safe Spaces. Was planen Sie? Wie möchten Sie die queere Infrastruktur unterstützen, vielleicht auch ausbauen?

Ich hatte vor kurzem mit Margot Schlönske und Juressica Parka ein sehr schönes Insta live-Gespräch. Sie sagten zum Beispiel, der Schöneberger Kiez um den Nollendorf Platz müsste doch eigentlich Weltkulturerbe werden. Und ich fand das einen interessanten Punkt. Sie haben damit ausgedrückt, dass wir hier in Berlin einen ganz besonderen Schatz haben, nämlich die größte queere Community in Europa. Aber die vorhandenen queeren Orte bleiben nicht von allein. Wir müssen darauf achten, dass diese Orte erhalten bleiben können. Gerade jetzt, wo sie besonders durch die Pandemie betroffen sind. Es ist wichtig, wenn wir den Neustart für Berlin denken, für die Berliner Wirtschaft und die Branchen, die besonders von den Folgen der Kontaktbeschränkungen betroffen sind, dass wir das queere Leben mitdenken. Ich finde es gut, dass es Orte gibt wie das schwule Museum. Das sind Anziehungspunkte auch über Berlin hinaus. Auch da sage ich ganz klar, erhalten und entwickeln. Die dezentrale Arbeit der queeren Szene finde ich sehr wichtig.

Es gibt ja alternative Begegnungsorte und Lebensorte, die gefährdet sind, wie die Wagenburg Mollies oder Liebig 34, das mitten in der Pandemie geräumt wurde. War es wirklich notwendig, das in einer Pandemie so hart durchzuziehen? Die Bewohner*innen sagten teilweise im Nachgang, dass sie nicht mehr nur kein Zuhause hatten, sondern deshalb auch nicht in die vorgeschriebene Quarantäne gehen konnten, weil sie bei Freund*innen unterkommen mussten. Passt das denn so zu Berlin als weltoffener, liberaler Stadt?

Also, dass die Liebig 34 jetzt das queere Vorzeigeprojekt der Stadt ist, ist ja eine interessante Sichtweise.

Ja, das ist ein Projekt, das genannt werden kann.

In der Liebig 34 wurde massive, linksradikale Gewalt ausgeübt, gegen Polizistinnen und Polizisten und Sicherheits– und Rettungskräfte. Ich bin immer dafür, dass wir queere Orte und Projekte unterstützen, aber nur dann, wenn sie nicht die Rechte der Anderen verletzten. Die Leute haben Anspruch auf ein Haus erhoben, das ihnen nicht gehört. Auch queere Projekte können sich nicht dadurch rechtfertigen, dass sie einfach in ein Haus gehen und keine Miete bezahlen. Jeder, der in dieser Stadt lebt, muss sich an bestimmte Regeln halten. 

Menschen, die sich in einem queeren oder in einem alternativen Wohnprojekt zusammen finden, machen das ja meistens, weil sie eine alternative Lebensform leben wollen und das so nicht immer und überall möglich ist. Es geht um genau diesen Raum, um diese schützenswerte Infrastruktur.

Auch eine alternative Lebensform muss Miete zahlen. Ganz einfach. Alle Anderen, die in dieser Gesellschaft ordentlich Miete bezahlen, haben dafür kein Verständnis.

Wir brauchen Wohnraum, der bezahlbar ist. Es gibt das Problem der Gentrifizierung in der Stadt. Wie wollen Sie dem begegnen? Wie wollen Sie bezahlbare Wohnungen in die Stadt bringen?

Nicht, indem wir tolerieren, dass Steine vom Dach auf die Polizei geworfen werden! Das ist für mich keine Diskussion mehr über Gentrifizierung, sondern das ist radikale Gewalt, nichts weiter. Richtig ist, dass die Stadt in den letzten 10 Jahren um über 200.000 Menschen gewachsen ist. Sie alle brauchen Wohnraum. Wir werden diese Situation nur entspannen, wenn wir zwei Dinge tun: den Schutz der Mieterinnen und Mieter achten und voran bringen und, wenn wir zum anderen Wohnungen neu bauen, das Angebot vergrößern. Wir müssen klare Regeln für den sozialen Wohnungsbau haben. Es gibt es ja in Berlin das Modell der “Kooperativen Baulandentwicklung”. Das finde ich sehr wichtig. Jeder, der neu baut, ist verpflichtet, auch einen Anteil an bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Er muss auch einen Beitrag zur sozialen Infrastruktur leisten, zum Beispiel zu den Kitaplätzen. Unsere Aufgabe, als Staat, als diejenigen, die dafür sorgen müssen, dass Wohnraum auch bezahlbar bleibt, ist, regulierend einzugreifen. Wenn Menschen Mietwucher betreiben, wenn sie weit über die Mietpreisbremse und den Mietenspiegel hinaus gehen. Dann ist ganz wichtig, klare Kante zu zeigen und auch unfairen Vermietern klipp und klar zu sagen: So geht es nicht. Um das Angebot von Wohnungen zu vergrößern, ist aber der Neubau das Wichtigste. Das will zur Chefinnensache machen.

Mit wem würden Sie gerne diese Ideen durchsetzen? Mit wem würden Sie gerne koalieren?

Wir müssen jetzt erst Mal diese Wahl und das Ergebnis abwarten. Wir haben als SPD ganz klar gesagt, was wir wollen, wofür wir stehen. Wir haben uns auf Schwerpunktthemen fokussiert. Für mich ist entscheidend, mit welchem Partner wir möglichst viele unserer Ziele und unser Programm auch umsetzen können.

Ein wichtiger Punkt in Ihrer Zeit als Familienministerin waren die Verhandlungen zum Transsexuellengesetz (TSG). Die SPD hat sie abgebrochen, weil es keine Einigung mit der CDU gab. Von der Opposition wurde Ihnen zum Teil vorgeworfen, dass Sie den Gesetzesentwurf nicht leidenschaftlich genug eingebracht hätten. Was sagen Sie dazu?

Wir haben ja eine ganz klare Position dazu auch hier in der Berliner SPD. Wir setzen uns dafür ein, dass das TSG abgeschafft und durch ein modernes Recht ersetzt wird. So, dass jeder auch seiner Identität entsprechend leben kann, ohne sich immer wieder rechtfertigen zu müssen und gegängelt zu werden durch Regularien. Als ich als Bundesfamilienministerin begonnen habe, gab es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen mir und Katharina Barley, die auch sehr für den Entwurf gekämpft hat. Wir haben dann aber irgendwann gesagt, wir können jetzt keinen Entwurf durchdrücken, der von der Community nicht als Verbesserung gesehen wird. Deswegen ist es damals nicht zustande gekommen. Wir sind immer wieder an diesen unterschiedlichen Auffassungen mit der Union gescheitert. Auch bei der Reform des Adoptionshilferechts und des Abstammungsrechts und dem Thema der „Mitmutterschaft“ konnte keine Einigung gefunden werden. Es wäre beinahe das neue Adoptionshilfegesetz daran gescheitert. Letztendlich haben wir die Beratungspflicht für lesbische Mütter und Paare abschaffen können. Ich habe als Familienministerin immer einen sehr breit gefassten Familienbegriff vertreten. Familie ist überall dort, wo sich Menschen umeinander kümmern. Und wir müssen ermöglichen, dass auch die Regenbogenfamilien die gleichen Rechte und Rahmenbedingungen haben, wie alle anderen Familien auch.