„Auch eine alternative Lebensform muss Miete zahlen“ – Franziska Giffey im Interview

Im Rahmen der Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus und den Bundestag bringt die Siegessäule Interviews mit den Spitzenkandidaten der großen Parteien. Ich sprach mit der SPD-Kandidatin für das Berliner Abgeordnetenhaus über queere Freiräume, steigende Mieten und Liebig 34.

Frau Giffey, Sie sagen, Berlin sei für Sie “Herzenssache”. Warum?

Weil Berlin mein Zuhause ist. Weil ich Berlinerin bin, auch wenn ich nicht hier geboren bin. Ich möchte, dass sich die Stadt auch in Zukunft gut entwickelt und, dass das, wofür Berlin steht “Freiheit, Toleranz, Weltoffenheit, lebenswerte Stadt” bestehen bleibt. Das zu erhalten, dieses Lebenkönnen wie man will und Liebenkönnen wen man will, das ist für mich Herzenssache.

Ihr Wahl-Slogan “Ganz sicher Berlin” macht es deutlich: Sicherheit ist Ihnen wichtig. Was würden Sie sagen, wer fühlt sich in Berlin nicht sicher? 

Berlins Markenkern ist die Freiheit. Die kann aber nur erhalten bleiben, wenn Menschen sich sicher fühlen. Ich meine damit einen Begriff von Sicherheit, der sehr breit ist. Dazu gehört die soziale Sicherheit. Das ist ja ein Kernanliegen der Sozialdemokratie, dass Menschen zum Beispiel keine Angst haben müssen, ob sie sich ihre Wohnung leisten können. Aber es gehört auch die innere Sicherheit dazu. Also dass Menschen geschützt sind vor Kriminalität, vor Hass, vor Hetze, vor Angriffen gegen ihre Person. Gerade für die LGBTIQ-Community ist das natürlich ein Punkt. Es gibt Orte, wo man sich sehr wohl und sicher und auch zuhause fühlt und Orte, wo es schwieriger ist.

Sie sagen es selbst, die queere Community braucht sichere Orte, sogenannte Safe Spaces. Was planen Sie? Wie möchten Sie die queere Infrastruktur unterstützen, vielleicht auch ausbauen?

Ich hatte vor kurzem mit Margot Schlönske und Juressica Parka ein sehr schönes Insta live-Gespräch. Sie sagten zum Beispiel, der Schöneberger Kiez um den Nollendorf Platz müsste doch eigentlich Weltkulturerbe werden. Und ich fand das einen interessanten Punkt. Sie haben damit ausgedrückt, dass wir hier in Berlin einen ganz besonderen Schatz haben, nämlich die größte queere Community in Europa. Aber die vorhandenen queeren Orte bleiben nicht von allein. Wir müssen darauf achten, dass diese Orte erhalten bleiben können. Gerade jetzt, wo sie besonders durch die Pandemie betroffen sind. Es ist wichtig, wenn wir den Neustart für Berlin denken, für die Berliner Wirtschaft und die Branchen, die besonders von den Folgen der Kontaktbeschränkungen betroffen sind, dass wir das queere Leben mitdenken. Ich finde es gut, dass es Orte gibt wie das schwule Museum. Das sind Anziehungspunkte auch über Berlin hinaus. Auch da sage ich ganz klar, erhalten und entwickeln. Die dezentrale Arbeit der queeren Szene finde ich sehr wichtig.

Es gibt ja alternative Begegnungsorte und Lebensorte, die gefährdet sind, wie die Wagenburg Mollies oder Liebig 34, das mitten in der Pandemie geräumt wurde. War es wirklich notwendig, das in einer Pandemie so hart durchzuziehen? Die Bewohner*innen sagten teilweise im Nachgang, dass sie nicht mehr nur kein Zuhause hatten, sondern deshalb auch nicht in die vorgeschriebene Quarantäne gehen konnten, weil sie bei Freund*innen unterkommen mussten. Passt das denn so zu Berlin als weltoffener, liberaler Stadt?

Also, dass die Liebig 34 jetzt das queere Vorzeigeprojekt der Stadt ist, ist ja eine interessante Sichtweise.

Ja, das ist ein Projekt, das genannt werden kann.

In der Liebig 34 wurde massive, linksradikale Gewalt ausgeübt, gegen Polizistinnen und Polizisten und Sicherheits– und Rettungskräfte. Ich bin immer dafür, dass wir queere Orte und Projekte unterstützen, aber nur dann, wenn sie nicht die Rechte der Anderen verletzten. Die Leute haben Anspruch auf ein Haus erhoben, das ihnen nicht gehört. Auch queere Projekte können sich nicht dadurch rechtfertigen, dass sie einfach in ein Haus gehen und keine Miete bezahlen. Jeder, der in dieser Stadt lebt, muss sich an bestimmte Regeln halten. 

Menschen, die sich in einem queeren oder in einem alternativen Wohnprojekt zusammen finden, machen das ja meistens, weil sie eine alternative Lebensform leben wollen und das so nicht immer und überall möglich ist. Es geht um genau diesen Raum, um diese schützenswerte Infrastruktur.

Auch eine alternative Lebensform muss Miete zahlen. Ganz einfach. Alle Anderen, die in dieser Gesellschaft ordentlich Miete bezahlen, haben dafür kein Verständnis.

Wir brauchen Wohnraum, der bezahlbar ist. Es gibt das Problem der Gentrifizierung in der Stadt. Wie wollen Sie dem begegnen? Wie wollen Sie bezahlbare Wohnungen in die Stadt bringen?

Nicht, indem wir tolerieren, dass Steine vom Dach auf die Polizei geworfen werden! Das ist für mich keine Diskussion mehr über Gentrifizierung, sondern das ist radikale Gewalt, nichts weiter. Richtig ist, dass die Stadt in den letzten 10 Jahren um über 200.000 Menschen gewachsen ist. Sie alle brauchen Wohnraum. Wir werden diese Situation nur entspannen, wenn wir zwei Dinge tun: den Schutz der Mieterinnen und Mieter achten und voran bringen und, wenn wir zum anderen Wohnungen neu bauen, das Angebot vergrößern. Wir müssen klare Regeln für den sozialen Wohnungsbau haben. Es gibt es ja in Berlin das Modell der “Kooperativen Baulandentwicklung”. Das finde ich sehr wichtig. Jeder, der neu baut, ist verpflichtet, auch einen Anteil an bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Er muss auch einen Beitrag zur sozialen Infrastruktur leisten, zum Beispiel zu den Kitaplätzen. Unsere Aufgabe, als Staat, als diejenigen, die dafür sorgen müssen, dass Wohnraum auch bezahlbar bleibt, ist, regulierend einzugreifen. Wenn Menschen Mietwucher betreiben, wenn sie weit über die Mietpreisbremse und den Mietenspiegel hinaus gehen. Dann ist ganz wichtig, klare Kante zu zeigen und auch unfairen Vermietern klipp und klar zu sagen: So geht es nicht. Um das Angebot von Wohnungen zu vergrößern, ist aber der Neubau das Wichtigste. Das will zur Chefinnensache machen.

Mit wem würden Sie gerne diese Ideen durchsetzen? Mit wem würden Sie gerne koalieren?

Wir müssen jetzt erst Mal diese Wahl und das Ergebnis abwarten. Wir haben als SPD ganz klar gesagt, was wir wollen, wofür wir stehen. Wir haben uns auf Schwerpunktthemen fokussiert. Für mich ist entscheidend, mit welchem Partner wir möglichst viele unserer Ziele und unser Programm auch umsetzen können.

Ein wichtiger Punkt in Ihrer Zeit als Familienministerin waren die Verhandlungen zum Transsexuellengesetz (TSG). Die SPD hat sie abgebrochen, weil es keine Einigung mit der CDU gab. Von der Opposition wurde Ihnen zum Teil vorgeworfen, dass Sie den Gesetzesentwurf nicht leidenschaftlich genug eingebracht hätten. Was sagen Sie dazu?

Wir haben ja eine ganz klare Position dazu auch hier in der Berliner SPD. Wir setzen uns dafür ein, dass das TSG abgeschafft und durch ein modernes Recht ersetzt wird. So, dass jeder auch seiner Identität entsprechend leben kann, ohne sich immer wieder rechtfertigen zu müssen und gegängelt zu werden durch Regularien. Als ich als Bundesfamilienministerin begonnen habe, gab es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen mir und Katharina Barley, die auch sehr für den Entwurf gekämpft hat. Wir haben dann aber irgendwann gesagt, wir können jetzt keinen Entwurf durchdrücken, der von der Community nicht als Verbesserung gesehen wird. Deswegen ist es damals nicht zustande gekommen. Wir sind immer wieder an diesen unterschiedlichen Auffassungen mit der Union gescheitert. Auch bei der Reform des Adoptionshilferechts und des Abstammungsrechts und dem Thema der „Mitmutterschaft“ konnte keine Einigung gefunden werden. Es wäre beinahe das neue Adoptionshilfegesetz daran gescheitert. Letztendlich haben wir die Beratungspflicht für lesbische Mütter und Paare abschaffen können. Ich habe als Familienministerin immer einen sehr breit gefassten Familienbegriff vertreten. Familie ist überall dort, wo sich Menschen umeinander kümmern. Und wir müssen ermöglichen, dass auch die Regenbogenfamilien die gleichen Rechte und Rahmenbedingungen haben, wie alle anderen Familien auch.

Kurzgeschichten

Mit dem August kamen nicht nur der Regen und die ersten Spätsommeranzeichen, sondern es wurden auch zwei Kurzgeschichten veröffentlicht, die mir sehr am Herzen liegen.

Im Frühling bat das Künstler:innenkollektiv absolut.zine um unsere Zukunftsvisionen und wir haben geliefert. Zu lesen gibt es diese online und eine kleine Auswahl auch in gedruckter Form. „In naher Zukunft, sehr fern“ ist mein Beitrag und spielt mit einem Sci Fi-Zukunftskonzept. Schauen wir in die Zukunft oder treffen doch Parallelwelten aufeinander? Und was hat Hermann mit einem verschwundenen Onkel zu tun? Findet es heraus, wenn ihr mögt; den kompletten Text findet ihr unten.

Fast zur gleichen Zeit riefen die zwei Ladies von dem neu gegründeten Literaturmagazin Prosa:ist:innen dazu auf, alles auf Anfang zu stellen und dazu zu schreiben. Erschienen ist das erste Magazin am 31. Juli und kann hier erworben werden. Ich darf mit einer kurzen Geschichte über Jesus dabei sein und erörtere, warum er in meine Küche ascht. Wir freuen uns, wenn ihr Lust auf die gut 100 Seiten Anfänge habt. Viel Spaß damit!


In naher Zukunft, sehr fern

I.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Hermann hingegen zeigte sich relativ unbeeindruckt. Die letzten Tage waren nicht normal gewesen. Aber was heißt das schon? Das Wort “normal” allein sieht langweilig bodenständig aus. Die Buchstaben ohne Öffnung nach oben, alles ist abgerundet, ohne Tiefgang. Wer will das schon?

Wir waren zehn Tage lang in die Marienstraße gegangen. Immer dann, wenn es dämmerte und die Fledermäuse bereits unterwegs waren. Nicht dass wir Fledermäuse gesehen hätten. Wir spürten sie. Sie waren auf der Suche nach Nahrung und zogen ihre Bahnen über uns. Mich zog es zu dem Ladengeschäft mit dem großen Schaufenster. Dahinter lag eine sorgfältig arrangierte Art Decó-Welt voller Vintage-Möbel. Es gab einen Frisiertisch inklusive überdimensionalem Spiegel, bei dem man an einen alten Hollywood-Schinken mit Greta Garbo denkt. Der Frisiertisch hatte es mir angetan und Hermann dachte ganz sicher, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun hatte. Davon bin ich überzeugt. Er kommentierte diesen Umstand aber nicht weiter,  was ich ihm hoch anrechnete. Der Frisiertisch bestand aus schwerem, glänzendem Holz mit einer tiefen Einlassung in der Mitte. Darüber ein Spiegel wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, denn er hatte einen Mittelteil und zwei Flügeln rechts und links. Der Spiegel war alt und auf der Oberfläche zeigten sich kleine, dunkle Flecken. Der linke Flügel war übersät davon – ein Sternenbild aus Oxidationspunkten. Sogar eine Milchstraße gab es, die sich wie ein dunkler Schweif von links nach rechts zog.

Als ich an einem Freitagabend das erste Mal vor dem Schaufenster stehen geblieben war, hatte ich gerade einen sehr langen Spaziergang hinter mir. Ich war von einem Ende der Stadt zum anderen gelaufen, weil ich meine eigenen vier Wände nicht mehr ertragen konnte. Seit Monaten saß die halbe Menschheit, zumindest die, die es sich leisten konnte, zuhause vor dem Computerbildschirm und arbeitete im Home Office. Ich gehörte dazu und war gerade dabei, meinen Verstand zu verlieren. Also musste ich mindestens einmal am Tag möglichst weit laufen, mit meinem Kopf um die Wette rennen.

An jenem ersten Abend war Hermann nicht dabei gewesen. Er hatte mich nur müde vom Sofa aus angeschaut und so war ich alleine los gegangen, ohne zu wissen wohin. Schließlich war ich in einem sonst eher belebten Viertel der Stadt gelandet, das jetzt aber wie ein vergessenes Dornröschen in tiefem Schlaf lag. Es war unheimlich. Ich mochte Touristen nicht, aber jetzt vermisste ich sie. Warum ich genau vor diesem Schaufenster stehen geblieben war, weiß ich nicht mehr. Ich guckte vor mich hin, ohne zu sehen, bis mein Blick an dem Frisiertisch mit Spiegel hängen blieb. Was für ein Monster, dachte ich und malte mir die Greta Garbos davor aus, als ich es plötzlich sah. 

Ein Schatten zog sich über den Spiegel, von der Milchstraße aus über den Mittelteil bis hin zum rechten Flügel. Ich drehte mich um und schaute hinter mich. Der Himmel und die Straße waren inzwischen dunkel und sehr still. Keine Fledermaus am Himmel, keine Straßenbeleuchtung mehr an. Als ich wieder durch das schwach beleuchtete Schaufenster in den Spiegel blickte, erkannte ich mich. Dort stand ich. Nicht wie ich war, sondern wie ein anderes, etwas älteres Ich, leicht im Profil zu sehen. Ich hatte Krähenfüße um die Augen und wirkte müde. Vorsichtig berührte ich die Schaufensterscheibe, doch die Andere rührte sich nicht. Sie kniff nur die Augen ein wenig zusammen. Mein Atem wurde flach. Aus meinen Eingeweiden schwappte Angstbrei nach oben. Ich wollte losbrüllen, die Angstwelle irgendwie raus schreien, loswerden. Der Schrei aber saß quer, versteckte sich irgendwo zwischen den Mandeln. Kein Laut kam aus mir heraus. Unbeweglich stand ich da, die Füße in den Asphalt geschmolzen, die Augen auf den Spiegel gerichtet. Die Andere schien etwas zu suchen. Etwas, das ich nicht sehen konnte. Dann tat sie, was auch ich häufig mache: 

Ich kaue auf meiner Unterlippe herum. Das soll ich nicht machen. Manchmal beiße ich mir dabei die Lippen blutig. Von hier aus kann man wirklich nicht gut die Flughafenhalle überblicken. Ich sehe nichts. Wollte er mich nicht abholen? Ist er das da? Da? Ja! Das ist er. Ich glaube, er hat mich gesehen.

“Johann”, murmelte ich leise, als ein Mann vor meinem anderen Ich auftauchte. Ich hatte Johann nie gesehen, kannte ihn aber aus Erzählungen und von vielen, zu vielen Fotos. Ich wusste, dass diese große Gestalt mit den kurzen, wild abstehenden Haaren und dem weichen Gesicht dort im Spiegel Johann war. Er lächelte, streckte seine Hand aus und nahm die Tasche. Die beiden wechselten ein paar Worte und drehten mir den Rücken zu, liefen aus diesem seltsamen Stummfilm links oben am Spiegel, dort wo die Milchstraße war, hinaus.

Dann spürte ich wieder die Fledermäuse, wie sie über mir herum flogen und nach Insekten suchten. Ich musste unbedingt nach Hause und mich mit Hermann besprechen.

II.

Von da an waren Hermann und ich jeden Abend in der Dämmerung zurück gekommen. Eine Thermoskanne für mich und eine Kuscheldecke für ihn dabei. Der struppige Terrier-Mix schien nicht halb so irritiert von den Vorkommnissen wie ich. Er setzte sich auf seine Decke, legte den Kopf schief und schaute mit mir aufmerksam durch das Schaufenster, in den Spiegel. Er akzeptierte, was er sah. Mich dagegen verwandelte das Gesehene in eine Mischung aus nervösem Serien-Junkie, die nicht genug bekommen konnte und Kleinkind, das Angst vor der Gruselgeschichte hatte, aber nicht genug davon bekommen konnte. Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit Hermann. Mich beruhigte sein weiser Blick. Was wussten wir schon?

Obwohl der Serien-Junkie in mir es gern gesehen hätte, war der Einblick, den wir in die andere Welt bekamen kein filmischer, der anhielt und am nächsten Abend als Fortsetzung weiter lief. Dort ging das Leben genauso weiter wie hier und mir war klar, dass ich neunzig Prozent davon verpasste. Einmal war ich gleich morgens da gewesen. Der Spiegel aber hatte nur den grauen Himmel und mein angespanntes, erwartungsvolles Gesicht darin gezeigt. Erst abends wieder konnte ich sehen. Offensichtlich hatten sie dort nicht mit einer Pandemie zu kämpfen, die den gesamten Globus lahm legte. Alle liefen ohne Masken herum und das Fliegen war auch möglich. Ich war sehr neidisch. 

Johann hat bisher nicht viel erzählt. Aber das muss er vielleicht gar nicht. Er strahlt eine Ruhe aus, die ich bei noch keinem anderen Menschen erlebt habe. Vor Jahren hat er dieses kleine, verlassene Haus in der Nähe des Meeres gefunden und gekauft. Es gibt hier keine Heizung und das Wasser ist kalt, aber dafür gibt es einen Blick in die Dünen, den ich noch mit Eiszapfen an der Nase genießen würde. Im Garten ist seit mindestens einer Dekade kein Mensch mehr außer Johann gewesen, der dort an seinen Skulpturen arbeitet. Es gibt außerdem eine Hängematte, von der aus ich Johann bei seiner Arbeit beobachten kann. Der Meereswind zaubert manchmal Gänsehaut und das Gras steht so hoch, dass ich es von der Hängematte aus berühren kann.  Alles ist gut hier.

III.

Den Bruder meiner Mutter und meiner verrückten Tante Ida hatte niemand mehr gesehen, seit er vor dreißig Jahren verschwunden war. Ida hatte einen Schrein für Johann gebaut, der Jahr für Jahr größer zu werden schien. Darauf standen viele Fotos, die Johann zeigten, wie er an seinen Skulpturen arbeitete oder wie er Science Fiction-Romane las. Auf den Fotos war er dreißig Jahre jünger als im Spiegel. Aber es war das gleiche Gesicht und das gleiche Lächeln. Meine Mutter sagte immer, dass er der depressivste Mensch war, den sie kannte. Er aber wollte das nicht wahrhaben und alle um sich herum glücklich machen. Wenn Johann im Raum war, dann benahmen sich die Anwesenden so, als wäre er eine Art respektvoller Imperativ. Sei höflich, sei die bester Version deiner Selbst. Meine Mutter ging davon aus, dass Johann tot war. Dass er freiwillig von hier verschwunden war, um niemandem zur Last zu fallen. Seit dreißig Jahren zündete sie am Tag seines Verschwindens eine Kerze an und weinte ein bisschen. Meine Tante aber glaubte, dass ihr großer Bruder abgehauen war, um irgendwo ein Leben als verrückter Künstler zu führen. Sie feierte ihn bis heute.

Hier draußen hat Johann seine Ruhe. Er taucht ein und lebt wie ein Fisch, der im Winter am Seegrund Nahrung und Stille und Wärme findet. Ich habe das Gefühl, dass er sehr genau weiß, wo er überleben kann. Etwas beschäftigt ihn aber. Er hat begonnen immer mal wieder seine Arbeit zu unterbrechen und zum Haus zu schauen, als erwartet er jemanden. Ich frage nicht nach.

IV.

Und dann kam Johanns Freundin. Sie war etwas jünger als ich, also halb so alt wie mein Onkel. Sie trug weite T-Shirts und enge Jeans und sah darin unverschämt lasziv aus. Dazu lange Haare, meistens sorgfältig chaotisch drapiert, einen zu großen Mund und sehr wache Augen. Ich mochte sie nicht und mein anderes Ich scheinbar ebenso wenig. Ich weiß nicht, ob es nur etwas mit der offensichtlichen Konkurrenz zu tun hatte, die sie verkörperte. Mein Onkel war ein ruhiger Mann und er war ein Genussmensch, aber er war nach allen Erzählungen auch klug. Jemand, der andere sehr genau lesen konnte. Erkannte er nicht, wer sie war? 

Als Cheryl ankam, setzte sie alles daran, sehr melodramatisch zu sein und es gelang ihr kurz, bevor ihr Verhalten nur noch peinlich war. Als sie das erste Mal ins Haus kam, warf sie ihre Tasche in die Ecke und fiel Johann um den Hals, als wüsste sie nicht genau um die andere Person im Raum. Ich stand rum wie ein Elefant, sorgfältig ignoriert. Ich hörte sie alberne Kichergeräusche machen, während ich ihnen zuschaute. Johann stellte mich schließlich vor und sie schaute mich mit einem so albernen Wimpernaufschlag an, dass ich nur losbrusten konnte. “Sorry, hi!”, entschuldigte ich mich danach. Aber der Rahmen ist gesetzt und es ist klar, dass sie nach Regeln spielen will, die so alt sind wie die Menschheit. Es ist jetzt schon öde. 

Selbst Hermann grunzte bei dieser Szene sein kurzes aber tiefes Hermanngrunzen, dass er nur brachte, wenn etwas wirklich idiotisch war und ich stimmte zu. Die Freundin hatte Johann ganz gut im Griff. So gut man einen Fisch eben im Griff haben konnte. Johann mochte sie in seiner Nähe und ließ sie machen, während er weiter an seinen Skulpturen arbeitete. Mein anderes Ich schien sich dazu entschlossen zu haben, die Freundin so gut wie möglich zu ignorieren und verschwand regelmäßig mit einem Buch in der Hängematte. Die Freundin scharwenzelte mit einer Flasche Bier in der Hand um Johann herum bezirzte ihn. Sie wollte etwas. Doch was das war, wurde nicht klar. Hermann schien mir recht zu geben. Er beobachtet sie sehr genau, schnupperte sogar manchmal, die Hundenase hoch in die Luft gereckt. “Warten wir es ab, “ murmelte ich ihm zu. “Warten wir es ab.”

V.

Johann hatte kontinuierlich an seinen Skulpturen gearbeitet, als einige Tage nach ihrer Ankunft, die Freundin ihre Taktik änderte. Sie rückte mit der Sprache heraus und sie redete auf Johann ein. Ausgiebig und lang. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, er wäre genervt von ihr. Immer wieder schüttelte er den Kopf, schloss kurz die Augen und widmete sich dann wieder konzentriert seiner Skulptur. 

Die beiden streiten.Cheryl dreht wieder ihre Runden um Johann, nennt ihn “Babe” , was einfach nur lächerlich ist, ihm aber nomalerweise zu gefallen scheint. Ich gebe vor zu lesen und kann nicht alles von der Hängematte aus hören. Aber immerhin verstehe ich genug, um mir ein grobes Bild zu machen. “Just one more time”, flötet Cheryl und kurz danach “Do it for me”. “It worked out just fine the last time” bringt Johann dann dazu ein sehr klares “I said ´no`, Cheryl, accept it!” zu zischen. Ich hätte innerlich natürlich am liebsten laut los gejubelt, als ich sehe, wie Cheryl nach einer Weile von dannen zieht und kurz danach die Haustür ins Schloss fällt. Ich beherrsche mich aber, denn ich kann sehen, wie sehr Johann mit sich kämpft. Er wirkt plötzlich sehr unglücklich und verletzlich. Also hieve ich mich aus der Hängematte und gehe in die Küche. Ich tue, was die meisten Frauen zu allen Zeiten machen, wenn Unheil heran zieht: Sie verschwinden in der Küche, um dann mit einem Tablett voll Kram wieder heraus zu kommen und die Gemüter, wenn nicht zu beruhigen, dann doch abzulenken. Ich wähle Chips, Oliven, Frischkäse und zwei Flaschen Bier und gehe damit zurück in den Garten. Johann lächelt dankbar.

Nach diesem Vorfall war Johanns Freundin nicht wieder aufgetaucht und ich hatte sie bald so gut wie vergessen. “An deinem Frauengeschmack müssen wir noch ein bisschen arbeiten,” sagte ich nur an jenem Tag halblaut, während ich an meiner Thermoskanne schraubte. Hermann grunzte zustimmend und wir packten unsere Sachen. Ich war mir sehr sicher, dass Johann über Cheryl hinweg kommen würde. Außerdem glaubte ich auch, dass unsere Schaufensterserie kein Ende nehmen würde. Dass sie mich durch diese endlosen Wochen und Monate des Stillstands begleiten würde und dass sie am Ende zumindest ein paar Dinge in meiner Familiengeschichte erklären könnte.

VI.

Der Tag, an dem wir das letzte Mal rüber schauen konnten, in eine nicht all zu ferne Zukunft, wie ich mir einreden wollte, war ein kalter Tag. 

Es ist bewölkt. Das erste Mal seit meiner Ankunft. Johann und ich bleiben im Haus. Ich verkrümle mich an das eine Ende des Sofas und Johann an das andere. Er blättert in einem seiner Science-Fiction-Romane.

“Das war heute im Briefkasten.” Er gibt mir ein zusammen gefaltetes Stück Papier, das er aus der Hosentasche zieht, auf dem stand “You should meet us tonight at 7pm.” Ich verstehe nicht ganz, denn es ist kein Ort angeben und es gibt auch keine Unterschrift. “Und wirst du gehen? Weißt du, wer das geschrieben hat?”

“Ja und ja.”

“Also ist es nicht gefährlich zu gehen?” 

Ich drehe das Papier um, kann aber keine weiteren Hinweise erkennen. Mir kommt das alles sehr dubios vor und Johanns Ruhe ärgert mich. “Wer will was von dir?”

“Das brauchst du nicht zu wissen. Ich werde vorher noch was erledigen müssen und nach dem Treffen zurück kommen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.”

Ich schaue Johann zweifelnd an. Hält er mich für blöd? Er redet wie in einem schlechten Tatort und jeder weiß, dass man sich auf keinen Fall trennen darf in brenzligen Situationen. Das geht immer schief.

“Wenn ich mir keine Sorgen machen soll, müsstest du mir ein bisschen mehr erzählen.”, werfe ich halbherzig ein, bemerke aber, dass es keinen Sinn hat. Johann schüttelte nur den Kopf und liest in seinem Buch weiter. Nicht viel später steht er auf, nimmt seine Lederjacke vom Stuhl und geht zur Tür. So einfach will ich nicht aufgeben. Also springe ich einem Impuls nachgebend auf und greife nach meiner Tasche. Johann aber schüttelt wieder nur den Kopf und schiebt mich von der Tür weg.  “Bis später!” sagt er und schaut mich warnend an. Dann verschwindet er.

Anschließend warteten wir. Hermann, ich und mein anderes Ich. Wir starrten gemeinsam eine sehr lange Zeit auf die Tür, die Johann hinter sich geschlossen hatte. Bis das Ich aufstand und förmlich zur Tür rannte. Hatte es geklingelt, geklopft? Sie öffnete die Tür und vor ihr standen zwei Polizisten, ernst schauend, Fragen stellend, mein anderes Ich mit sehr großen Augen antwortend. Ich hatte Angst, hier wie da, das war deutlich. Schließlich ging die Andere mit den Polizisten aus dem Haus, zog die Tür hinter sich zu und es wurde dunkel. Ich schimpfte und stampfte mit dem Fuß auf. Diese Cliffhanger machten mich wahnsinnig. Was sollte das? Ich hatte noch nicht verstanden, dass dieser hier das Ende sein sollte. Dass es keine weiteren Erklärungen geben würde.

Hermann blickte mich nur stumm an, gab mir Zeit. Schließlich packten wir unsere Sachen. Im Spiegel hatte ich keinen Hund gesehen. Jetzt war ich froh, neben ihm nach Hause zu gehen. Meiner Familie erzählte ich nichts von all dem.

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Über ein Jahr später richtet sich der Blick nach innen. Ein poetischer Versuch, hier im Flugzeug über dem Atlantik zwischen Plastikbesteck und italienischer Fürsorge .

III Im Flugzeug

Collage „Wellen reiten“, Juli 2021

Das letzte Mal im Sommerurlaub

war ich 

mit Flugzeug und Rucksack

und großer Verzweiflung

im Herzen

die war auch ins Gesicht 

geschrieben und ich weinte

ohne die ältere Dame aus Italien

ich hätte sechs Stunden durch geheult

von Toronto bis Frankfurt 


Es war August

Und der Sommer war schon

erschöpft, ein wenig

die Sonnenstrahlen 

wie die Golden Girls

eine Wohltat und

reich an Erfahrung


Der Lake Ontario aber

war zurückhaltend kühl

und ich war dickköpfig

und sprang ins Wasser

wo niemand sonst hinein ging

hätte ich es besser wissen sollen?


The Soft River oben in the Woods

(war nicht alles in Kanada ein Wald?)

war sehr sanft 

zu Haut und Haar und hätte mich beinah

verschlungen

wie die sternenlose Dunkelheit

und das Fauchen des Zuges

am Rande der Nacht


Bis die Hand der italienischen Dame

vorsichtig mich streichelte

im anonymen Mittelgang des Flugzeugs

Sie werden ihn wiedersehen,

wusste sie

und dann erfuhr ich alles

zwischen Plastikdinner und Pancake-Frühstück

vom Sommerurlaub bei Kind und Kegel

dort oben in Kanada

„Ich bin Schauspielerin und kann alles spielen“

Ulrike Folkerts hat zu ihrem 60. Geburtstag ein Buch geschrieben. „Ich muss raus“ wurde vom Brandstätter Verlag herausgegeben. Für die Siegessäule habe ich der ersten weiblichen Tatort-Kommissarin und offen lesbischen Schauspielerin einige Fragen gestellt.

Frau Folkerts, warum haben Sie sich entschieden das Buch „Ich muss raus“ zu schreiben? An wen richtet es sich?

Nach dem Angebot vom Brandstätter Verlag, eine Biografie zu schreiben, habe ich meine Freund:innen gefragt, ob sie das interessieren würde. Sie sagten alle: „Ja, du hast was zu erzählen, du bist ein Vorbild für junge Kolleg:innen, für Menschen aus der queeren Szene. Dein Weg ist besonders, deine Rolle als Frau in der TV- und Filmbranche ist einzig.“ Das war Grund genug, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich denke, mir ist ein sehr persönliches Buch gelungen, und es richtet sich an alle, die das interessiert.

Sie schreiben, dass Filme, in denen sie gerne spielen wollen, im deutschen Fernsehen nicht existieren. Welche Filme müsste es heute geben? Welche queeren Rollen würden Sie sich wünschen?

Meine Kritik richtet sich gegen die Tatsache, dass Frauen über fünfzig kaum mehr Rollen angeboten bekommen. Geschichten von Frauen, die mitten im Leben stehen, Heldinnen sein dürfen wie Frances McDormand in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ oder jetzt in „Nomadland“, gibt es kaum bis gar nicht. Das bedauere ich sehr. Almodóvar ist einer meiner Lieblingsregisseur:innen, weil er es schafft, tolle Frauenfiguren zu erzählen, queere Themen zu installieren, und damit ein breites Publikum erreicht.

Warum ist der deutsche Film, ihrer Meinung nach, noch immer sehr weiß, männlich, heteronormativ und klischeebesetzt, wo doch die Zuschauer:innen mit der Zeit gehen und offen für andere Narrative scheinen?

Zurzeit sind sehr viele Gespräche in Gang gekommen bezüglich Diversität im TV und Film. Durch die Streamingdienste, die Vielfalt schon viel mehr beherzigen, ist das junge Publikum längst abhanden gekommen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bemüht sich, da etwas aufzuholen, moderner zu werden, sich für andere Erzählweisen zu öffnen. Es gibt jetzt eine Art Bestandsaufnahme, um zu erkennen, wie sehr der deutsche Film stereotypisch erzählt, um das aufzubrechen. Ich bin guter Hoffnung, dass wir das schon bald sehen werden.

Als Lena Odenthal wurden Sie 1989 zur „Tatort“-Kommissarin. Sie waren damit eine der ersten Frauen in dieser Rolle. Sie wollten aber nicht, dass Lena Odenthal auch zur ersten lesbischen Kommissarin wird, als man Ihnen vor einigen Jahren diese Figurenentwicklung vorschlug. Warum?

Als ich 1989 mit „Tatort“ anfing, war ich nicht geoutet, hatte das auch nicht vor, denn ich hatte Angst, in diesem Beruf deswegen benachteiligt zu werden. Es war undenkbar. Es gab keinerlei Vorbilder. Außerdem ist Lena Odenthal eine Rolle, sie ist und bleibt hetero. Ich bin Schauspielerin und kann alles spielen. Mir wäre das Lesbischsein dieser Figur im Nachhinein sehr merkwürdig vorgekommen und zu nah an meiner Person.

Sie schwanken zwischen dem Wunsch, nicht über Ihre Sexualität reden zu müssen, um sie dann doch wieder in der #actout-Aktion zum Thema zu machen. Warum entscheiden Sie sich immer wieder für einen Kommentar?

Es ist nicht wichtig, permanent über seine sexuelle Orientierung zu reden, Auskunft darüber zu geben oder sich damit interessant machen zu wollen. Ich habe mit angewöhnt eine gewisse Selbstverständlichkeit dafür an den Tag zu legen. Ja, ich kann darüber erzählen, wenn es jemanden interessiert, aber ich muss keine Parolen loswerden. Die Aktion und das Manifest von #actout fand ich sofort unterstützenswert. 185 Schauspieler:innen, die sich u.a. als lesbisch, schwul, bi, tarns*, queer, inter und nonbinär identifizieren, machen auf ihre Situation aufmerksam. Wir haben das Jahr 2021, und es ist nach wie vor nicht normal, dass sich diese Menschen outen, weil sie Benachteiligung bei Besetzung erfahren. Außerdem wünscht sie #actout eine größere Sichtbarkeit verschiedenster Lebensformen in den Geschichten, die im TV und im Film erzählt werden. Ich war begeistert, dass es so viele sind, die mobilmachen. Die Wucht ist enorm, das Gespräch mit den Verantwortlichen ist in gang gekommen, und das Staunen, dass dieses Thema so eine Brisanz hat, könnte nicht größer sein.

Verstehen Sie die Kolleg:innen, die sich nicht outen aus Angst vor einem Image- und dann in der Folge auch Jobverlust?

Die Angst ist ja nicht unbegründet. Jede Person muss für sich selbst entscheiden, ob ein Outing wichtig ist, persönlich, privat oder öffentlich. Ich war froh, als mein Geheimnis gelüftet war, auch wenn es mich für einen Moment geschockt hat, weil ich das Ausmaß nicht absehen konnte. Aber sowohl mein Sender SWR als auch Freund:innen und Familie standen immer hinter mir. Das brauchen wir alle.

Nach sehr heftigen Reaktionen zu der Aktion #allesdichtmachen haben Sie innerhalb kürzester Zeit Ihren Beitrag zurückgezogen und sich dafür entschuldigt. Warum haben Sie sich beteiligt? Und warum haben Sie sich dann so schnell distanziert?

Ich habe mitgemacht, weil ich überzeugt war, dass wir als Kunstschaffende Kritik an der Regierung äußern sollten und einen Diskurs anregen wollten über die Corona-Maßnahmen, die uns seit einem Jahr auf unterschiedlichste Weise beeinträchtigen. ich bin die Letzte, die das Virus und die daraus resultierenden Maßnahmen nicht ernst nimmt, aber wir wollten darüber reden, wie wir etwas ins Positive verändern könnten. Der Monstershitstorm, den wir dann erlebt haben, hat jegliche Form des Gesprächs darüber torpediert. Die Mails, die mich erreicht haben, haben mir gezeigt, die Falschen beklatschen uns, man schubst uns in die Ecke der Querdenker und AfDler. Das war Horror. Manche Menschen sind enttäuscht und verletzt, was ich sehr ernst genommen habe und was mich zum Rückzug veranlasst hat. Die Aktion ist für mich im Nachhinein ordentlich schiefgegangen, die Form der Satire war falsch, ich räume meinen Fehler ein, und ja, ich entschuldige mich bei denen, die ich vor den Kopf gestoßen habe.

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später nun richtet sich der Blick nach innen. Ein poetischer Versuch, der quer durch die Wüste führt.

II Im Auto

Collage „Schlafentzug“ April 2021

Israel, 2011.

Kalt war es und dunkel

als ich das erste Mal in eine Wüste fuhr

Es war Dezember und ich war allein

laut singend saß ich in einem gemieteten Auto

Auf keinen Fall solle ich nachts fahren

hatte sie mir eingebläut

zu gefährlich sei es für mich

und die Tiere da draußen

Zum Abendbrot wollte ich im Kibbuz sein

aber Tel Aviv war nicht Berlin

und auch sonst verfuhr ich mich mehr als einmal

ich war keine geübte Fahrerin und so wurde es dunkel

und still und ich begann zu fluchen, laut und panisch

Keine Straßenschilder mehr und auch keine Laternen

aber hier irgendwo musste doch endlich das Kibbuz

(es war vor dem bezahlbaren und mobilen Worldwideweb-Zugang)

An einer Tankstelle hielt ich und ließ den freundlichen Menschen an der Theke

die AB-Ansage übersetzen

ich hatte sie mit dem Handy angerufen

der Anrufbeantworter gehörte zum Kibbuz 

“Toda” und “Beseder” hatte ich gelernt, mehr Hebräisch war nicht

Jetzt also zurück und dann links und dann noch ein kleines bisschen weiter

Als ich im Kibbuz ankam, gab mir ein verschlafener Typ den Schlüssel

zu einem Zimmer wie in einer Jugendherberge 

oder einem Ferienlager aus DDR-Zeiten

Kurz vor Mitternacht war es und ich sterbensmüde

kalt war es auch im Doppelstockbett

und ich weinte mich in den Schlaf vor Erschöpfung und Selbstmitleid

mit der Frage ohne Antwort

Am nächsten Morgen wachte ich in das schönste Panorama hinein auf

sandsteinfarbige Hügelketten hinter Ben Gurions Grab

Ich setzte mich ganz still dahin und guckte lange Atemzüge in die Landschaft

beobachtete die jungen Soldaten auf ihrem Ausflug

und suchte irgendwann die Kantine für das Frühstück

Später in Mitzpe Ramon hatte die Aussicht

mir jedes Zeitgefühl geraubt

ein Canyon in den ich mit gelber Wetterjacke hinein lief

und wieder sehr viel Stille und noch mehr Panorma

und alle Farben in Ausgewaschen, von Rosa bis Eierschalenfarben

Eine Telefonzelle gab es da auch und ich hatte die Großeltern im Ohr

“Du klingst, als würdest du unten im Garten stehen”, jauchzte Oma

mit ihrer Stimme so nah stand ich wirklich ein bisschen im thüringischen Garten

und ich weinte wieder, jetzt vor Erleichterung

Nachts war es sehr kalt und ich schlief in einem Hangar auf einer Isomatte

eingewickelt in einen Schlafsack

auf der anderen Seite der Halle noch eine Reisende

uns war nicht zu helfen, so sprachen die Augen der Meisten Worte

Leise summte ein Heizlüfter und spuckte Wärme in die Gegend

die kurz vor meinem Rücken und dann verpuffte

wieder diese gewaltige Stille und die Frage

Sie fuhr mit mir bis Eilat

wo ich die Zehen ins rote Meer tauchte

und die Augen in den zu blauen Himmel schickte

Hier wieder konnte ich essen

den Magen hatte es mir zugeknotet, 

auf der Reise durch die Wüste in mir

Hier nun saßen ein paar von uns vor den Zimmertüren

eines billigen Motels mit gefaktem Charme

die Gesichter sonnenverbrannt und die Sandwiches ausgepackt

Nachts schlief ich ein zum Surren der Klimaanlage

und dem Flattern eine Plastiktüte

draußen vor der Tür

„Es geht um Teilhabe“

Mit Elena Schmidt, festem Ensemble Mitglied am Berliner Maxim Gorki Theater, treffe ich mich das erste Mal im Frühjahr 2020 und spreche über künstlerische Arbeit am Theater innerhalb eines patriarchalen, gewinnorientierten Wirtschaftssystem. Im Februar unterzeichnet Elena das Actout_Manifest. Für die queeren Magazine Siegessäule und L-Mag treffen wir uns online wieder und sprechen über die Reaktionen auf die Actout-Kampagne.

Elena, du hast an der Aktion #actout teilgenommen. Was hast du dir davon erhofft?

Aufmerksamkeit, Solidarität, Dialog und aktive Veränderung. Viele Menschen denken, dass bei „uns“ Homosexualität schon längst kein Problem mehr sei. Diese Annahme besteht um so mehr, wenn es um die Kunst-, Film- und Theaterbereiche geht. Es wird angenommen, dass sie „noch freier“ sind als der Rest der Gesellschaft. Quasi die Avantgarde. Leider stimmt das so nicht. Das spüren wir queere Menschen tagtäglich in unserem Berufsleben. Die meisten Institutionen der darstellenden Künste verurteilen Diskriminierungen, während sie strukturell in den Betrieben weiter reproduziert werden. Nach außen hin wird sich also gegen Ungerechtigkeit positioniert, während die Arbeitsrealitäten und Inhalte vom Gegenteil erzählen.

Kannst du Beispiele nennen?

Was die Sichtbarkeit diverser Charaktere anbelangt, ist noch sehr viel zu tun. Es werden hauptsächlich weiße, cis-heteronormative Positionen verhandelt, was eine sehr beschränkte Darstellung unserer Welt ist. Dadurch werden die gewaltvollen Mechanismen unserer Dominanzgesellschaft immer wieder belebt. Und alles außerhalb der Norm Gelebte, spielt entweder gar keine Rolle oder wird extrem stereotypisiert. Zum Beispiel wurde ich an einer Schauspielschule mit der Begründung abgelehnt, zu viel Kraft zu haben und auf einer anderen vier Jahren lang dazu angehalten, an meiner „Weiblichkeit“ zu arbeiten.

Hat sich die Hoffnung erfüllt, Aufmerksamkeit zu erlangen, aktive Veränderung anzustoßen?

Zum Teil ja. Momentan bin ich sehr froh und dankbar für die Aufmerksamkeit, die diese Aktion weltweit erreichen konnte. Es gab aber auch einige sehr ignorante Reaktionen, die sichtbar gemacht haben, dass schlichtweg Bildung fehlt. Es ist schmerzhaft, wenn Unwissenheit in verletzenden und gefährlichen, sogenannten Meinungen mündet. Da ist noch sehr viel zu tun, um in einen wirklich nachhaltigen Dialog zu gelangen.

Die Journalistin Sandra Kegel hat in der FAZ einen Kommentar zu #actout geschrieben und darin kurz gefasst die Notwendigkeit für eine solche Aktion abgesprochen. Es ginge ja nicht um Leben und Tod, sagte sie. Was löst ein solcher Kommentar bei dir aus?

Mich macht das erst mal ziemlich wütend, weil es so ein „What about-ism“ erzeugt. Und ich finde das nicht sonderlich sachdienlich, denn wir sind nicht gleichberechtigt. Ein einfaches Beispiel ist die In-Vitro-Fertilisation, die von den Krankenkassen für queere Paare nicht übernommen wird, hingegen bei heterosexuellen, verheirateten Paaren schon. Darüber müssen wir also nicht streiten. Das ist eine Tatsache. In einem Gespräch dann tatsächlich das Wort „Ideologie“ zu nutzen, während gleichzeitig ein paar Sätze später nach Polen und Russland verwiesen wird, dass dort die wirklichen Feinde sitzen, das halte ich für ein Zeichen, wie gefährlich die Situation für queere Menschen auch bei uns immer noch ist.

Sandra Kegel wurde anschließend auf den virtuellen Jour Fixe „Kultur schafft Demokratie“ der SPD eingeladen. Auf Druck hat man schließlich noch zwei Unterzeichner*innen von #Actout und den Blogger Johannes Kram dazu geladen. Es wurde während der Sendung der queeren Community von Vertreter*inner der SPD vorgeworfen, zu aggressiv zu sein und zu spalten. Hat dich diese Reaktion gewundert?

Dass es so öffentlich passiert, ja. Weil es meiner Meinung nach den Grundwerten einer Sozialdemokratischen Partei zuwider steht. Es wird ja weitergehend auch in der SPD behauptet, dass diese identitätspolitischen Kämpfe die Gesellschaft spalten. Ich frage mich aber, was das für ein Vorwand ist. Denn die Gesellschaft ist gespaltet, weil die Ressourcen und die Zugänge nicht gerecht verteilt werden. Es geht in dieser Debatte um Gerechtigkeit. Dann aber zu sagen, wenn ihr so laut schreit, spaltet ihr die Gesellschaft  ist Tone Policing und führt zu einer Opfer-Täter-Umkehr.

Wie waren die Reaktionen bei deinen nicht queeren Kolleg*innen auf die #Actout-Aktion?

Persönliche, sehr berührende Nachrichten habe ich hauptsächlich von theaternahen, queeren Menschen bekommen, aber kaum von den nicht queeren Kolleg*innen. Vielleicht haben sie den Eindruck, nichts mit dem Thema zu tun zu haben. Meiner Meinung nach gibt es aber keine nicht betroffenen Menschen, wenn es um strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung geht. Das ist bei Queerfeindlichkeit eben so wie bei Rassismus, Ageismus, Ableismus, Sexismus, und allen anderen Unterdrückungsmechanismen dieser Gesellschaft. Diejenigen, die das Privileg haben diese Formen von Gewalt nicht gegen sich gerichtet erleben zu müssen, erhalten und stärken somit die Strukturen, solange sie sich nicht informieren und aktiv dagegen positionieren. Es geht bei Marginalisierungsdiskursen nicht nur um Gefühle, die verletzt werden. Es geht auch ganz konkret um wirtschaftliche Faktoren. Um Existenzängste, die sehr real sind. Wenn ich eher die kleineren Rollen bekomme oder auf den kleineren Bühnen spiele, habe ich am Ende weniger Geld, werde eine geringere Rente erhalten. Das bedeutet mehr Sorge um Altersarmut. Es geht also um Teilhabe und Zugänge.

Hast du dem Gorki offiziell gesagt, dass du dich als nicht binär identifizierst? Denn auf der Website wirst du noch als Frau geführt. 

Ich habe es nicht direkt gemacht. Ich hatte viele Gespräche mit einer Person, die Dramaturgie am Haus macht und angenommen, dass es dadurch und durch meine E-Mail-Signatur im Haus ankommen wird. Ich habe damals auch überlegt, soll ich eine große Rundmail schreiben und wollte das aber jeweils persönlich erzählen, wenn ich die Leute treffe. Neulich hatte ich aber einen Termin im Gorki und habe es der Intendantin Shermin Langhoff persönlich gesagt. (Anmerkung: Erst Wochen später wurde Elenas Pronomen auch offiziell auf der Website geändert.)

Wie ist der Umgang mit queeren Schauspieler*innen am Gorki? Hast du das Gefühl, du kannst Rollen frei spielen oder fühlst du dich dort beengt?

Leider habe ich im Laufe meiner Kariere oft ein Arbeitsumfeld kennengelernt, das mich nur im queeren Kontext größere Rollen spielen lässt, wie zum Beispiel während eines queeren Festivals. Ich entsprach schon vor meinem Outing als nicht binäre Person nicht dem cis-normativen Bild einer sogenannten weiblichen Hauptfigur. Das bedeutete dann in vielen Fällen, dass ich männlich gelesene Rollen zu spielen bekam. Allerdings nur für die kleinen Männerrollen, da meine Gendermarkierungen in den Augen der meisten Dramaturg*innen und Regisseur*innen auch wiederum nicht männlich genug waren. Ich konnte zum Beispiel nie einen Familienvater spielen. Aber ich finde es wichtig, den klassischen Hauptfiguren, die in unserer Gesellschaft schon lange existierende Diversität zu verleihen. Eine Julia kann von einer Transperson gespielt werden, ohne das wir es kommentieren oder erklären müssen. Dazu braucht es weder ein „erleichterndes“ Augenzwinkern, noch eine Reduktion auf die üblichen Stigmatisierungen von queeren Geschichten. Ich bin mir sicher, das Publikum und wir als Gesellschaft sind inzwischen bereit dafür.

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später richtet sich der Blick nach innen. Wisst ihr noch damals, als man mit dem Rucksack durch Europa gondeln konnte? Eine poetischer Versuch.

I. Mit dem Zug

Collage „Am Zug“ März 2021

Präzisionsarbeit in der Hautflügler – Kolonie

Zum vierten Mal stellte absolut.zine ein Thema und das Künstlerkollektiv lieferte. Und dieses Mal ging es uns ans Leder. Bunt und kreativ und hautnah wurde es wie immer. Dazu gibt es ein eigenartiges Shortstory/Poem von mir und anschließend einen Austausch zwischen Ekaterina Rusakova, Angelina Roth und meiner Wenigkeit. Denn wir waren uns alle einig „Künstlerfamilien sind komisch“.

Geradlinig gehen sie ihrer Wege

über Gebirgsketten von Polyester, Baumwolle 

und manchmal Seide

auch über nackte Haut

Dort auf der Hornschicht läuft es sich zwar gut,

aber gefährlich ist es für jede einzelne Arbeiterin allemal

und immer sind es höchst unterschiedliche Ebenen

manchmal samtig und glatt

manchmal  rau und schlaff

häufig ist es feucht dort oben dieser Tage

und sprinten müssen sie, die Zartesten ihrer Art, leichtfüßig darüber

no matter what

Mehlmassiges auf ihren Körpern balancierend

Besser schnell hinab in die Wälder aus Gras

die buckligen Beetebenen

oder hinaus auf riesig heiße Pflastersteinlandschaften

alles kein Problem

meistens zumindest

wenn nichts Größeres über sie herein bricht oder stapft oder rollt oder fällt

Auf den Leinentüchern mit Kaffeegeschirr ist Präzisionsarbeit gefragt

koordiniert und schnell müssen sie vorgehen

zielgenau und ungesehen

denn nichts ekelt die Anderen so sehr

wie ein Haufen hart arbeitenden dunklen Gewimmels

auf ihrem weiß glänzenden Porzellan aus Meißen

 (das liegt in Sachsen, weiß die Kolonie aber nicht)

Das Kaffeegeschirr ist sich selbst überlassen

Kuchenkrümel eingerahmt von Kaffeerändern

selbst Zuckerkrumen gibt es, karamellisiert manchmal

 Marzipanreste an Tante Käthes Kuchengabel

Sie klettern über feines Leinen

tragen schwer an Masse und Verantwortung

vorsichtig über die Porzellanrampe hin zum Tischtuchende

Zwischen Tischkante und Kiefernstamm

(dort hinten war die Kolonie in Sicherheit)

lagen endlose Weiten

und Tante Käthe in dünnem Baumwollkleid

Jetzt also Klimmzüge am Gummiband

hinauf und nicht zurück schauen

immer vorwärts an der Naht entlang gehangelt

dann Haut

weich und porig und fast ohne Haar, glänzende Weite – ein Albtraum

die Kleinsten zuerst, sie trippeln nervös

Dann los:



„Künstlerfamilien sind komisch“ – ein Slide von Ekaterina Rusakova

„Familienhäute“ – ein Dialog von Angelina Roth

Familienhäute - extended

Tante: Bitte was will er studieren?
Die vollgestopfte Tote Bag über die Schulter geworfen, steht sie im Flur. Ihr frisch gestochenes Tattoo am Armgelenk ist noch in Folie eingepackt, wo es schwitzt und Farbe blutet.

Mama: Sag du.
Papa (leise): Verwaltungswissenschaften
Tante: Das ist nicht euer ernst!
Mama: Unserer sicher nicht. Aber Ernsts schon.
Tante: Ich habe es euch damals gesagt und sage es wieder. Nomen est Omen. Aber ihr musstet ihn unbedingt nach Opa nennen.
Papa: Wie hätte ich denn sonst die Schauspielschule zahlen sollen?
Mama: Wir haben wirklich alles versucht. Wir haben vernünftig mit ihm geredet. Er will nicht.
Tante: Ich werde mir den Jungen mal zur Brust nehmen. Wo ist er?
Papa: Im Wohnzimmer. Er ordnet das Bücherregal - thematisch.
Mama zu Papa: Weißt du eigentlich, wie lange es dauert, die Bücher wieder nach Goethes Farbenlehre umzustellen?

Tante (schnaubt im Weggehen): Johann ist auch nicht viel besser.

“Things I Have Noticed” – Rezension

In zwölf Essays schreibt Sophia Hembeck über das Erwachsen-werden

Sie teilt dieses Wachsen in drei Abschnitte und beginnt mit dem schmerzhaften Verlassen (“leaving”), geht weiter in manchmal verzweifelter Suche (“searching”) und findet ihren Platz dort, wo sie ihn nicht unbedingt vermutet hätte (“finding”). Visuell ist das Buch eine Perle in Azurblau, versetzt mit Bildern, die wie Wolken am Himmel immer wieder eine eigene Form zu finden scheinen. Stark und zart, will man es nennen und so ist es die perfekte Form zum Inhalt und passt dazu in jede (größere) Manteltasche. 

Das Suchen nach der eigenen Stimme in einer männlich dominierten Gesellschaft

Die Autorin schreibt ihre Memoiren mit 30 Jahren, was einerseits ungewöhnlich sein mag, wie sie selbst anmerkt, im Grunde aber folgerichtig ist. Denn in diesen drei Jahrzehnten geschieht häufig Elementares, so auch bei Sophia Hembeck. Sie verlässt Elternhaus, Schule, Freunde, Orte und sucht, versucht sich an neuen Plätzen, lernt sich kennen. Sie geht mit 16 Jahren für ein Austauschjahr nach Thailand, einige Jahre später nach dem Schulabschluss Richtung Bochum, um etwas zu studieren, was sie nicht wirklich studieren will. Sie glaubt aber damit gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Schließlich landet sie im verheißungsvollen Berlin, um festzustellen, dass sie auch diesen Ort wieder verlassen muss. Sie sucht ihren Platz. Der wird gerne von hoch ambitionierten männlichen Kommilitonen an der UdK be- und verurteilt. Vielen Leser:innen wird es schmerzlich bekannt vorkommen, stehen diese Erfahrungen für so viele Lebensbereiche in unserer männerdominierten Gesellschaft. Ebenso die Tatsache, die eigene Stimme erst finden zu müssen. Im ersten Essay der Rubrik “searching”, der mit dem Satz “Every time I see “fragile” written on a parcel, I think: Me, too” beginnt, hat Sophia Hembeck eine deutlich klare Stimme entwickelt: “Well. Fuck you Johannes! (…) I create my characters however I view reality and you will have to deal with ex-housewives in their mid-fifties, going through meno-pause, being incredible mad at their ex-husbands for marrying a younger wife.”

Sophia Hembeck schreibt ein klares und durchlässig schönes Englisch

Formal geht Sophia Hembeck klug vor und weiß um ihr Können. Jeder Essay wird eingeklammert von einem ersten Satz/ Zitat, der einleitet und zugleich (ironisch) reflektiert wird. Sie schreibt ein präzises und klares Englisch, dass immerhin als Fremdsprache so durchlässig und schön ist, dass die Sammlung alleine dafür gelesen werden sollte. Ab und zu, wenn die Wut von der Ironie gedeckelt werden soll, versteigt sie sich in Fußnoten, die das Lesen in eine Art Ping Pong verwandeln. Am Ende sei ihr das aber gegönnt. Es unterstreicht das, was sie sein will und was sie zu einer starken Künstlerin macht:  eine Autorin mit Emotionen und klarer Sichtbarkeit.

Sophia Hembecks „Things I Have Noticed“ ist im Eigenverlag erschienen und kostet 20 Euro bei 133 Seiten. Aktuell erhältlich im feinen Berliner Kultbuchladen ocelot in der Brunnenstraße oder auf ihrer homepage.

„Wie man einen Bären kocht“ – Rezension

Mikael Niemi verrät keine Rezeptur, dafür aber auf poetisch klare Weise, wer der Mörder ist.

Mikael Niemi schreibt einen Krimi mit historischer Besetzung

Mikael Niemis aktueller Roman ist Sozialstudie, schwedischer Krimi und Liebesgeschichte mit historischer Besetzung in einem, der so spannend ist, dass er kaum mehr los lässt. Wenn man das Buch zur Seite legt, dann nur um einmal durchzuatmen und ein wenig Luft an die Themen zu lassen. Denn Gewalt und Alkohol, Hunger und Armut sind bestimmende Größen auf dem Lebensweg des Sami-Jungen Jussi und seines Mentor-Vaters  Probst Laestadius. Niemi setzt in der Erzählung die historische Figur Lars Levi Laestadius, die in Nordschweden die freikirchliche Erweckungsbewegung voran getrieben hat, als liberalen Geist ein, der gegen die Hierarchien der bestehenden Staatskirche und den massiven Alkoholmissbrauch der Bevölkerung angeht.

Wissenschaft wird angezweifelt

1852 taucht der Sami-Junge Jussi überraschend bei Probst Laestadius und seiner Familie auf, nachdem er von seiner eigenen Familie weggelaufen ist, die von Alkohol und Gewalt beherrscht wird. “Sie, die sich Mutter nannte (…) hatte das Brantweinfässchen wie einen Säugling an die Brust gepresst.” Er lernt bei dem Probst das Lesen und Schreiben, hört seine Predigten und geht mit ihm auf lange Wanderungen, um Flora und Fauna kennen zu lernen. Eine ganze (Bildungs-)Welt öffnet sich ihm hier, wofür er seinen Mentor tief verehrt. Und Jussi lernt gerne, saugt alles gierig wie jeden Löffel Grütze in sich auf. Als die junge Hilda Friedriksdotter angeblich von einem Bären überfallen und getötet wird, hilft er Laestadius beim Sammeln von Spuren und Beweisen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Der Probst und Jussi werden dadurch schnell zur Angriffsfläche der Dorfbewohner, denn nicht nur ist das Infrage-stellen von Althergebrachtem verwerflich und somit die Methoden des Probstes unerwünscht, auch das Anders-sein an sich wird angeprangert. Und als sich Jussi in Maria verliebt, wird ihm brutal genommen, was ihn als Individuum und als den Anderen auszeichnet. 

Mikael Niemis Sprache macht die fremde Welt erfahrbar

Niemi beschreibt ein Leben, von dem die moderne Mitteleuropäer*in an manchen Punkten weit entfernt ist, an anderen wiederum werden Parallelen zum Heute sehr deutlich. Niemi macht die fremde Welt erfahr- und vor allem fühlbar mithilfe einer beinah haptischen Sprache, die durch Jussis Blick gestaltet wird. Jussi ist auf weiten Strecken des Romans der Ich-Erzähler. “Die Schale ist leer. Ich streiche mit dem Daumen wie mit einem Kissen über die Rundungen und lecke ihn dann ab, streiche und lecke, bis alles ganz saubeaestar ist.” Diese Sprache verleiht eine kindliche und neugierige Offenheit, die erfrischend und berührend ist. Die Perspektive wechselt erst am Ende des Buches, wenn es notwendig wird. Und auch dann erst wird der formale Rahmen in seiner Ganzheit deutlich und das ist eine schöne Umarmung für erwartungsvolle Leser*innen. Ob die Erzählung allerdings bei den letzten Geschehnissen wirklich glaubhaft ist, muss die Leser*in für sich entscheiden. Gut zu wissen ist in jedem Fall, dass der Roman von dem frühesten samischsprachigen Dokument überhaupt inspiriert wurde; der Lebensgeschichte eines Sami, dessen Name unbekannt geblieben ist.

Mikael Niemis “Wie man einen Bären kocht” bei btb im Hardcover für 20 Euro. 507 Seiten übersetzt von Christel Hildebrandt. Erhältlich unter anderem in der Hundeliebhaber-Buchhandlung mit hübschestem Logo Hacker und Presting in Charlottenburg.

*Die Rezension wurde zuerst auf soundsandbooks.com veröffentlicht.