BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später nun richtet sich der Blick nach innen. Ein poetischer Versuch, der quer durch die Wüste führt.

II Im Auto

Collage „Schlafentzug“ April 2021

Israel, 2011.

Kalt war es und dunkel

als ich das erste Mal in eine Wüste fuhr

Es war Dezember und ich war allein

laut singend saß ich in einem gemieteten Auto

Auf keinen Fall solle ich nachts fahren

hatte sie mir eingebläut

zu gefährlich sei es für mich

und die Tiere da draußen

Zum Abendbrot wollte ich im Kibbuz sein

aber Tel Aviv war nicht Berlin

und auch sonst verfuhr ich mich mehr als einmal

ich war keine geübte Fahrerin und so wurde es dunkel

und still und ich begann zu fluchen, laut und panisch

Keine Straßenschilder mehr und auch keine Laternen

aber hier irgendwo musste doch endlich das Kibbuz

(es war vor dem bezahlbaren und mobilen Worldwideweb-Zugang)

An einer Tankstelle hielt ich und ließ den freundlichen Menschen an der Theke

die AB-Ansage übersetzen

ich hatte sie mit dem Handy angerufen

der Anrufbeantworter gehörte zum Kibbuz 

“Toda” und “Beseder” hatte ich gelernt, mehr Hebräisch war nicht

Jetzt also zurück und dann links und dann noch ein kleines bisschen weiter

Als ich im Kibbuz ankam, gab mir ein verschlafener Typ den Schlüssel

zu einem Zimmer wie in einer Jugendherberge 

oder einem Ferienlager aus DDR-Zeiten

Kurz vor Mitternacht war es und ich sterbensmüde

kalt war es auch im Doppelstockbett

und ich weinte mich in den Schlaf vor Erschöpfung und Selbstmitleid

mit der Frage ohne Antwort

Am nächsten Morgen wachte ich in das schönste Panorama hinein auf

sandsteinfarbige Hügelketten hinter Ben Gurions Grab

Ich setzte mich ganz still dahin und guckte lange Atemzüge in die Landschaft

beobachtete die jungen Soldaten auf ihrem Ausflug

und suchte irgendwann die Kantine für das Frühstück

Später in Mitzpe Ramon hatte die Aussicht

mir jedes Zeitgefühl geraubt

ein Canyon in den ich mit gelber Wetterjacke hinein lief

und wieder sehr viel Stille und noch mehr Panorma

und alle Farben in Ausgewaschen, von Rosa bis Eierschalenfarben

Eine Telefonzelle gab es da auch und ich hatte die Großeltern im Ohr

“Du klingst, als würdest du unten im Garten stehen”, jauchzte Oma

mit ihrer Stimme so nah stand ich wirklich ein bisschen im thüringischen Garten

und ich weinte wieder, jetzt vor Erleichterung

Nachts war es sehr kalt und ich schlief in einem Hangar auf einer Isomatte

eingewickelt in einen Schlafsack

auf der anderen Seite der Halle noch eine Reisende

uns war nicht zu helfen, so sprachen die Augen der Meisten Worte

Leise summte ein Heizlüfter und spuckte Wärme in die Gegend

die kurz vor meinem Rücken und dann verpuffte

wieder diese gewaltige Stille und die Frage

Sie fuhr mit mir bis Eilat

wo ich die Zehen ins rote Meer tauchte

und die Augen in den zu blauen Himmel schickte

Hier wieder konnte ich essen

den Magen hatte es mir zugeknotet, 

auf der Reise durch die Wüste in mir

Hier nun saßen ein paar von uns vor den Zimmertüren

eines billigen Motels mit gefaktem Charme

die Gesichter sonnenverbrannt und die Sandwiches ausgepackt

Nachts schlief ich ein zum Surren der Klimaanlage

und dem Flattern eine Plastiktüte

draußen vor der Tür

„Es geht um Teilhabe“

Mit Elena Schmidt, festem Ensemble Mitglied am Berliner Maxim Gorki Theater, treffe ich mich das erste Mal im Frühjahr 2020 und spreche über künstlerische Arbeit am Theater innerhalb eines patriarchalen, gewinnorientierten Wirtschaftssystem. Im Februar unterzeichnet Elena das Actout_Manifest. Für die queeren Magazine Siegessäule und L-Mag treffen wir uns online wieder und sprechen über die Reaktionen auf die Actout-Kampagne.

Elena, du hast an der Aktion #actout teilgenommen. Was hast du dir davon erhofft?

Aufmerksamkeit, Solidarität, Dialog und aktive Veränderung. Viele Menschen denken, dass bei „uns“ Homosexualität schon längst kein Problem mehr sei. Diese Annahme besteht um so mehr, wenn es um die Kunst-, Film- und Theaterbereiche geht. Es wird angenommen, dass sie „noch freier“ sind als der Rest der Gesellschaft. Quasi die Avantgarde. Leider stimmt das so nicht. Das spüren wir queere Menschen tagtäglich in unserem Berufsleben. Die meisten Institutionen der darstellenden Künste verurteilen Diskriminierungen, während sie strukturell in den Betrieben weiter reproduziert werden. Nach außen hin wird sich also gegen Ungerechtigkeit positioniert, während die Arbeitsrealitäten und Inhalte vom Gegenteil erzählen.

Kannst du Beispiele nennen?

Was die Sichtbarkeit diverser Charaktere anbelangt, ist noch sehr viel zu tun. Es werden hauptsächlich weiße, cis-heteronormative Positionen verhandelt, was eine sehr beschränkte Darstellung unserer Welt ist. Dadurch werden die gewaltvollen Mechanismen unserer Dominanzgesellschaft immer wieder belebt. Und alles außerhalb der Norm Gelebte, spielt entweder gar keine Rolle oder wird extrem stereotypisiert. Zum Beispiel wurde ich an einer Schauspielschule mit der Begründung abgelehnt, zu viel Kraft zu haben und auf einer anderen vier Jahren lang dazu angehalten, an meiner „Weiblichkeit“ zu arbeiten.

Hat sich die Hoffnung erfüllt, Aufmerksamkeit zu erlangen, aktive Veränderung anzustoßen?

Zum Teil ja. Momentan bin ich sehr froh und dankbar für die Aufmerksamkeit, die diese Aktion weltweit erreichen konnte. Es gab aber auch einige sehr ignorante Reaktionen, die sichtbar gemacht haben, dass schlichtweg Bildung fehlt. Es ist schmerzhaft, wenn Unwissenheit in verletzenden und gefährlichen, sogenannten Meinungen mündet. Da ist noch sehr viel zu tun, um in einen wirklich nachhaltigen Dialog zu gelangen.

Die Journalistin Sandra Kegel hat in der FAZ einen Kommentar zu #actout geschrieben und darin kurz gefasst die Notwendigkeit für eine solche Aktion abgesprochen. Es ginge ja nicht um Leben und Tod, sagte sie. Was löst ein solcher Kommentar bei dir aus?

Mich macht das erst mal ziemlich wütend, weil es so ein „What about-ism“ erzeugt. Und ich finde das nicht sonderlich sachdienlich, denn wir sind nicht gleichberechtigt. Ein einfaches Beispiel ist die In-Vitro-Fertilisation, die von den Krankenkassen für queere Paare nicht übernommen wird, hingegen bei heterosexuellen, verheirateten Paaren schon. Darüber müssen wir also nicht streiten. Das ist eine Tatsache. In einem Gespräch dann tatsächlich das Wort „Ideologie“ zu nutzen, während gleichzeitig ein paar Sätze später nach Polen und Russland verwiesen wird, dass dort die wirklichen Feinde sitzen, das halte ich für ein Zeichen, wie gefährlich die Situation für queere Menschen auch bei uns immer noch ist.

Sandra Kegel wurde anschließend auf den virtuellen Jour Fixe „Kultur schafft Demokratie“ der SPD eingeladen. Auf Druck hat man schließlich noch zwei Unterzeichner*innen von #Actout und den Blogger Johannes Kram dazu geladen. Es wurde während der Sendung der queeren Community von Vertreter*inner der SPD vorgeworfen, zu aggressiv zu sein und zu spalten. Hat dich diese Reaktion gewundert?

Dass es so öffentlich passiert, ja. Weil es meiner Meinung nach den Grundwerten einer Sozialdemokratischen Partei zuwider steht. Es wird ja weitergehend auch in der SPD behauptet, dass diese identitätspolitischen Kämpfe die Gesellschaft spalten. Ich frage mich aber, was das für ein Vorwand ist. Denn die Gesellschaft ist gespaltet, weil die Ressourcen und die Zugänge nicht gerecht verteilt werden. Es geht in dieser Debatte um Gerechtigkeit. Dann aber zu sagen, wenn ihr so laut schreit, spaltet ihr die Gesellschaft  ist Tone Policing und führt zu einer Opfer-Täter-Umkehr.

Wie waren die Reaktionen bei deinen nicht queeren Kolleg*innen auf die #Actout-Aktion?

Persönliche, sehr berührende Nachrichten habe ich hauptsächlich von theaternahen, queeren Menschen bekommen, aber kaum von den nicht queeren Kolleg*innen. Vielleicht haben sie den Eindruck, nichts mit dem Thema zu tun zu haben. Meiner Meinung nach gibt es aber keine nicht betroffenen Menschen, wenn es um strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung geht. Das ist bei Queerfeindlichkeit eben so wie bei Rassismus, Ageismus, Ableismus, Sexismus, und allen anderen Unterdrückungsmechanismen dieser Gesellschaft. Diejenigen, die das Privileg haben diese Formen von Gewalt nicht gegen sich gerichtet erleben zu müssen, erhalten und stärken somit die Strukturen, solange sie sich nicht informieren und aktiv dagegen positionieren. Es geht bei Marginalisierungsdiskursen nicht nur um Gefühle, die verletzt werden. Es geht auch ganz konkret um wirtschaftliche Faktoren. Um Existenzängste, die sehr real sind. Wenn ich eher die kleineren Rollen bekomme oder auf den kleineren Bühnen spiele, habe ich am Ende weniger Geld, werde eine geringere Rente erhalten. Das bedeutet mehr Sorge um Altersarmut. Es geht also um Teilhabe und Zugänge.

Hast du dem Gorki offiziell gesagt, dass du dich als nicht binär identifizierst? Denn auf der Website wirst du noch als Frau geführt. 

Ich habe es nicht direkt gemacht. Ich hatte viele Gespräche mit einer Person, die Dramaturgie am Haus macht und angenommen, dass es dadurch und durch meine E-Mail-Signatur im Haus ankommen wird. Ich habe damals auch überlegt, soll ich eine große Rundmail schreiben und wollte das aber jeweils persönlich erzählen, wenn ich die Leute treffe. Neulich hatte ich aber einen Termin im Gorki und habe es der Intendantin Shermin Langhoff persönlich gesagt. (Anmerkung: Erst Wochen später wurde Elenas Pronomen auch offiziell auf der Website geändert.)

Wie ist der Umgang mit queeren Schauspieler*innen am Gorki? Hast du das Gefühl, du kannst Rollen frei spielen oder fühlst du dich dort beengt?

Leider habe ich im Laufe meiner Kariere oft ein Arbeitsumfeld kennengelernt, das mich nur im queeren Kontext größere Rollen spielen lässt, wie zum Beispiel während eines queeren Festivals. Ich entsprach schon vor meinem Outing als nicht binäre Person nicht dem cis-normativen Bild einer sogenannten weiblichen Hauptfigur. Das bedeutete dann in vielen Fällen, dass ich männlich gelesene Rollen zu spielen bekam. Allerdings nur für die kleinen Männerrollen, da meine Gendermarkierungen in den Augen der meisten Dramaturg*innen und Regisseur*innen auch wiederum nicht männlich genug waren. Ich konnte zum Beispiel nie einen Familienvater spielen. Aber ich finde es wichtig, den klassischen Hauptfiguren, die in unserer Gesellschaft schon lange existierende Diversität zu verleihen. Eine Julia kann von einer Transperson gespielt werden, ohne das wir es kommentieren oder erklären müssen. Dazu braucht es weder ein „erleichterndes“ Augenzwinkern, noch eine Reduktion auf die üblichen Stigmatisierungen von queeren Geschichten. Ich bin mir sicher, das Publikum und wir als Gesellschaft sind inzwischen bereit dafür.

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später richtet sich der Blick nach innen. Wisst ihr noch damals, als man mit dem Rucksack durch Europa gondeln konnte? Eine poetischer Versuch.

I. Mit dem Zug

Collage „Am Zug“ März 2021

Präzisionsarbeit in der Hautflügler – Kolonie

Zum vierten Mal stellte absolut.zine ein Thema und das Künstlerkollektiv lieferte. Und dieses Mal ging es uns ans Leder. Bunt und kreativ und hautnah wurde es wie immer. Dazu gibt es ein eigenartiges Shortstory/Poem von mir und anschließend einen Austausch zwischen Ekaterina Rusakova, Angelina Roth und meiner Wenigkeit. Denn wir waren uns alle einig „Künstlerfamilien sind komisch“.

Geradlinig gehen sie ihrer Wege

über Gebirgsketten von Polyester, Baumwolle 

und manchmal Seide

auch über nackte Haut

Dort auf der Hornschicht läuft es sich zwar gut,

aber gefährlich ist es für jede einzelne Arbeiterin allemal

und immer sind es höchst unterschiedliche Ebenen

manchmal samtig und glatt

manchmal  rau und schlaff

häufig ist es feucht dort oben dieser Tage

und sprinten müssen sie, die Zartesten ihrer Art, leichtfüßig darüber

no matter what

Mehlmassiges auf ihren Körpern balancierend

Besser schnell hinab in die Wälder aus Gras

die buckligen Beetebenen

oder hinaus auf riesig heiße Pflastersteinlandschaften

alles kein Problem

meistens zumindest

wenn nichts Größeres über sie herein bricht oder stapft oder rollt oder fällt

Auf den Leinentüchern mit Kaffeegeschirr ist Präzisionsarbeit gefragt

koordiniert und schnell müssen sie vorgehen

zielgenau und ungesehen

denn nichts ekelt die Anderen so sehr

wie ein Haufen hart arbeitenden dunklen Gewimmels

auf ihrem weiß glänzenden Porzellan aus Meißen

 (das liegt in Sachsen, weiß die Kolonie aber nicht)

Das Kaffeegeschirr ist sich selbst überlassen

Kuchenkrümel eingerahmt von Kaffeerändern

selbst Zuckerkrumen gibt es, karamellisiert manchmal

 Marzipanreste an Tante Käthes Kuchengabel

Sie klettern über feines Leinen

tragen schwer an Masse und Verantwortung

vorsichtig über die Porzellanrampe hin zum Tischtuchende

Zwischen Tischkante und Kiefernstamm

(dort hinten war die Kolonie in Sicherheit)

lagen endlose Weiten

und Tante Käthe in dünnem Baumwollkleid

Jetzt also Klimmzüge am Gummiband

hinauf und nicht zurück schauen

immer vorwärts an der Naht entlang gehangelt

dann Haut

weich und porig und fast ohne Haar, glänzende Weite – ein Albtraum

die Kleinsten zuerst, sie trippeln nervös

Dann los:



„Künstlerfamilien sind komisch“ – ein Slide von Ekaterina Rusakova

„Familienhäute“ – ein Dialog von Angelina Roth

Familienhäute - extended

Tante: Bitte was will er studieren?
Die vollgestopfte Tote Bag über die Schulter geworfen, steht sie im Flur. Ihr frisch gestochenes Tattoo am Armgelenk ist noch in Folie eingepackt, wo es schwitzt und Farbe blutet.

Mama: Sag du.
Papa (leise): Verwaltungswissenschaften
Tante: Das ist nicht euer ernst!
Mama: Unserer sicher nicht. Aber Ernsts schon.
Tante: Ich habe es euch damals gesagt und sage es wieder. Nomen est Omen. Aber ihr musstet ihn unbedingt nach Opa nennen.
Papa: Wie hätte ich denn sonst die Schauspielschule zahlen sollen?
Mama: Wir haben wirklich alles versucht. Wir haben vernünftig mit ihm geredet. Er will nicht.
Tante: Ich werde mir den Jungen mal zur Brust nehmen. Wo ist er?
Papa: Im Wohnzimmer. Er ordnet das Bücherregal - thematisch.
Mama zu Papa: Weißt du eigentlich, wie lange es dauert, die Bücher wieder nach Goethes Farbenlehre umzustellen?

Tante (schnaubt im Weggehen): Johann ist auch nicht viel besser.

“Things I Have Noticed” – Rezension

In zwölf Essays schreibt Sophia Hembeck über das Erwachsen-werden

Sie teilt dieses Wachsen in drei Abschnitte und beginnt mit dem schmerzhaften Verlassen (“leaving”), geht weiter in manchmal verzweifelter Suche (“searching”) und findet ihren Platz dort, wo sie ihn nicht unbedingt vermutet hätte (“finding”). Visuell ist das Buch eine Perle in Azurblau, versetzt mit Bildern, die wie Wolken am Himmel immer wieder eine eigene Form zu finden scheinen. Stark und zart, will man es nennen und so ist es die perfekte Form zum Inhalt und passt dazu in jede (größere) Manteltasche. 

Das Suchen nach der eigenen Stimme in einer männlich dominierten Gesellschaft

Die Autorin schreibt ihre Memoiren mit 30 Jahren, was einerseits ungewöhnlich sein mag, wie sie selbst anmerkt, im Grunde aber folgerichtig ist. Denn in diesen drei Jahrzehnten geschieht häufig Elementares, so auch bei Sophia Hembeck. Sie verlässt Elternhaus, Schule, Freunde, Orte und sucht, versucht sich an neuen Plätzen, lernt sich kennen. Sie geht mit 16 Jahren für ein Austauschjahr nach Thailand, einige Jahre später nach dem Schulabschluss Richtung Bochum, um etwas zu studieren, was sie nicht wirklich studieren will. Sie glaubt aber damit gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Schließlich landet sie im verheißungsvollen Berlin, um festzustellen, dass sie auch diesen Ort wieder verlassen muss. Sie sucht ihren Platz. Der wird gerne von hoch ambitionierten männlichen Kommilitonen an der UdK be- und verurteilt. Vielen Leser:innen wird es schmerzlich bekannt vorkommen, stehen diese Erfahrungen für so viele Lebensbereiche in unserer männerdominierten Gesellschaft. Ebenso die Tatsache, die eigene Stimme erst finden zu müssen. Im ersten Essay der Rubrik “searching”, der mit dem Satz “Every time I see “fragile” written on a parcel, I think: Me, too” beginnt, hat Sophia Hembeck eine deutlich klare Stimme entwickelt: “Well. Fuck you Johannes! (…) I create my characters however I view reality and you will have to deal with ex-housewives in their mid-fifties, going through meno-pause, being incredible mad at their ex-husbands for marrying a younger wife.”

Sophia Hembeck schreibt ein klares und durchlässig schönes Englisch

Formal geht Sophia Hembeck klug vor und weiß um ihr Können. Jeder Essay wird eingeklammert von einem ersten Satz/ Zitat, der einleitet und zugleich (ironisch) reflektiert wird. Sie schreibt ein präzises und klares Englisch, dass immerhin als Fremdsprache so durchlässig und schön ist, dass die Sammlung alleine dafür gelesen werden sollte. Ab und zu, wenn die Wut von der Ironie gedeckelt werden soll, versteigt sie sich in Fußnoten, die das Lesen in eine Art Ping Pong verwandeln. Am Ende sei ihr das aber gegönnt. Es unterstreicht das, was sie sein will und was sie zu einer starken Künstlerin macht:  eine Autorin mit Emotionen und klarer Sichtbarkeit.

Sophia Hembecks „Things I Have Noticed“ ist im Eigenverlag erschienen und kostet 20 Euro bei 133 Seiten. Aktuell erhältlich im feinen Berliner Kultbuchladen ocelot in der Brunnenstraße oder auf ihrer homepage.

„Wie man einen Bären kocht“ – Rezension

Mikael Niemi verrät keine Rezeptur, dafür aber auf poetisch klare Weise, wer der Mörder ist.

Mikael Niemi schreibt einen Krimi mit historischer Besetzung

Mikael Niemis aktueller Roman ist Sozialstudie, schwedischer Krimi und Liebesgeschichte mit historischer Besetzung in einem, der so spannend ist, dass er kaum mehr los lässt. Wenn man das Buch zur Seite legt, dann nur um einmal durchzuatmen und ein wenig Luft an die Themen zu lassen. Denn Gewalt und Alkohol, Hunger und Armut sind bestimmende Größen auf dem Lebensweg des Sami-Jungen Jussi und seines Mentor-Vaters  Probst Laestadius. Niemi setzt in der Erzählung die historische Figur Lars Levi Laestadius, die in Nordschweden die freikirchliche Erweckungsbewegung voran getrieben hat, als liberalen Geist ein, der gegen die Hierarchien der bestehenden Staatskirche und den massiven Alkoholmissbrauch der Bevölkerung angeht.

Wissenschaft wird angezweifelt

1852 taucht der Sami-Junge Jussi überraschend bei Probst Laestadius und seiner Familie auf, nachdem er von seiner eigenen Familie weggelaufen ist, die von Alkohol und Gewalt beherrscht wird. “Sie, die sich Mutter nannte (…) hatte das Brantweinfässchen wie einen Säugling an die Brust gepresst.” Er lernt bei dem Probst das Lesen und Schreiben, hört seine Predigten und geht mit ihm auf lange Wanderungen, um Flora und Fauna kennen zu lernen. Eine ganze (Bildungs-)Welt öffnet sich ihm hier, wofür er seinen Mentor tief verehrt. Und Jussi lernt gerne, saugt alles gierig wie jeden Löffel Grütze in sich auf. Als die junge Hilda Friedriksdotter angeblich von einem Bären überfallen und getötet wird, hilft er Laestadius beim Sammeln von Spuren und Beweisen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Der Probst und Jussi werden dadurch schnell zur Angriffsfläche der Dorfbewohner, denn nicht nur ist das Infrage-stellen von Althergebrachtem verwerflich und somit die Methoden des Probstes unerwünscht, auch das Anders-sein an sich wird angeprangert. Und als sich Jussi in Maria verliebt, wird ihm brutal genommen, was ihn als Individuum und als den Anderen auszeichnet. 

Mikael Niemis Sprache macht die fremde Welt erfahrbar

Niemi beschreibt ein Leben, von dem die moderne Mitteleuropäer*in an manchen Punkten weit entfernt ist, an anderen wiederum werden Parallelen zum Heute sehr deutlich. Niemi macht die fremde Welt erfahr- und vor allem fühlbar mithilfe einer beinah haptischen Sprache, die durch Jussis Blick gestaltet wird. Jussi ist auf weiten Strecken des Romans der Ich-Erzähler. “Die Schale ist leer. Ich streiche mit dem Daumen wie mit einem Kissen über die Rundungen und lecke ihn dann ab, streiche und lecke, bis alles ganz saubeaestar ist.” Diese Sprache verleiht eine kindliche und neugierige Offenheit, die erfrischend und berührend ist. Die Perspektive wechselt erst am Ende des Buches, wenn es notwendig wird. Und auch dann erst wird der formale Rahmen in seiner Ganzheit deutlich und das ist eine schöne Umarmung für erwartungsvolle Leser*innen. Ob die Erzählung allerdings bei den letzten Geschehnissen wirklich glaubhaft ist, muss die Leser*in für sich entscheiden. Gut zu wissen ist in jedem Fall, dass der Roman von dem frühesten samischsprachigen Dokument überhaupt inspiriert wurde; der Lebensgeschichte eines Sami, dessen Name unbekannt geblieben ist.

Mikael Niemis “Wie man einen Bären kocht” bei btb im Hardcover für 20 Euro. 507 Seiten übersetzt von Christel Hildebrandt. Erhältlich unter anderem in der Hundeliebhaber-Buchhandlung mit hübschestem Logo Hacker und Presting in Charlottenburg.

*Die Rezension wurde zuerst auf soundsandbooks.com veröffentlicht.

KurzgeschichtenGedicht/ Short StoryPoem

Mit den Rauhnächten ab dem 20./21. Dezember, die für mich mit der längsten Nacht des Jahres beginnen, kam dieses eigenwillige Gedicht, das seinen Ausgang im ersten Satz findet. Diesen hatte ich Wochen zuvor auf Instagram in eine Verlosung geschickt und konnte ihn nicht vergessen. Eingewoben habe ich außerdem alte Mythen zu den Rauhnächten.

Lebkuchensirup tropfte auf den Perserteppich,

der

seit Jahren schon vergessen

im Hausflur gleich neben dem großen Wandspiegel

dort,

wo

sie

sich jetzt sah

und auch wieder nicht…

Margaruites blanke Füße neben dem Sirupklecks.

Die kleine Flasche war kaputt gegangen

und die dickflüssige Süße

durch die Tasche ins Außen gedrungen,

bildete sie nun

eine runde Sache, glänzend und massig.

Margaruite konnte nicht hinsehen;

schnell nun in die Schuhe, Mantel und Mütze

und los!

Die Füße liefen über das Pflaster

geradewegs durch die verwinkelten Gassen

zur Kreuzung und dort –

Stehen musste sie und warten

und das Atmen nicht vergessen

atmen.

atmen.

atmen.

Sie sagten, er würde kommen,

aber sprechen dürften sie nicht

Bräutigam und Braut, eine

wollte sie sein

„nicht wahr, mein Mädchen?“

Margaruite schielte zur Turmuhr

die Mitte der Nacht erreicht

und er?

Leises Atmen in der rauen Nacht

Sie schloss die Augen spürte

die Nähe des anderen Körpers

1 seelenverwandter Mensch

sollte es sein,

hoffte Margaruite.

Wie wir überleben – Rezension

Sebastian Barrys Folgeroman nach „Tage ohne Ende“ in wunderschöne Ausgabe mit noch besserem Inhalt.

Der Roman des irischen Autors Sebastian Barry beschreibt die ganze Schönheit und Brutalität des Menschseins und gibt seinen Leser*innen eine Lektion fürs Leben mit auf den Weg. Am Ende ertragen wir es nur mit der Liebe. Eine große Erzählung zur richtigen Zeit, beeindruckend poetisch.

Die Erzählung der jungen Lakoto endet wie der letzte Schluck einer Tasse heißen Kakaos. Am Grund liegt der Satz, der am glücklichsten macht; dickflüssig und süß, während das ganze Getränk bereits ein Genuss war. “Dass ich Menschen hatte, die mich liebten, Menschen, die über mich wachten, hielt ich für eine ausgemachte Wahrheit”, heißt es und hierin zeigt sich die ganze  Weite des schrecklich-schönen Menschseins und Sebastian Barrys poetische Stärke. Der irische Autor gibt der Hauptprotagonistin Winona, die eigentlich Ojinjintka heißt, eine eigene Stimme und in dieser Ich-Perspektive führt sie die Leser*innen auf der Suche nach einem Mörder, durch ihr junges Leben und  die ebenso jungen Vereinigten Staaten von Amerika. 

Die drei Leben der Ich-Erzählerin

Winona/Ojinjintka ist zwar noch jung, hat aber schon mehrere Leben geführt. Das erste begann bei ihrem Stamm den Lakato und wurde von Unionssoldaten bei blutigen Schlachten zerstört. Im zweiten Leben wächst sie teils in einer Kaserne, teils bei den zwei Soldaten Thomas und  John oder auch bei einem alten Afroamerikaner auf, der sich um sie kümmert, wenn die Soldaten im Bürgerkrieg kämpfen. Diese Geschichte wird in dem 2018 auf Deutsch erschienen Roman “Tage ohne Ende” ausführlicher erzählt und sollte ebenfalls unbedingt gelesen werden. Das dritte Leben führt Winona/Ojinjintka in den 1870er Jahren im Henry County, Tennessee zusammen mit Thomas, John, einem gemeinsamen Freund und zwei ehemaligen Sklaven auf einer Farm. Sie sind arm und in dem jungen Staat so wenig wert, dass es kein juristisches Verbrechen ist, einen schwarzen Menschen oder eine Lakato zu schlagen oder gar zu töten. 

Das Überleben einer Patchworkfamilie

Was Winona/Ojinjintka und ihre Patchworkfamilie zusammenhält, ist die Liebe. Und manchmal finden sie die Liebe da, wo sie nun gerade nicht vermutet wird, wo sie im Verborgenen um so strahlender scheinen kann. Allen Beteiligten begegnet unglaublich viel Gewalt, die sie alle irgendwie, manchmal nur gerade so, aber immer miteinander überleben. Und sie alle sind verstrickt in Schuld und Schweigen. Um dieses Schweigen zu lösen, muss Winona herausfinden, was mit dem getöteten Jas Jonski und mit ihr passiert ist. Sie muss sich erinnern. Und dort hinein in diese Suche und das Erinnern webt Barry wie im Vorgängerroman “Tage ohne Ende” ganz unaufgeregt und poetisch stark die Liebesgeschichte zwischen Winona und Peg. Für die Zärtlichkeit, mit der Barry diese Liebe beschreibt, möchte man den irischen Schriftsteller aus Dublin einmal sehr dankbar umarmen. Denn es spielt bei ihm nie eine große Rolle, wer wen liebt, so wie es eigentlich nie eine Rolle spielen sollte, sondern nur, dass geliebt wird.

Die USA ein zerrissenes Land

Am Ende des Romans ahnen die Leser*innen, wie es zugegangen sein muss in dem zerrissenen, jungen Land, das gerade einen Bürgerkrieg überstanden hatte und so viele unterschiedliche Lebensvorstellung in aller Vehemenz unter einen nationalen Hut zwängen wollte. Es zeigt, wie alt manche Kämpfe sind, die in den USA 150 Jahre später noch immer geführt werden. Ein Roman, der durch historische Einsicht, soziale Weitsicht und ein großes Verständnis für die Liebe geradezu prädestiniert ist im Jahr 2020 gelesen zu werden.

Sebastian Barrys “Tausend Monde” bei Steidl im Hardcover für 24 Euro. 256 Seiten übersetzt von Hans-Christian Oeser. Erhältlich unter anderem in der fantastischen Autorenbuchhandlung am Savignyplatz.

*Die Rezension wurde auch auf soundsandbooks.com veröffentlicht.

Kurzgeschichten / Short Stories I

Das Künstler*innenkollektiv und Literaturmagazin absolutzine hat uns herausgefordert, wollte dass „wir lügen“ und wir haben die Herausforderung angenommen. Wir haben gelogen, dass sich Tischbein und Kuli bogen. Am 1. Dezember gingen 65 Texte online und es ist eine Freude, sich mit ihnen durch den grauen Dezember zu lesen. Ich durfte mit einer Kurzgeschichte dabei sein und habe frei assoziiert. Geholfen haben eine italienische Holzpuppe und ein kluges Kind. / After receiving a call from the artits collective and literature magazine absolutzine, we delivered. On December first, 65 pieces went online and I am very happy to be part of it. My inspiration was an Italian doll, and a smart child. See the English version of the short story below.

Zeichensprache gilt nicht

oder was Erwachsene nicht sagen

Fuchs und Kater/ auf einem Feld/ Falsches Lächeln/ Lachen Katzen? 

Papas Rücken/ in der Dunkelheit/ Er lacht nicht/ Er verschwindet

Ich wache auf, als Mama ins Zimmer kommt und die Vorhänge zur Seite zieht. 

“Kommt Papa heute?”, frage ich.

“Bestimmt”, sagt sie.

Das heißt auf Erwachsen, dass er nicht kommt. Habe das schon hundert Mal erlebt. Ich gebe aber nicht auf und hake nach: “Und was, wenn er nicht kommt?” 

“Er wird kommen!” Ihre Stimme wird leicht ungeduldig und sie schielt zu mir rüber, um mich davon abzuhalten, weitere Fragen zu stellen. Sie hat keine Ahnung, wo er ist und wann er von dort wieder auftaucht. Also stehe ich auf, tausche Schlafanzug gegen Hose und Pulli und verkrieche mich in der Burg. Die gehört eigentlich meinem kleinen Bruder aber letztens habe ich sie besetzt, denn hier lässt es sich klasse lesen. Ich mag Pinocchio. Eine lange Nase bekommt er nur bei den Erwachsenen. Ich glaube, die wissen es halt nicht besser. Ich blättere mich auf die Insel. Da war ich schon oft mit Pinocchio und dort will ich ihn wieder treffen.

“Er war jetzt schon ganz schön lange nicht mehr da.” Ich gucke vorsichtig zu Mama hoch. Es sind mindestens fünf Wochen vergangen, glaube ich. Eigentlich soll ich nicht fragen, das weiß ich. Aber ich kann nicht ewig warten und irgendwann muss Papa schließlich mal wieder kommen. Jetzt schluckt Mama und räumt unsere Teller zusammen. Sie guckt mich nicht an und schnieft kurz. Lass sie jetzt bloß nicht weinen. Ich kann das nicht sehen und noch weniger hören. Dann weiß ich nicht, was ich machen soll und fühle mich, als hätte mich jemand ins Klo gekippt. Sie weint nicht. Zum Glück.

“Er muss grad viel arbeiten. Ich weiß, dass es nicht so toll ist und ihr ihn vermisst. Aber er grüßt euch.” Ihr Rücken hat zu mir gesprochen. Er grüßt uns! 

“Das heißt, er hat angerufen?” Ich habe meine Zweifel, aber vielleicht ja doch. So lange war er noch nie weg und warum hätte er nicht anrufen sollen? 

“Ja, letztens spät abends.” 

Ich will ihr glauben und denke an Pinocchio. Pinocchio wollte auch immer zu seinem Vater und irgendwie kam ständig was dazwischen. Ist halt manchmal so. Ich stehe vom Tisch auf und lasse Mamas Rücken alleine. Sie ruft mich nicht zurück, um beim Abräumen zu helfen. Kein gutes Zeichen.

__

“Fühlst du dich nicht gut?” Mamas Hand liegt auf meiner Stirn und sie schaut besorgt auf mich runter. Ich nicke. Ich fühle mich schrecklich. Und ich werde nicht wieder aufstehen. Nie wieder. Ich habe einen Pakt geschlossen. Ich verlasse das Bett erst, wenn Papa vorbei kommt. Sie können machen, was sie wollen. Ich mache auch, was ich will. 

“Deine Stirn ist nicht heiß. Tut dir was weh?” 

Ich nicke, das ist schließlich wahr. Aber vor der nächsten Frage habe ich Angst und ich weiß dass sie kommen wird. Mama streicht mir über den Kopf. “Was tut dir denn weh?” 

Ich halte mir den Bauch und kneife die Augen zusammen. Wenn ich ganz fest darüber nachdenke, tut der Bauch wirklich weh. Da ist so ein komisches Gefühl und auch in der Brust. Mamas Augen zeigen diese Mischung aus Ratlosigkeit und Sorge. Sie seufzt. “Ich mache dir einen Tee und dann sage ich Monika Bescheid. Sie soll zwischendurch mal nach dir schauen. Du musst mir versprechen, dass du in die Schule gehst, wenn du dich besser fühlst, ok? Vielleicht klappt es ja zur 3. Stunde, wenn ihr Mathe habt. Versprochen?” 

Ich wackle mit dem Kopf. Mist. Habe ich das jetzt wirklich versprochen? Zählt Zeichensprache? Ich tauche ab unter die Bettdecke und suche dort mit Pinocchio im Meer nach seinem Vater. Wir finden ihn nicht.

Habe entschieden, es anders anzugehen. Wenn sie mir nicht sagt, wo Papa ist und wann er wieder kommt, rede ich nicht mehr mit ihr. Dann muss ich mir auch nichts ausdenken. Ich glaube, das ist sauberer. Aber es fühlt sich nicht besser an. Zuerst dachte Mama, es sei ein Scherz. Das konnte ich an ihrem Gesichtsausdruck sehen. Sie hatte so ein schiefes, ungläubiges Lächeln. Dachte wahrscheinlich, dass ich nicht lange durchhalte. Nach ein paar Tagen wurde sie wütend. Ihre Lippen wurden ganz schmal und ihre Augen auch. Sogar mein kleiner Bruder hat Angst bekommen und wollte, dass ich was zu ihr sage. Mit ihm rede ich. Er kann ja nichts dafür (und gar nicht mehr sprechen ist irgendwie unpraktisch). Jetzt sieht Mama oft traurig aus und sie schaut aus dem Fenster und seufzt dabei. Sie tut mir leid.

__ 

“Euer Vater ist bei Freunden.” 

Dieser Satz kommt überraschend. Mein kleiner Bruder und ich sitzen auf dem Sofa und gucken Cartoons. Aber jetzt starren wir sie an. 

“Er hatte Schwierigkeiten mit der Arbeit und jetzt ist er erst einmal bei Freunden, die ihm helfen. Deshalb kann er grad nicht kommen.” 

“Hat er wieder angerufen? Wann hat er angerufen? Ich will mit ihm reden.” Das alles sprudelt aus mir heraus, als ob plötzlich jemand einen Wasserhahn aufgedreht hätte. Ich kann den Hahn nicht zudrehen.

“Er hat spät angerufen.” Sie schaut an die Zimmerdecke, dort wo der kleine Riss ist und sie hat die Arme vor dem Bauch verschränkt, also ob sie auch diese komischen Bauchschmerzen hätte.  “Er kann jetzt erst einmal eine Weile nicht kommen.” Sie setzt sie sich zu uns aufs Sofa und will meine Hand nehmen. Ich ziehe sie weg. Ich will Antworten. 

“Aber wie lange ist noch ‘eine Weile’? Er ist schon Ewigkeiten nicht mehr da gewesen. Dauert es noch mal genau so lange?” 

“Ich weiß es nicht.” 

Was soll ich denn darauf sagen? Worüber reden die beiden am Telefon? Und warum ruft Papa immer nur abends an? Will er gar nicht mit uns sprechen? Da piepst mein kleiner Bruder: “Das ist doof. Papa soll hierher kommen.” Dabei hält er seinen Plüschpinguin im Arm und guckt wütend. Mehr habe ich nicht hinzuzufügen. Mama nickt und schiebt ihre Unterlippe vor. “Ich weiß. Es ist wirklich doof. Und es tut mir leid.” 

Am selben Abend frage ich Mama eine wichtige Frage, die schon lange in meinem Kopf hin und her springt. “Hast du Papa noch lieb?” 

Sie schüttelt schnell den Kopf. Das glaube ich ihr nicht, weil ihre Augen ganz groß dabei werden. Aber vielleicht gilt ja Zeichensprache wirklich nicht. Ich gehe schlafen.

Tief in der See/ Bezahnte Dunkelheit/ ein Lügenmaul/ verschlingt mich 

Mittendrin/ Papas Jacke/ und sein Schuh 

Kommst du zurück?/ Frage ich/ Verschränkte Arme/ ein wackelnder Zeh

Sehr bald!/ Sagt er/ Und wir schwimmen kleine Runden/ im Haifischbauch


English Version

Sign language doesn’t count! –

or what adults don’t say

Fox and tomcat/ on a field/ Fake smile/ Do cats laugh?

Dad’s back/ in the dark/ He doesn’t laugh/ He disappears

I wake up, when Mom comes into the room and pulls the curtains aside.

“Is Dad coming today?” I ask.

“Definitely,” she says.

In adult terms, that means he won’t come. Have seen this a hundred times. But I don’t give up and ask: “What if he doesn’t come?”

„He will come!“ Her voice gets a little impatient and she glances over at me to stop me from asking any further questions. She has no idea where he is, or when he will reappear from there. So I get up, swap pajamas for pants and a sweater, and hide in the castle. The castle actually belongs to my little brother, but I recently occupied it because it is great to read here. I like Pinocchio. He only gets a long nose around adults. I don’t think they know any better. I turn the pages, approaching the island. I’ve been there with Pinocchio many times and I want to meet him there again.

„He hasn’t been visiting for a long time.“ I look carefully up at Mom. It’s been at least five weeks, I think. I’m not supposed to ask, I know that. But I can’t wait forever and at some point Dad has to come back. Now Mom swallows and cleans up our plates. She doesn’t look at me and sniffs briefly. Please don’t cry. I can’t see that and even less hear it. Then I don’t know what to do and I feel like someone dumped me in the toilet. She doesn’t cry. Luckily.

“He has to work a lot right now. I know it’s not that great and you miss him. But he says hello.“ Her back spoke to me, but he says hello!

„That means he called!“ I have my doubts, but maybe he did. He’s never been gone for so long and why shouldn’t he have called?

„Yes, recently late at night.“

I want to believe her and I think of Pinocchio. Pinocchio always wanted to see his father and somehow something kept coming up. It’s just like that sometimes. I get up from the table and leave Mom’s back alone. She doesn’t call me back to help clean up. Not a good sign.

__

„Are you not feeling well?“ Mom’s hand is on my forehead and she looks down at me in concern. I nod. I feel terrible. And I won’t get up again. Never again. I made a pact. I won’t get out of bed until Dad comes by. They can do what they want. I do what I want, too.

“Your forehead is not hot. Does something hurt?“

I nod, that’s true after all. But I’m scared of the next question and I know it will come. Mom strokes my head. „What is wrong?“

I hold my stomach and screw up my eyes. When I think about it very hard, my stomach does hurt. There is a strange feeling and also in the chest. Mom’s eyes show this mixture of perplexity and worry. She sighs. “I’ll make you some tea and then I’ll let Monika know. She should check on you every now and then. You have to promise, that you will go to school when you feel better, ok? Maybe you feel okay by the time you would have your 3rd class. Try at least. Promise?“

I wiggle my head. Damn. Have I really promised that now? Does sign language count? I dive under the covers and look in the sea with Pinocchio for his father. We don’t find him.

I decided to change plans. If she doesn’t tell me where Dad is and when he will be back, I won’t talk to her anymore. Then I don’t have to make anything up either. But it doesn’t feel any better. At first Mom thought it was a joke. I could see that in the look on her face. She had such a crooked, incredulous smile. Probably thought I wouldn’t last long. After a few days, she got angry. Her lips narrowed and so did her eyes. Even my little brother got scared and wanted me to say something to her. I’m talking to him. It is not his fault (and not speaking at all is somehow impractical). Now Mom often looks sad and she looks out the window and sighs. I’m sorry for her.

__

„Your father is with friends.“

This sentence comes as a surprise. My little brother and I sit on the sofa and watch cartoons, but now we’re staring at her.

“He had trouble with work and now he’s with friends who help him. That’s why he can’t come right now. „

“Did he call again? When did he call? I want to talk to him.“ It all gushes out of me, as if someone suddenly turned on a tap. I can’t turn it off.

„He called late.“ She looks at the ceiling, where the small crack is and she has crossed her arms in front of her stomach as if she also had this strange stomach ache. „He can’t come for a while now.“ She sits down with us on the sofa and wants to take my hands. I am pulling them away. I want answers.

„But how long is ‘a while’? He hasn’t been here in ages. Will it take that long again? „

„I don’t know.“

What am I supposed to say to that? What are the two talking about on the phone? And why does Dad only call in the evening? Doesn’t he even want to talk to us? My little brother chirps: “That’s stupid. Papa should come here.“ He holds his plush penguin in his arms and looks angry. I have nothing more to add. Mom nods and pokes out her lower lip. „I know. It’s really stupid and I’m sorry.“

That same evening, I ask Mom an important question that has been jumping back and forth in my head for a long time. „Do you still love Dad?“

She quickly shakes her head. I don’t believe her because her eyes get really big. Maybe sign language though doesn’t really count. I’m going to sleep.

Deep in the sea/ Notched darkness/ a lying mouth/devours me

In the middle/ Dad’s jacket/ and his shoe

Will you come back?/ I ask him/ Crossed arms/ a wobbling toe

Very soon!/ He says/ And we swim little laps/ in the shark belly

Wo das Eismeer verzaubert – Rezension

Das schriftstellerische Debüt der kanadischen Sängerin Tanya Tagaq

Tanya Tagaq erspart ihren Leser*innen nichts und schenkt im Gegenzug einen Einblick in das Dasein und den Überlebenskampf der Inuit im Norden Kanadas. Die teils biografische Geschichte wird zu einer Erzählung über die Schönheit der Mythen und die Stärke der Frau.

„Splitt Tooth“ heißt das Buch im Original, erschienen 2018 bei Penguin, das auf Deutsch den Titel „Eisfuchs“ bekommt. Gewidmet hat Tagaq das Buch den „Überlebenden der Residential Schools“, also jenen Schüler*innen, die getrennt von ihren Eltern der eigenen Kultur entfremdet wurden und die ihre Sprache vergessen mussten, um Englisch und Französisch zu lernen. 

Der erste Abschnitt führt dann auch gleich mitten hinein in einen Abend voller Alkohol und Haltlosigkeit einer Gesellschaft, der Tradition und damit Identität genommen wurde. Die Kinder finden in dieser Erwachsenenwelt keinen Platz und noch weniger Halt, sie haben manchmal einander und verkriechen sich in ihr Versteck.

Tanya Tagaq schreibt in der Ich-Perspektive und beginnt ihre Geschichte mit dem Jahr 1975, das Jahr in dem sie am Rande des Eismeeres in Cambridge Bay, heute Nunavut geboren wurde. Sie ist bisher als Sängerin für den sonst traditionellen Vokalgesangs bekannt, den sie ganz eigen interpretiert und mit viel Poesie verbindet. Diese Poesie findet sich auch in ihrem Schriftstellerinnen-Debüt in Form von Gedichten wieder, die am Anfang eines jeden Kapitels stehen und in der Beschreibung der Natur, die aus Tundra und Eismeer besteht.

Das Eismeer ist die Größe, die die Erzählung zusammen hält. Denn dort auf dem Wasser spielen die Kinder mitunter lebensgefährliche Spiele im Sommer, wenn sie Tag und Nacht quasi autonom draußen verbringen. Während der dunklen Wintermonate hingegen müssen sie in den Häusern ausharren und sind besonders dann den explodierenden Emotionen und dem Missbrauch der Erwachsenen ausgesetzt. Immer versuchen sie sich abzulenken, schnüffeln Klebstoff und sammeln Zigarettenstummel, die sie heimlich in ihren Verstecken rauchen. Es gilt wie auf jedem Schulhof das Gesetz des Stärkeren oder eben auch Cooleren und wer es in diese Kategorien nicht schafft, versucht sich in Unauffälligkeit zu verkriechen. 

Das Buch wird besonders dann stark, wo es in die Mythen der Inuit eintaucht, Raum und Zeit aufbricht und wo sich alte Sagen mit dem modernen Leben vermischen und die Ich-Erzählerin loslässt, aufmacht für das Unausgesprochene. Denn, ihre Vorfahren können ein trauriges Lied davon singen, die größte Pein ist nie die tödliche Gleichgültigkeit der Natur sondern die Gewalt der Menschen, die immerzu missionieren und zerstören.

Wer sich einlassen kann auf diese assoziative Erzählung und mit dem jungen Mädchen hinab gleitet in die Tiefe des Eismeeres, findet dort ein kleines bisschen Magie und Freiheit und das Wissen um die Stärke der Frauen. Denn am Ende ist es ein Buch nicht nur für die Überlebenden sondern auch „für die verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas“.

Tanya Tagaq „Eisfuchs“ bei Kunstmann für 20,- Euro, 196 Seiten. Erhältlich unter anderem in diesem Kleinod „Zabriskie“ in Berlin-Kreuzberg.

*Die Rezension wurde auch auf soundsandbooks.com veröffentlicht.