Für ein Europa der Vielen

Die Vergessenen unter dem Sternenbanner

Es riecht stechend nach Urin und es ist kalt. Auf der rechten Seite der Unterführung hausen in einer Art Foyer, abgegrenzt durch Glasfenster, mehrere hundert Menschen. Sie alle scheinen von dem afrikanischen Kontinent zu kommen und sie verbringen den milden Mainachmittag eingehüllt in Schlafsäcke und Decken im Halbdunkel. Eine Frau sitzt alleine inmitten der Deckenhaufen und starrt uns an. Ich bin mir nicht sicher, ob sie uns wirklich sieht. Ihr Blick ist leer.

Wir sind auf der Suche nach einem Café auf diesem vorletzten Stopp unserer Reise durch Westeuropa, als wir uns verlaufen. Der Van steht einige Straßen entfernt und wir haben noch nichts gegessen, außerdem muss ich dringend aufs Klo. Wir sind in Brüssel, am Gare du Nord und die Frau und mich trennen hier inmitten dieses architektonischen Albtraums einige Meter und mehrere Welten. Während ich am Ende der Unterführung auf einen hellen Platz gelange und in ein schickes Hipstercafé gehen kann, wo ich nicht nur ein sauberes Klo, sondern auch bestes Essen vorfinde, wird sie entweder in den nahe gelegenen Park “Le Botanique”, irgendwo zwischen zwei Büschen gehen oder sich hier, in eine der stinkenden Ecken hocken müssen. 

Wer oder was ist Europa?

Vom 23. bis zum 26. Mai wählten die EU-Bürger ein neues Parlament. Ich bin überzeugt und ein großer Fan von der Idee eines vereinten Europas. Deshalb mache ich mich einige Wochen vor den Wahlen auf den Weg und reise durch Frankreich, Spanien, Belgien und die Niederlande, um herauszufinden, wer und was Europa eigentlich ist.

Sind es die vielen jungen Menschen, die seit Monaten jeden Freitag die älteren Generationen daran erinnern, dass sie soeben ihre Zukunft verspielen anstatt auf größerer, also EU-Ebene endlich zu handeln? Sind es die Wütenden, die ebenfalls auf die Straßen gehen und immer dann von Demokratie sprechen, wenn es ihnen zugute kommt, aber die EU wollen sie am besten ganz abschaffen? Oder sind es die vielen Sprachlosen, die sich vergraben und in einer vermeintlich politikfreien Welt bewegen, weil sie glauben, sowieso nichts ändern zu können? Und was ist mit den Vergessenen und Ohnmächtigen, die sich am Gare du Nord verstecken, nachdem sie versuchten der Hoffnungslosigkeit ihres Heimatlandes zu entkommen?

Ich spreche mit einer guten Freundin, die Niederländerin ist und mit ihrem deutschen Ehemann drei Kinder hat. Sie sind vor einigen Jahren zurück nach Utrecht gezogen. Ich frage sie, was Europa für sie bedeutet. Sicherheit und ein gewisses Maß an Freiheit, vor allem die Möglichkeit sich zwischen den EU-Ländern frei hin und her bewegen zu können, seien für sie die wichtigsten Punkte. Und ob sie sich zuerst als Niederländerin oder als Europäerin versteht, will ich weiter wissen. Sie würde sie sich sehr gerne als Europäerin bezeichnen, sagt sie und verstehe sich im politischen und geografischen Punkt auch also solche, aber “trotzdem spreche in der Öffentlichkeit immer über mich als „Niederländerin“, das heisst, ich würde mich nie als „Europäerin“ an jemanden ausserhalb von Europa vorstellen. Ich fühle mich sehr mit der Niederländischen Kultur verbunden. Meine Identität ist Niederländisch. Europäisch bin ich nur was Politik und Geographie angeht.”

Die polyphone Geschichtsschreibung für eine gemeinsame Basis

An diesem letzten Gesprächspunkt bleibe ich hängen, denn sie formuliert hier etwas, dem ich zustimmen würde.  Was bedeuten die nationalen Identitäten für Europa, frage ich mich. Sind sie ein Problem, wo sie heute in einigen Kreisen stärker denn je hervor gehoben werden? Oder sollte die EU nicht noch viel stärker zusammen rücken und endlich die Vorstellung des “wir” und “die anderen” überwinden? 

Ich stoße auf ein Interview der taz mit Aleida Assmann. Sie beschreibt darin, dass ein diverses Europa auch eine polyphone Geschichtsschreibung braucht. Die Nationen in Europa haben die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht und gehen dementsprechend verschieden damit um. Während die (meisten) Deutschen allem Nationalen zumindest skeptisch begegneten, bräuchten Länder wie Polen Europa “um mehr Nation sein zu können”. Die Anerkennung der eigenen, nationalen Identität ist für diejenigen Länder, die besetzt und unterdrückt wurden, heute wichtiger.

Welche Werte will Europa vertreten? Der Humanismus wird immer fast reflexartig hervor gehoben. Und ich frage mich, wie viel davon den Menschen in der Unterführung in Brüssel entgegen gebracht wird. Sie finden ganz sicher nicht das Europa vor, an das sie bei ihrer Flucht über den afrikanischen Kontinent und das Mittelmeer dachten. Sie haben die Wüste überlebt, die Ghettos in Libyen und eine hochgefährliche Fahrt über das Mittelmeer, um hier in dieser stinkenden und zugigen Unterführung zu enden. Dass Europa seine Grenzen nach außen verschließt in der irren Annahme, so könne es den Kuchen des Wohlstandes unbedacht unter sich aufteilen, lässt sich nur schwer mit humanistischen Werten vereinbaren. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten einige westliche Staaten den Vorläufer der EU (die EG) zuerst als wirtschaftliche Gemeinschaft aber immer auch mit dem Gedanken der Friedenssicherung. Wer Handel miteinander treibt, führt nicht so schnell Krieg (es sei denn man verdient mehr mit Kriegsgeschäften). Friedenssicherung ist ein Wort, dass meinen Großeltern sicherlich noch etwas bedeutete. Jene, die “nie wieder Krieg” sagten und das auch genau so meinten. Die Mehrzahl der heute lebenden Westeuropäer hat keine eigenen Erinnerungen an und keinen  gelebten Bezug zum Krieg. Gott sei Dank. Die Menschenrechte als Basis unserer gemeinsamen europäischen Wertvorstellungen, das Lossagen vom “Kult des Krieges, der Vermännlichung der Gesellschaft, der Betonung von Gewalt, dem Marschieren in Uniformen”, ist etwas, worauf wir uns einigen könnten und müssen, meint Aleida Assmann in ihrem Interview.

Die Stimmen der Jungen

Fährt man tief in den Westen der EU, hinein in die Bretagne oder auch “ans Ende der Welt”, dem Finistère, wie es die Bretonen nennen, sieht man viele regionale Produkte, auf die mit dem Zeichen “100% Breton” hingewiesen wird. Aber das scheint den Gedanken an die EU nicht notwendiger Weise auszuschließen. Man weiß hier nur, dass in Sachen Essen niemand den Bretonen und schon gar nicht den Franzosen das Wasser reichen kann. Die Crêpes und der Cidre kommen von hier, ebenso das beliebt Fleur de Sel und man zeigt ganz selbstverständlich seinen Stolz. Inzwischen wird auch der Klimaschutz bewusst praktiziert. Die Bretagne ist ein rauer, blau-grüner Schatz in Frankreich, die es zu schützen gilt, damit der Point du Raz und die Buchten um Sant Malo auch weiterhin malerisch in der Abendsonne glitzern können und so auch genügend Besucher anlockt. 

Eine der malerischen Buchten bei Sant Malo im Norden Frankreichs

Am besten wird das Zusammendenken von Region und EU bei der Studentin Pauline deutlich. “Ich finde, unsere Generation hat heute tatsächlich die Chance, einen fast unbeschränkten Horizont zu gewinnen, so dass es für uns schwieriger ist, sich mit einem einzigen Land zu identifizieren. Deswegen würde ich sagen, dass ich mich sowohl als Bretonin als auch als Französin und als Europäerin betrachte.”  Pauline ist Anfang 20, studiert in Rennes und absolviert aktuell ein Austauschsemester an der TU Berlin. Sie beschreibt, wie sie mit den Ideen der EU groß wurde, der Abschaffung der Grenzen und wie die Solidarität zwischen den Völkern Thema in der Schule waren. Hier spricht eine Generation, die sich nicht nur für den Klimaschutz stark macht, sondern die EU gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen hat. Denken alle so?

Carla ist gebürtige Französin. Sie hat hat einen französischen und einen italienischen Elternteil und ist ebenfalls in der Bretagne aufgewachsen. Ihre Antwort klingt ein bisschen nachdenklicher. “Ich würde mich zuerst als Französin bezeichnen. Ich denke, dass die Kulturen zwischen den verschiedenen europäischen Ländern zu unterschiedlich sind, um sich als Europäer zu bezeichnen.” Sie sieht die nationalen Identitäten noch deutlich stärker als eine gemeinsame europäische Identität und erkennt weniger die eine europäische Kultur. 

Nachdem wir einige Plakate zum “Frexit” auf unserer Reise vor allem südlich des Genfer Sees gesehen haben, frage ich die Studentinnen, was sie davon halten. Carla glaubt nicht, dass die EU-Skepsis in Frankreich groß genug sei, um einen Austritt zu ermöglichen. “Frankreich liegt zentral in Europa und hat immer mitgemacht. Obwohl sie immer kritisiert wird, denke ich, dass nur wenige Menschen die EU verlassen wollen.” Für Pauline wäre es sogar regelrecht “unfassbar”, käme es zu einem Austritt, den vor allem der “Rassemblement National” (ehemals Front National) unter Marine Le Pen fordert. “Es gäbe kein Wort, das meine Traurigkeit beschreiben könnte, falls das eines Tages passieren würde,” sagt sie. 

Fährt man die Atlantikküste Frankreichs entlang, trifft man von einem bezaubernden Ort auf den nächsten. Alte römische Festungsanlagen, jahrhundertealte Altstädte wie die von La Rochelle oder Bordeaux leben auch vom Tourismus und werden so sicher von den unterschiedlichen Erfahrungen, Sichtweisen und Vorstellungen der Menschen geprägt, die jährlich in die Cafés, Restaurants und Museen der Stadt strömen. In Bordeaux gibt es nicht zuletzt durch die Universität eine recht diverse Bevölkerungsstruktur, an manchen Straßenecken fernab der schicken Uferpromenade fühlen wir uns ein bisschen an Berlin erinnert. Bunt und jung sieht es hier aus, die Student*innen der Stadt können zwischen japanischen, französischen, belgischen und allerlei mehr Spezialitäten wählen, wenn sie ausgehen. Wer es sich leisten kann und Teil dieses Universums ist, lebt vielfältig und genießt die Vorteile der EU. 

Bunt für Jung und Alt in La Rochelles besetzter Ecke der „Belle du Gabut“

Die anderen hingegen sieht man teilweise seit Monaten auf den Straßen und in gelben Westen demonstrieren. Obwohl die Zahl der Demonstrant*innen zurückgeht, ist die präkere Situation für viele Französinnen und Franzosen noch immer die selbe. Und so scheinen die sehr heterogenen Gelbwesten bisher noch recht viel Unterstützung oder zumindest Verständnis zu genießen. Vor allem in den kleineren Städten fernab von Paris sieht man immer wieder an einem Kreisverkauf Bretterbuden aufgebaut, an denen gelbe Westen hängen und die zum Streik aufrufen.

Kataloniens Stolz gehört zur EU

Innerhalb kurzer Zeit gelangt man von Frankreich nach Spanien. Wir wollen in den Bergen von Barcelona Freunde besuchen. Sant Celoni ist ein kleines, katalanisches Städtchen, eingebettet in die grünen Berge östlich von Barcelona. Es gibt viele politische Graffiti. Man zeigt hier klar Flagge für ein unabhängiges Katalonien. Sie scheinen mindestens so stolz hier zu sein, wie es die Bretonen sind und sie kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Überall an öffentlichen Plätzen und Gebäuden wird auf die Rede- und Pressefreiheit hingewiesen, denn noch immer sind mehrere katalanische Politiker seit des Referendums von 2017 in Haft. Europa und die Europa-Wahlen sind hier deutlich weniger präsent. Die Frage nach der Unabhängigkeit ist die wichtigere. 

Auf dem Sportplatz des kleinen Örtchen Campins bei Sant Celoni

Von der EU fühlen sich die Katalanen eher in Stich gelassen, vermutet unsere Freundin, die Künstlerin Paola Idrontino. Nachdem bei den Wahlen 2017 kein EU-Land offen für Katalonien eintrat, tendiert man in der Region wohl eher zu der Überzeugung, dass man sich um seine eigenen Belange kümmern sollte und von der EU nicht viel zu erwarten habe. Paola kommt aus Sizilien und hat in den letzten zwanzig Jahren unter anderem in London und Berlin gelebt und sich jetzt in der Nähe von Barcelona nieder gelassen. Sie weiß, dass ihre Identität stark von Italien geprägt wurde. Dort wuchs sie auf und dort lebt ihre Familie. Sie verstehe sich teilweise als Italienerin, aber darüber hinaus bezeichne sie sich heute klar als Europäerin, nachdem sie viele Jahre in unterschiedlichen Ländern gelebt hat, erzählt sie mir in einem Interview.

Kann Europa zu einer politischen Familie werden, frage ich sie. Wir können, wenn wir uns endlich darauf einlassen, wirklich von einander zu lernen, glaubt sie. Im folgenden Gespräch kommt vor allem die Tatsache zur Sprache, dass die positiven Effekte der EU wegrutschen, als vergäße man, was bereits erreicht wurde. Ohne den Pass vorzeigen zu müssen und von einem Land ins nächste fahren zu können, ist zur Gewohnheit geworden. Es gibt eine ganze Generation, die nie in Autoschlangen stehend den Start der Sommerferien zelebrierte. Keine Währung mehr tauschen zu müssen, ist längst akzeptiert, nachdem man lange über den Stolz der eigenen Währung debattiert hatte und es sich schlicht nicht vorstellen konnte, seine viel geliebte deutsche Mark für den Euro einzutauschen. Die wegfallenden Roaming-Gebühren für Handyverträge sind vielleicht noch frisch genug, um erinnert zu werden. 

Das Europa der Vielen

Ein Europa der Vielen ist genau deshalb interessant, weil es uns noch mehr Möglichkeiten gibt, voneinander zu lernen. So sehr wir uns in manchen Dingen unterscheiden mögen, so viele Ähnlichkeiten gibt es dennoch. Wir alle wollen das Beste für unsere Kinder, wollen Anerkennung bekommen und frei von Schmerz, einigermaßen sicher leben und lieben, wen und wo wir wollen. Warum also begegnen wir uns nicht mit mehr Respekt und bringen unsere Kenntnisse und Erfahrungen noch konsequenter und stärker zusammen, um Schulsysteme, Gesundheitsversorgung und Steuersysteme fairer und funktioneller zu gestalten? Und in dieser Konsequenz muss es auch möglich sein, Menschen, die vor dem Nichts fliehen, bei uns aufzunehmen und ihnen eine menschenwürdige Chance jenseits dunkler Untergrundschächte oder Bahnstationen zu geben. Das kann und muss sich die EU leisten, denn nur so hat sie eine echte Überlebenschance.

Unsere Rundreise führt uns auch an die französische Mittelmeerküste. Eine ebenso bezaubernd schöne, wie schwierige Küstenregion. Ein Teil von mir, will sich unbedacht auf das Surfbrett werfen und auf der Halbinsel Hyères dem Wind folgen. Aber das Wissen, dass das Mittelmeer nun einmal das größte Massengrab ist, bleibt. Wie unbedacht kann ich hier im Strand spazieren gehen und mein blasses Wintergesicht in die Sonne halten? Auf einem Campingplatz westlich von Marseille versuche ich mich in einem kurzen Gespräch mit einer Mitarbeiterin des Bistros. Sie spricht kein Englisch und mein Französisch ist nicht sehr umfänglich. Und dennoch gelingt die Kommunikation irgendwie, mit vielen Berührungen und Lächeln, Fingerzeigen und Nicken. Sie gelingt, weil beide Seiten sich bemühen, weil wir beide miteinander kommunizieren wollen. 

Wenn es für Carla nicht die eine europäische Kultur gibt, hat sie wohl recht. Es gibt sie vielleicht nicht, aber das ist schlicht ein Ausdruck von Vielfalt. Und das wunderbare an Identität ist, dass sie wächst und sich verändert, wenn wir neugierig bleiben und uns einlassen auf neues. Wir sind unterschiedlich und bunt zusammen gewürfelt und genau das macht uns als Europäer*innen aus, die wir immer auch Ossis und Deutsche, Bretonen und Franzosen, vielleicht sogar Spanier und Katalanen sind. Wir brauchen nicht zu wählen. Wir sind frei, so bunt und vielfältig zu sein, wie es die Europäische Union verspricht und wie sie allein funktionieren kann.

Politik am Küchentisch

Wie die Initiative „Pulse of Europe“ Demokratie mit gestalten will

Die noch junge pro-europäische Organisation Pulse of Europe (PoE) stellt sich eine alte Frage: Wie kann man als Bürger auf direkte Gesetzgebungsprozesse Einfluss nehmen? Wie kann man der Politikverdrossenheit entgegen wirken? Alle vier Jahre ein Kreuzchen machen, scheint nicht ausreichend. Also muss die Bürgerbeteiligung gestärkt werden und so wurden die “HausParlamente” entwickelt.

Wie funktioniert das Projekt?

Ich wollte es wissen und lud ein paar Freunde ein, nachdem ich mich auf der Website von PoE angemeldet hatte und auch mein Partner Austin Feuer und Flamme war. Auf keinen Fall durfte Austins alter Freund Reuben und seine Frau Imke fehlen, die beide politisch interessiert und links sind. Dazu kam die ehemalige Bundestagsmitarbeiterin Claudia, die einst für die CDU arbeitete, sowie Thorsten, der verzweifelte Idealist, der gern an das Gute im Menschen glauben will, aber ernüchtert auf politisches Treiben schaut. Wir stellten also eine einigermaßen bunte Mischung für die Diskussion.

Wie genau funktioniert dieses “HausParlament”? Ein*e Gastgeber*in lädt zwischen drei und sieben Personen ein. Gemeinsam diskutiert man über ein vorgegebenes Thema, dabei erhält jede*r einen Teilnehmerbogen. Ein*e Moderator*in und ein*e Protokollant*in sorgen für den reibungslosen Ablauf. Vier Unterfragen sollen in dieser ersten Runde der “HausParlamente” zu der übergeordneten Frage leiten: “Soll die EU ihre außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung aufgrund der ‘America First’-Politik der Trump-Administration grundlegend neu gestalten?”. Anschließend werden alle Ergebnisse in die Teilnehmerbögen auf einer Skala von 1 (auf gar keinen Fall) bis 10 (unbedingt) eingetragen und zurück an PoE geschickt. 

Direkte Demokratie bedeutet Arbeit

Soll es eine*n gemeinsamen europäischen Außenminister*in geben, wurde als erstes gefragt. Unbedingt! Wieso sollte man nicht mit einer Stimme gegen den Irrsinn der Trump-Administration angehen, war die direkte und spontane Antwort der Freunde Reuben und Austin. Aber wie könnte so eine gemeinsame Außenpolitik zustande kommen und auch umgesetzt werden?, überlegte Claudia. 

Wolle man handlungsfähig sein, brauche man einen mehrheitsfähigen Konsens und der müsse dann auch mithilfe eines*einer europäischen Außenministers*in nach außen hin vertreten werden, argumentierte Austin. Und wenn es einen Mehrheitsbeschluss unter den 27 Mitgliedsstaaten gäbe, sollten diese auch gemeinsam eine europäische Außenpolitik vertreten können, war Reuben überzeugt. Selbst wenn nicht alle Mitgliedstaaten geschlossen hinter dieser Ausrichtung stünden.

Abwägendes Nicken in der Runde. Wichtig sei, dass nur eine Mehrheit eine solche Außenpolitik gestalten könnte, wollte man festhalten. Deutlich wird das in der Fragestellung von PoE leider nicht. Und da liegt auch ein Kritikpunkt am HausParlament: Zwei der fünf Fragen sind zu unklar gestellt. Immerhin soll man am Ende mit zwar ausdifferenzierten aber geschlossenen Ja- und Nein-Optionen antworten.

Die Zeichen des aufsteigenden Faschismus erkennen

Es spiegelte die aktuelle Situation wider, dass gerade die deutschen Teilnehmer*innen ihre Antworten vorsichtiger abwogen. Die Trump-Regierung ist für sie ein entferntes Phänomen, dass in spätestens sechs Jahren überstanden ist. Eine größere Rolle in der Diskussion spielte für sie vielmehr die Frage, wie eine gemeinsame Europäsche Union generell heute aussehen sollte.

Die beiden US-Amerikaner wünschen sich hingegen eine klare und starke Positionierung gegenüber der Trump-Administration. Für sie geht es nicht mehr um das “ob” sondern vielmehr um das “wie”. Die klaren Zeichen des aufsteigenden Faschismus werden von vielen in ihrem Freundeskreis als Warnung verstanden, auf die jetzt reagiert werden muss. Und um diesem wiederkehrenden Phänomen Faschismus zu begegnen, ist eine stärkere Bürgerbeteiligung unerlässlich. Die “HausParlamente” können dazu auf jeden Fall einen Beitrag leisten.

Dieser Artikel ist ebenfalls erschienen auf ze.tt unter dem link https://ze.tt/politik-am-kuechentisch-wie-pulse-of-europe-uns-dazu-motivieren-will-die-demokratie-mitzugestalten

Im Spiegelkabinett – Rezension

Im Spiegelkabinett

Die 30jährige US-Amerikanerin Jia Tolentino schreibt einen klugen und unterhaltsamen Essayband aus Sicht einer #Millennial und trifft dabei mit großer Leichtigkeit Ton und Themen unserer Zeit. 

„Ecstasy verwandelt dich in die beste Version deiner selbst, ohne dass du dabei deinen psychologischen Rucksack mit dir herumschleppst,“ resümiert die Journalistin des New Yorker nach ungefähr der Hälfte ihres Essaybandes „Trick Mirror“. In dem Essay „Ecstasy“ verhandelt Tolentino die Gemeinsamkeiten der Droge MDMA und der Religion (als einen Weg zu transzendentaler Erfahrung) und wie alles in diesem Band fußt der Vergleich auf eigenen Erfahrungen. Dabei schont sich Tolentino zu keinem Zeitpunkt, verherrlicht nicht und legt präzise offen, was sie (und viele ihrer Generation) ausmacht. Mühelos zieht sie Parallelen zwischen dem Aufwachsen im digitalen Zeitalter “The I in the Internet” und dem Wertesystem der Millennials „The Story of a Generation in Seven Scams”.

Jia Tolentino wird 1988 in Toronto geboren. Ihre Eltern, die von den Philippinen stammen, ziehen mit ihrer Tochter vier Jahre später nach Houston in Texas, wo die begabte Jia in einer Megachurch aufwächst und bereits mit vier Jahren eingeschult wird. Mit 16 Jahren nimmt sie an einer Reality TV-Show auf Costa Rica teil und entscheidet sich danach aus finanziellen Gründen gegen ein Studium an der Elite-Universität Yale. Mit 20 schließt sie sich dem UN-Friedenskorps an und geht nach Kirgisistan, das sie ein Jahr später wieder verlässt. Schließlich zieht Tolentino 2014 nach New York, wo sie zuerst für das feministische Online-Magazin Jezebel und seit letztem Jahr für den New Yorker schreibt.

Und schreiben kann sie. Mit Esprit und Witz mischt die Autorin in das vom Internet gefärbte, manchmal schnoddrige Englisch kluge Ausführungen und hält sich dabei immer klar, auch wenn sie inhaltlich ausschweift. Da geht dem Essay über Ecstasy nicht ohne Ironie „Pure Heroine“ voraus, wo es mitnichten um Heroin sondern vielmehr um den Einfluss weiblicher Heldinnen in der Literatur geht. Tolentinos Herzensthema, der Feminismus, wird hier mit den literarischen Heldinnen eingeführt, die wir fast alle kennen –  von Anne auf Green Gables, über die Virgin Suicides bis hin zu Anna Karenina. Mithilfe theoretischer Unterstützung der Beauvoir zeigt die Autorin wie diese Figuren als Exempel stehen für weibliches Leben in unserer Gesellschaft. In diesen Leben sind die festen Parameter Sex, Familie und Häuslichkeit, bzw. die Abwesenheit dessen.

Allein fünf der neun Essays beleuchten feministische Themen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Durch die persönliche Ebene von der aus Tolentino mit ihren Überlegungen beginnt, zeigt sie sich teilweise verwundbar und hebt ihre eigenen Privilegien hervor. In “We Come from Old Virginia” geht sie auf die Vergewaltigungsvorwürfe an der Universität von Virginia ein, wo sie selbst studierte. Dabei muss sie sich die Frage stellen, wie lange sie nicht hinsehen, Sexismus als solchen nicht erkennen wollte und somit Teil des Problems war. So kommt Tolentino an den Dreh- und Angelpunkt ihres Schreibens: Sie versucht sich und unsere hypernervöse, konkurrierende, durch und durch monetisierte Welt besser zu verstehen und dem Sexismus und Rassismus einen Spiegel vorzuhalten. Und das führt manchmal dazu, geradewegs in das eigene Spiegelbild der Selbsttäuschung zu blicken.

Jia Tolentino „Trick Mirror“ bei 4th Estate für 13,- Euro, ca. 290 Seiten. Unter anderem erhältlich bei der besten Version eines Buchladens, in der es neben Büchern auch den besten Kaffee und leckere Bagels gibt: Shakespeare and Sons in Friedrichshain.