BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später nun richtet sich der Blick nach innen. Ein poetischer Versuch, der quer durch die Wüste führt.

II Im Auto

Collage „Schlafentzug“ April 2021

Israel, 2011.

Kalt war es und dunkel

als ich das erste Mal in eine Wüste fuhr

Es war Dezember und ich war allein

laut singend saß ich in einem gemieteten Auto

Auf keinen Fall solle ich nachts fahren

hatte sie mir eingebläut

zu gefährlich sei es für mich

und die Tiere da draußen

Zum Abendbrot wollte ich im Kibbuz sein

aber Tel Aviv war nicht Berlin

und auch sonst verfuhr ich mich mehr als einmal

ich war keine geübte Fahrerin und so wurde es dunkel

und still und ich begann zu fluchen, laut und panisch

Keine Straßenschilder mehr und auch keine Laternen

aber hier irgendwo musste doch endlich das Kibbuz

(es war vor dem bezahlbaren und mobilen Worldwideweb-Zugang)

An einer Tankstelle hielt ich und ließ den freundlichen Menschen an der Theke

die AB-Ansage übersetzen

ich hatte sie mit dem Handy angerufen

der Anrufbeantworter gehörte zum Kibbuz 

“Toda” und “Beseder” hatte ich gelernt, mehr Hebräisch war nicht

Jetzt also zurück und dann links und dann noch ein kleines bisschen weiter

Als ich im Kibbuz ankam, gab mir ein verschlafener Typ den Schlüssel

zu einem Zimmer wie in einer Jugendherberge 

oder einem Ferienlager aus DDR-Zeiten

Kurz vor Mitternacht war es und ich sterbensmüde

kalt war es auch im Doppelstockbett

und ich weinte mich in den Schlaf vor Erschöpfung und Selbstmitleid

mit der Frage ohne Antwort

Am nächsten Morgen wachte ich in das schönste Panorama hinein auf

sandsteinfarbige Hügelketten hinter Ben Gurions Grab

Ich setzte mich ganz still dahin und guckte lange Atemzüge in die Landschaft

beobachtete die jungen Soldaten auf ihrem Ausflug

und suchte irgendwann die Kantine für das Frühstück

Später in Mitzpe Ramon hatte die Aussicht

mir jedes Zeitgefühl geraubt

ein Canyon in den ich mit gelber Wetterjacke hinein lief

und wieder sehr viel Stille und noch mehr Panorma

und alle Farben in Ausgewaschen, von Rosa bis Eierschalenfarben

Eine Telefonzelle gab es da auch und ich hatte die Großeltern im Ohr

“Du klingst, als würdest du unten im Garten stehen”, jauchzte Oma

mit ihrer Stimme so nah stand ich wirklich ein bisschen im thüringischen Garten

und ich weinte wieder, jetzt vor Erleichterung

Nachts war es sehr kalt und ich schlief in einem Hangar auf einer Isomatte

eingewickelt in einen Schlafsack

auf der anderen Seite der Halle noch eine Reisende

uns war nicht zu helfen, so sprachen die Augen der Meisten Worte

Leise summte ein Heizlüfter und spuckte Wärme in die Gegend

die kurz vor meinem Rücken und dann verpuffte

wieder diese gewaltige Stille und die Frage

Sie fuhr mit mir bis Eilat

wo ich die Zehen ins rote Meer tauchte

und die Augen in den zu blauen Himmel schickte

Hier wieder konnte ich essen

den Magen hatte es mir zugeknotet, 

auf der Reise durch die Wüste in mir

Hier nun saßen ein paar von uns vor den Zimmertüren

eines billigen Motels mit gefaktem Charme

die Gesichter sonnenverbrannt und die Sandwiches ausgepackt

Nachts schlief ich ein zum Surren der Klimaanlage

und dem Flattern eine Plastiktüte

draußen vor der Tür

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später richtet sich der Blick nach innen. Wisst ihr noch damals, als man mit dem Rucksack durch Europa gondeln konnte? Eine poetischer Versuch.

I. Mit dem Zug

Collage „Am Zug“ März 2021

Präzisionsarbeit in der Hautflügler – Kolonie

Zum vierten Mal stellte absolut.zine ein Thema und das Künstlerkollektiv lieferte. Und dieses Mal ging es uns ans Leder. Bunt und kreativ und hautnah wurde es wie immer. Dazu gibt es ein eigenartiges Shortstory/Poem von mir und anschließend einen Austausch zwischen Ekaterina Rusakova, Angelina Roth und meiner Wenigkeit. Denn wir waren uns alle einig „Künstlerfamilien sind komisch“.

Geradlinig gehen sie ihrer Wege

über Gebirgsketten von Polyester, Baumwolle 

und manchmal Seide

auch über nackte Haut

Dort auf der Hornschicht läuft es sich zwar gut,

aber gefährlich ist es für jede einzelne Arbeiterin allemal

und immer sind es höchst unterschiedliche Ebenen

manchmal samtig und glatt

manchmal  rau und schlaff

häufig ist es feucht dort oben dieser Tage

und sprinten müssen sie, die Zartesten ihrer Art, leichtfüßig darüber

no matter what

Mehlmassiges auf ihren Körpern balancierend

Besser schnell hinab in die Wälder aus Gras

die buckligen Beetebenen

oder hinaus auf riesig heiße Pflastersteinlandschaften

alles kein Problem

meistens zumindest

wenn nichts Größeres über sie herein bricht oder stapft oder rollt oder fällt

Auf den Leinentüchern mit Kaffeegeschirr ist Präzisionsarbeit gefragt

koordiniert und schnell müssen sie vorgehen

zielgenau und ungesehen

denn nichts ekelt die Anderen so sehr

wie ein Haufen hart arbeitenden dunklen Gewimmels

auf ihrem weiß glänzenden Porzellan aus Meißen

 (das liegt in Sachsen, weiß die Kolonie aber nicht)

Das Kaffeegeschirr ist sich selbst überlassen

Kuchenkrümel eingerahmt von Kaffeerändern

selbst Zuckerkrumen gibt es, karamellisiert manchmal

 Marzipanreste an Tante Käthes Kuchengabel

Sie klettern über feines Leinen

tragen schwer an Masse und Verantwortung

vorsichtig über die Porzellanrampe hin zum Tischtuchende

Zwischen Tischkante und Kiefernstamm

(dort hinten war die Kolonie in Sicherheit)

lagen endlose Weiten

und Tante Käthe in dünnem Baumwollkleid

Jetzt also Klimmzüge am Gummiband

hinauf und nicht zurück schauen

immer vorwärts an der Naht entlang gehangelt

dann Haut

weich und porig und fast ohne Haar, glänzende Weite – ein Albtraum

die Kleinsten zuerst, sie trippeln nervös

Dann los:



„Künstlerfamilien sind komisch“ – ein Slide von Ekaterina Rusakova

„Familienhäute“ – ein Dialog von Angelina Roth

Familienhäute - extended

Tante: Bitte was will er studieren?
Die vollgestopfte Tote Bag über die Schulter geworfen, steht sie im Flur. Ihr frisch gestochenes Tattoo am Armgelenk ist noch in Folie eingepackt, wo es schwitzt und Farbe blutet.

Mama: Sag du.
Papa (leise): Verwaltungswissenschaften
Tante: Das ist nicht euer ernst!
Mama: Unserer sicher nicht. Aber Ernsts schon.
Tante: Ich habe es euch damals gesagt und sage es wieder. Nomen est Omen. Aber ihr musstet ihn unbedingt nach Opa nennen.
Papa: Wie hätte ich denn sonst die Schauspielschule zahlen sollen?
Mama: Wir haben wirklich alles versucht. Wir haben vernünftig mit ihm geredet. Er will nicht.
Tante: Ich werde mir den Jungen mal zur Brust nehmen. Wo ist er?
Papa: Im Wohnzimmer. Er ordnet das Bücherregal - thematisch.
Mama zu Papa: Weißt du eigentlich, wie lange es dauert, die Bücher wieder nach Goethes Farbenlehre umzustellen?

Tante (schnaubt im Weggehen): Johann ist auch nicht viel besser.

KurzgeschichtenGedicht/ Short StoryPoem

Mit den Rauhnächten ab dem 20./21. Dezember, die für mich mit der längsten Nacht des Jahres beginnen, kam dieses eigenwillige Gedicht, das seinen Ausgang im ersten Satz findet. Diesen hatte ich Wochen zuvor auf Instagram in eine Verlosung geschickt und konnte ihn nicht vergessen. Eingewoben habe ich außerdem alte Mythen zu den Rauhnächten.

Lebkuchensirup tropfte auf den Perserteppich,

der

seit Jahren schon vergessen

im Hausflur gleich neben dem großen Wandspiegel

dort,

wo

sie

sich jetzt sah

und auch wieder nicht…

Margaruites blanke Füße neben dem Sirupklecks.

Die kleine Flasche war kaputt gegangen

und die dickflüssige Süße

durch die Tasche ins Außen gedrungen,

bildete sie nun

eine runde Sache, glänzend und massig.

Margaruite konnte nicht hinsehen;

schnell nun in die Schuhe, Mantel und Mütze

und los!

Die Füße liefen über das Pflaster

geradewegs durch die verwinkelten Gassen

zur Kreuzung und dort –

Stehen musste sie und warten

und das Atmen nicht vergessen

atmen.

atmen.

atmen.

Sie sagten, er würde kommen,

aber sprechen dürften sie nicht

Bräutigam und Braut, eine

wollte sie sein

„nicht wahr, mein Mädchen?“

Margaruite schielte zur Turmuhr

die Mitte der Nacht erreicht

und er?

Leises Atmen in der rauen Nacht

Sie schloss die Augen spürte

die Nähe des anderen Körpers

1 seelenverwandter Mensch

sollte es sein,

hoffte Margaruite.

Kurzgeschichten / Short Stories I

Das Künstler*innenkollektiv und Literaturmagazin absolutzine hat uns herausgefordert, wollte dass „wir lügen“ und wir haben die Herausforderung angenommen. Wir haben gelogen, dass sich Tischbein und Kuli bogen. Am 1. Dezember gingen 65 Texte online und es ist eine Freude, sich mit ihnen durch den grauen Dezember zu lesen. Ich durfte mit einer Kurzgeschichte dabei sein und habe frei assoziiert. Geholfen haben eine italienische Holzpuppe und ein kluges Kind. / After receiving a call from the artits collective and literature magazine absolutzine, we delivered. On December first, 65 pieces went online and I am very happy to be part of it. My inspiration was an Italian doll, and a smart child. See the English version of the short story below.

Zeichensprache gilt nicht

oder was Erwachsene nicht sagen

Fuchs und Kater/ auf einem Feld/ Falsches Lächeln/ Lachen Katzen? 

Papas Rücken/ in der Dunkelheit/ Er lacht nicht/ Er verschwindet

Ich wache auf, als Mama ins Zimmer kommt und die Vorhänge zur Seite zieht. 

“Kommt Papa heute?”, frage ich.

“Bestimmt”, sagt sie.

Das heißt auf Erwachsen, dass er nicht kommt. Habe das schon hundert Mal erlebt. Ich gebe aber nicht auf und hake nach: “Und was, wenn er nicht kommt?” 

“Er wird kommen!” Ihre Stimme wird leicht ungeduldig und sie schielt zu mir rüber, um mich davon abzuhalten, weitere Fragen zu stellen. Sie hat keine Ahnung, wo er ist und wann er von dort wieder auftaucht. Also stehe ich auf, tausche Schlafanzug gegen Hose und Pulli und verkrieche mich in der Burg. Die gehört eigentlich meinem kleinen Bruder aber letztens habe ich sie besetzt, denn hier lässt es sich klasse lesen. Ich mag Pinocchio. Eine lange Nase bekommt er nur bei den Erwachsenen. Ich glaube, die wissen es halt nicht besser. Ich blättere mich auf die Insel. Da war ich schon oft mit Pinocchio und dort will ich ihn wieder treffen.

“Er war jetzt schon ganz schön lange nicht mehr da.” Ich gucke vorsichtig zu Mama hoch. Es sind mindestens fünf Wochen vergangen, glaube ich. Eigentlich soll ich nicht fragen, das weiß ich. Aber ich kann nicht ewig warten und irgendwann muss Papa schließlich mal wieder kommen. Jetzt schluckt Mama und räumt unsere Teller zusammen. Sie guckt mich nicht an und schnieft kurz. Lass sie jetzt bloß nicht weinen. Ich kann das nicht sehen und noch weniger hören. Dann weiß ich nicht, was ich machen soll und fühle mich, als hätte mich jemand ins Klo gekippt. Sie weint nicht. Zum Glück.

“Er muss grad viel arbeiten. Ich weiß, dass es nicht so toll ist und ihr ihn vermisst. Aber er grüßt euch.” Ihr Rücken hat zu mir gesprochen. Er grüßt uns! 

“Das heißt, er hat angerufen?” Ich habe meine Zweifel, aber vielleicht ja doch. So lange war er noch nie weg und warum hätte er nicht anrufen sollen? 

“Ja, letztens spät abends.” 

Ich will ihr glauben und denke an Pinocchio. Pinocchio wollte auch immer zu seinem Vater und irgendwie kam ständig was dazwischen. Ist halt manchmal so. Ich stehe vom Tisch auf und lasse Mamas Rücken alleine. Sie ruft mich nicht zurück, um beim Abräumen zu helfen. Kein gutes Zeichen.

__

“Fühlst du dich nicht gut?” Mamas Hand liegt auf meiner Stirn und sie schaut besorgt auf mich runter. Ich nicke. Ich fühle mich schrecklich. Und ich werde nicht wieder aufstehen. Nie wieder. Ich habe einen Pakt geschlossen. Ich verlasse das Bett erst, wenn Papa vorbei kommt. Sie können machen, was sie wollen. Ich mache auch, was ich will. 

“Deine Stirn ist nicht heiß. Tut dir was weh?” 

Ich nicke, das ist schließlich wahr. Aber vor der nächsten Frage habe ich Angst und ich weiß dass sie kommen wird. Mama streicht mir über den Kopf. “Was tut dir denn weh?” 

Ich halte mir den Bauch und kneife die Augen zusammen. Wenn ich ganz fest darüber nachdenke, tut der Bauch wirklich weh. Da ist so ein komisches Gefühl und auch in der Brust. Mamas Augen zeigen diese Mischung aus Ratlosigkeit und Sorge. Sie seufzt. “Ich mache dir einen Tee und dann sage ich Monika Bescheid. Sie soll zwischendurch mal nach dir schauen. Du musst mir versprechen, dass du in die Schule gehst, wenn du dich besser fühlst, ok? Vielleicht klappt es ja zur 3. Stunde, wenn ihr Mathe habt. Versprochen?” 

Ich wackle mit dem Kopf. Mist. Habe ich das jetzt wirklich versprochen? Zählt Zeichensprache? Ich tauche ab unter die Bettdecke und suche dort mit Pinocchio im Meer nach seinem Vater. Wir finden ihn nicht.

Habe entschieden, es anders anzugehen. Wenn sie mir nicht sagt, wo Papa ist und wann er wieder kommt, rede ich nicht mehr mit ihr. Dann muss ich mir auch nichts ausdenken. Ich glaube, das ist sauberer. Aber es fühlt sich nicht besser an. Zuerst dachte Mama, es sei ein Scherz. Das konnte ich an ihrem Gesichtsausdruck sehen. Sie hatte so ein schiefes, ungläubiges Lächeln. Dachte wahrscheinlich, dass ich nicht lange durchhalte. Nach ein paar Tagen wurde sie wütend. Ihre Lippen wurden ganz schmal und ihre Augen auch. Sogar mein kleiner Bruder hat Angst bekommen und wollte, dass ich was zu ihr sage. Mit ihm rede ich. Er kann ja nichts dafür (und gar nicht mehr sprechen ist irgendwie unpraktisch). Jetzt sieht Mama oft traurig aus und sie schaut aus dem Fenster und seufzt dabei. Sie tut mir leid.

__ 

“Euer Vater ist bei Freunden.” 

Dieser Satz kommt überraschend. Mein kleiner Bruder und ich sitzen auf dem Sofa und gucken Cartoons. Aber jetzt starren wir sie an. 

“Er hatte Schwierigkeiten mit der Arbeit und jetzt ist er erst einmal bei Freunden, die ihm helfen. Deshalb kann er grad nicht kommen.” 

“Hat er wieder angerufen? Wann hat er angerufen? Ich will mit ihm reden.” Das alles sprudelt aus mir heraus, als ob plötzlich jemand einen Wasserhahn aufgedreht hätte. Ich kann den Hahn nicht zudrehen.

“Er hat spät angerufen.” Sie schaut an die Zimmerdecke, dort wo der kleine Riss ist und sie hat die Arme vor dem Bauch verschränkt, also ob sie auch diese komischen Bauchschmerzen hätte.  “Er kann jetzt erst einmal eine Weile nicht kommen.” Sie setzt sie sich zu uns aufs Sofa und will meine Hand nehmen. Ich ziehe sie weg. Ich will Antworten. 

“Aber wie lange ist noch ‘eine Weile’? Er ist schon Ewigkeiten nicht mehr da gewesen. Dauert es noch mal genau so lange?” 

“Ich weiß es nicht.” 

Was soll ich denn darauf sagen? Worüber reden die beiden am Telefon? Und warum ruft Papa immer nur abends an? Will er gar nicht mit uns sprechen? Da piepst mein kleiner Bruder: “Das ist doof. Papa soll hierher kommen.” Dabei hält er seinen Plüschpinguin im Arm und guckt wütend. Mehr habe ich nicht hinzuzufügen. Mama nickt und schiebt ihre Unterlippe vor. “Ich weiß. Es ist wirklich doof. Und es tut mir leid.” 

Am selben Abend frage ich Mama eine wichtige Frage, die schon lange in meinem Kopf hin und her springt. “Hast du Papa noch lieb?” 

Sie schüttelt schnell den Kopf. Das glaube ich ihr nicht, weil ihre Augen ganz groß dabei werden. Aber vielleicht gilt ja Zeichensprache wirklich nicht. Ich gehe schlafen.

Tief in der See/ Bezahnte Dunkelheit/ ein Lügenmaul/ verschlingt mich 

Mittendrin/ Papas Jacke/ und sein Schuh 

Kommst du zurück?/ Frage ich/ Verschränkte Arme/ ein wackelnder Zeh

Sehr bald!/ Sagt er/ Und wir schwimmen kleine Runden/ im Haifischbauch


English Version

Sign language doesn’t count! –

or what adults don’t say

Fox and tomcat/ on a field/ Fake smile/ Do cats laugh?

Dad’s back/ in the dark/ He doesn’t laugh/ He disappears

I wake up, when Mom comes into the room and pulls the curtains aside.

“Is Dad coming today?” I ask.

“Definitely,” she says.

In adult terms, that means he won’t come. Have seen this a hundred times. But I don’t give up and ask: “What if he doesn’t come?”

„He will come!“ Her voice gets a little impatient and she glances over at me to stop me from asking any further questions. She has no idea where he is, or when he will reappear from there. So I get up, swap pajamas for pants and a sweater, and hide in the castle. The castle actually belongs to my little brother, but I recently occupied it because it is great to read here. I like Pinocchio. He only gets a long nose around adults. I don’t think they know any better. I turn the pages, approaching the island. I’ve been there with Pinocchio many times and I want to meet him there again.

„He hasn’t been visiting for a long time.“ I look carefully up at Mom. It’s been at least five weeks, I think. I’m not supposed to ask, I know that. But I can’t wait forever and at some point Dad has to come back. Now Mom swallows and cleans up our plates. She doesn’t look at me and sniffs briefly. Please don’t cry. I can’t see that and even less hear it. Then I don’t know what to do and I feel like someone dumped me in the toilet. She doesn’t cry. Luckily.

“He has to work a lot right now. I know it’s not that great and you miss him. But he says hello.“ Her back spoke to me, but he says hello!

„That means he called!“ I have my doubts, but maybe he did. He’s never been gone for so long and why shouldn’t he have called?

„Yes, recently late at night.“

I want to believe her and I think of Pinocchio. Pinocchio always wanted to see his father and somehow something kept coming up. It’s just like that sometimes. I get up from the table and leave Mom’s back alone. She doesn’t call me back to help clean up. Not a good sign.

__

„Are you not feeling well?“ Mom’s hand is on my forehead and she looks down at me in concern. I nod. I feel terrible. And I won’t get up again. Never again. I made a pact. I won’t get out of bed until Dad comes by. They can do what they want. I do what I want, too.

“Your forehead is not hot. Does something hurt?“

I nod, that’s true after all. But I’m scared of the next question and I know it will come. Mom strokes my head. „What is wrong?“

I hold my stomach and screw up my eyes. When I think about it very hard, my stomach does hurt. There is a strange feeling and also in the chest. Mom’s eyes show this mixture of perplexity and worry. She sighs. “I’ll make you some tea and then I’ll let Monika know. She should check on you every now and then. You have to promise, that you will go to school when you feel better, ok? Maybe you feel okay by the time you would have your 3rd class. Try at least. Promise?“

I wiggle my head. Damn. Have I really promised that now? Does sign language count? I dive under the covers and look in the sea with Pinocchio for his father. We don’t find him.

I decided to change plans. If she doesn’t tell me where Dad is and when he will be back, I won’t talk to her anymore. Then I don’t have to make anything up either. But it doesn’t feel any better. At first Mom thought it was a joke. I could see that in the look on her face. She had such a crooked, incredulous smile. Probably thought I wouldn’t last long. After a few days, she got angry. Her lips narrowed and so did her eyes. Even my little brother got scared and wanted me to say something to her. I’m talking to him. It is not his fault (and not speaking at all is somehow impractical). Now Mom often looks sad and she looks out the window and sighs. I’m sorry for her.

__

„Your father is with friends.“

This sentence comes as a surprise. My little brother and I sit on the sofa and watch cartoons, but now we’re staring at her.

“He had trouble with work and now he’s with friends who help him. That’s why he can’t come right now. „

“Did he call again? When did he call? I want to talk to him.“ It all gushes out of me, as if someone suddenly turned on a tap. I can’t turn it off.

„He called late.“ She looks at the ceiling, where the small crack is and she has crossed her arms in front of her stomach as if she also had this strange stomach ache. „He can’t come for a while now.“ She sits down with us on the sofa and wants to take my hands. I am pulling them away. I want answers.

„But how long is ‘a while’? He hasn’t been here in ages. Will it take that long again? „

„I don’t know.“

What am I supposed to say to that? What are the two talking about on the phone? And why does Dad only call in the evening? Doesn’t he even want to talk to us? My little brother chirps: “That’s stupid. Papa should come here.“ He holds his plush penguin in his arms and looks angry. I have nothing more to add. Mom nods and pokes out her lower lip. „I know. It’s really stupid and I’m sorry.“

That same evening, I ask Mom an important question that has been jumping back and forth in my head for a long time. „Do you still love Dad?“

She quickly shakes her head. I don’t believe her because her eyes get really big. Maybe sign language though doesn’t really count. I’m going to sleep.

Deep in the sea/ Notched darkness/ a lying mouth/devours me

In the middle/ Dad’s jacket/ and his shoe

Will you come back?/ I ask him/ Crossed arms/ a wobbling toe

Very soon!/ He says/ And we swim little laps/ in the shark belly

Nachbar*innen/#Portrait

Jeden Tag begegnen wir denselben Menschen in unserem Kiez. Sie gehen mit uns einkaufen, überqueren neben uns die Straße, sitzen auf der Bank im Park. Ich lebe in einem Viertel, in dem es mehr Mercedes und BMWs gibt als Kindersitze auf Fahrrädern. Ein wohl genährter, gesättigter und oftmals selbstzufriedener Blick dominiert hier das Straßenbild. Aber einige meiner Nachbar*innen schlafen unter der Brücke, verdienen sich mit Gitarrenspiel ein bisschen Geld oder helfen im Gemeinschaftsgarten aus. Andere leben seit Jahrzehnten ein bescheidenes Dasein, sind zum Original im Kiez geworden und treffen auf flüchtige Bekanntschaften ohne Namen.

Hier nun ist der Versuch, einige von ihnen in einem kurzen Porträt unvollständig und aus meiner Perspektive vorzustellen. Erschienen sind diese Nachbar*innen/#Portraits zuerst auf Instagram vom 28. August 202 bis zum 20. Januar 2021. Für den Blog wurden sie editiert und chronologisch geordnet.

#1/ Lila sammelt schwarz-weiß Fotografien. Die ihr wichtigsten hat sie an die Wand hinter sich geklebt. Fein säuberlich hängen sie dort. Manchmal hilft ihr Freund beim Anbringen der Fotos. Heute sitzt Lila sehr aufrecht, die dunklen Haare zusammen gebunden, die Brille nach oben ins Haar geschoben. Sie schaut mit aufmerksamen Augen hinter unsere Gesichtsfassaden. Neben ihr, auf Schulterhöhe sitzt ein Kunstadler. Er sitzt auf dem Einkaufswagen, in dem sich Lilas hab und Gut befindet. Gemeinsam leben die drei seit einigen Jahren auf der Straße. „Aber frei, unter dem Himmelsdach und den Sternen,“ sagt Lila. (28. August)

#2/ Lorenzo spielt Gitarre. Es ist früh am morgen. Er hält das Instrument an sich gedrückt, schließt die Augen und seine Finger gehen so ihren Weg. Den schon lang bekannten und immer gleichen Weg. Lorenzo spielt keine Songs. Er stülpt das Morgengefühl, die Müdigkeit und Trauer nach außen, tätschelt es sanft, bis es sich beruhigt und man lächelnd aus dem Fenster der S-Bahn schaut. (7. September)

#3/ Die Freundin von Gregorius wurde ohne Frage viel gesehen. Hat die Blicke der anderen auf sich gespürt. Sie trägt Jogginghose und T-Shirt, dazu eine Kapuzenjacke. Hinter sich zieht sie eine Leiter, als wir uns das erste Mal begegnen. Sie spricht mit dem Hund. Fürstlich zurückhaltend ist das alternde Tier nicht mit ihr. Er und sie kommunizieren und ich sehe ihnen dabei zu. „Dort gibt es einen Hinterhof. Ich musste da was erledigen und dabei habe ich meinen Freund getroffen. Willst du ihn sehen?“ fragt sie mich und die Sommersprossen springen wie Pingpong auf ihrem Gesicht hin und her. Ich nicke zögerlich. Dann sehe ich Gregorius auf dem Handybildschirm. Aufgeweckt ist er und selbstbewusst. Er klettert ihre nackten Sommerbeine hoch und schnappt sich eine Erdnuss. Sie haben sich vor ein paar Monaten kennen gelernt. Dann stockt das Video und Gregorius‘ dunkle Pfoten halten die Nuss reglos in die Kamera. „Das ist ein guter Ort, der Hinterhof.“ Das Hundetier und ich glauben ihr. (13. September)

#4/ Verstanden hat Clémence es bis heute nicht. „Dass sie auch noch ihn umgebracht haben!“ Sie schüttelt ihre grauen Locken, die sich wie Trauben an ihren Kopf schmiegen. Die Augen blassgrau wie der Horizont über dem Herbstmeer. „Nein, das konnte ich schon vor 52 Jahren nicht begreifen. Ich war dort gewesen. Hatte grad Amerika besucht. Als junges Mädchen kam ich aus Paris. Und dann ihn. Ausgerechnet ihn!“ Der Schreck sitzt seit fünf Jahrzehnten auf ihren Schultern und wird wohl nicht mehr weichen. Gebeugt geht sie in die Nachbarstraße. „Wir haben über Dr. King gesprochen,“ murmelt mein Mann mir zu. „Und ich glaube, über alle anderen auch.“ (2. Oktober)

#5/ Majid ruft meinen Namen. Er ist zurück. Hier auf der Straße, vor meinem Haus. Wir umarmen uns. Versuchen uns in Small-Talk. Was sagen, wenn eine ganze Welt zwischen uns liegt? „Wie schön, dass du wieder zurück bist!“ -„Noch für fünf Tage.“ „Wirst du wieder kommen?“ -„Das ist der Plan, im nächsten Jahr.“ Uns bleibt nur eine weitere Umarmung. Und dann läuft er die Straße runter. In Syrien lebt die Familie. „Aber ich komme zurück. Hier fühle ich mich zuhause!“, versicherte er. (10. Oktober)

#6/ John sitzt an der Ecke. Nichts hat er auf der hohen Kante. Er gießt die Blumen der Nachbarin. Hört den Jungs auf der Straße zu. Er brummt und manchmal lächelt er. Vor Jahren hatte er Episoden. Heute nicht mehr. Stille im Herzen. Wenn die zu laut wird, hilft der Alkohol. „Manchmal ist das wie Watte im Kopf“, erzählt er. Früher war John Grafikdesigner, bis er still gelegt wurde. Er steht langsam auf und läuft nach Hause. Um die Ecke. (26. Oktober)

#7/ Laut singt er. Und ein bisschen falsch. Den Besen fegt er über den Gehweg. Ein verlängerter Arm, der im Rhythmus zuckt. Mit dem Refrain schwingt er sich hinauf in Höhen, in die er besser nicht kletterte. Er dreht sich zu mir um. Ich lache ihn an. So viel Enthusiasmus am frühen Morgen gehört belohnt. Er trippelt tänzelnd um mich herum, das Orange der BSR schimmert im grauen Morgen auf seiner dunklen Haut. (17. November)

#8/ Katja steht an der Straßenkreuzung. Der Tag ist trist, die Autos laut. Sie lächelt. Die Füße stecken in alten Winterstiefeln, die Beine in einer Jogginghose. In den Armen hält sie ihre kleine Katze. Katja hört nichts, sieht nur das Katzengesicht, streichelt es, liebkost das zerzauste Fell. Vom vielen Berühren ist der Stoff abgegriffen. Katja stört es nicht. (23. November)

#9/ Samstagnacht fährt Stephan Fahrrad. Er dreht seine Runden auf dem Ku’damm, am äußersten Ende. Dort, wo Gucci und Versace bereits von der Stange gerutscht sind. Stephan vermisst die Oper. Also singt er aus vollem Halse und der Tiefe seines Bauches nicht nur die Tonleiter rauf und runter. Er singt sich und uns zurück in der Erinnerung. (30. November)

#10/ Frau Lange ist kurzsichtig. Weit ist der Sensemann nicht mehr. Mit einem Gesicht so gelebt, wie es nur acht Jahrzehnte modulieren können, aber ist sie gewappnet. Sitzt und wartet und knurrt manchmal die Spaziergänger an. Gibt man aber dem vom Schlag angefallenen Gehirn Zeit, antwortet sie immer schief lächelnd auf jeden Gruß. Schließlich könnte es der letzte sein. (17. Dezember)

#11/ Blassrosa ist die Strickmütze, darunter ihr feines Gesicht in Pergamenthaut. Margit trägt einen Mantel, der schon immer vier Nummern zu groß war. Sie trägt ihn mit Anmut und einem großen Gürtel um die Taille. Vorsichtig beugt sie sich zum Hundetier. Sie suchten immer ihresgleichen, meint sie lächelnd und berührt sanft den schmalen Whippetkopf, der hervor schaut aus seinem ebenfalls zu großen Mantel. Beide teilen nicht nur die Arthritis und die Sehnsucht nach wärmeren Tagen. (9. Januar)

#12/ Frau Maschke trägt die Dauerwelle blondiert. Darunter graut es längst. Pudeldame Elfie weiß Bescheid. Ihr geht es ähnlich. Tag für Tag öffnen sie den Fußpflegesalon an der Ecke – ein Relikt aus den 70ern. Das reinste Original, sagen die Einen. Vintage, denken die Anderen. Nicht so Frau Krause. Die bekommt die Zehennägel noch immer fuchsrot lackiert. Dazu hält sie die Kippe rechts in der Hand und das Glas pappsüßen Sekt links. Wie in den 70ern. (20. Januar)