Kurzgeschichten

Mit dem August kamen nicht nur der Regen und die ersten Spätsommeranzeichen, sondern es wurden auch zwei Kurzgeschichten veröffentlicht, die mir sehr am Herzen liegen.

Im Frühling bat das Künstler:innenkollektiv absolut.zine um unsere Zukunftsvisionen und wir haben geliefert. Zu lesen gibt es diese online und eine kleine Auswahl auch in gedruckter Form. „In naher Zukunft, sehr fern“ ist mein Beitrag und spielt mit einem Sci Fi-Zukunftskonzept. Schauen wir in die Zukunft oder treffen doch Parallelwelten aufeinander? Und was hat Hermann mit einem verschwundenen Onkel zu tun? Findet es heraus, wenn ihr mögt; den kompletten Text findet ihr unten.

Fast zur gleichen Zeit riefen die zwei Ladies von dem neu gegründeten Literaturmagazin Prosa:ist:innen dazu auf, alles auf Anfang zu stellen und dazu zu schreiben. Erschienen ist das erste Magazin am 31. Juli und kann hier erworben werden. Ich darf mit einer kurzen Geschichte über Jesus dabei sein und erörtere, warum er in meine Küche ascht. Wir freuen uns, wenn ihr Lust auf die gut 100 Seiten Anfänge habt. Viel Spaß damit!


In naher Zukunft, sehr fern

I.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Hermann hingegen zeigte sich relativ unbeeindruckt. Die letzten Tage waren nicht normal gewesen. Aber was heißt das schon? Das Wort “normal” allein sieht langweilig bodenständig aus. Die Buchstaben ohne Öffnung nach oben, alles ist abgerundet, ohne Tiefgang. Wer will das schon?

Wir waren zehn Tage lang in die Marienstraße gegangen. Immer dann, wenn es dämmerte und die Fledermäuse bereits unterwegs waren. Nicht dass wir Fledermäuse gesehen hätten. Wir spürten sie. Sie waren auf der Suche nach Nahrung und zogen ihre Bahnen über uns. Mich zog es zu dem Ladengeschäft mit dem großen Schaufenster. Dahinter lag eine sorgfältig arrangierte Art Decó-Welt voller Vintage-Möbel. Es gab einen Frisiertisch inklusive überdimensionalem Spiegel, bei dem man an einen alten Hollywood-Schinken mit Greta Garbo denkt. Der Frisiertisch hatte es mir angetan und Hermann dachte ganz sicher, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun hatte. Davon bin ich überzeugt. Er kommentierte diesen Umstand aber nicht weiter,  was ich ihm hoch anrechnete. Der Frisiertisch bestand aus schwerem, glänzendem Holz mit einer tiefen Einlassung in der Mitte. Darüber ein Spiegel wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, denn er hatte einen Mittelteil und zwei Flügeln rechts und links. Der Spiegel war alt und auf der Oberfläche zeigten sich kleine, dunkle Flecken. Der linke Flügel war übersät davon – ein Sternenbild aus Oxidationspunkten. Sogar eine Milchstraße gab es, die sich wie ein dunkler Schweif von links nach rechts zog.

Als ich an einem Freitagabend das erste Mal vor dem Schaufenster stehen geblieben war, hatte ich gerade einen sehr langen Spaziergang hinter mir. Ich war von einem Ende der Stadt zum anderen gelaufen, weil ich meine eigenen vier Wände nicht mehr ertragen konnte. Seit Monaten saß die halbe Menschheit, zumindest die, die es sich leisten konnte, zuhause vor dem Computerbildschirm und arbeitete im Home Office. Ich gehörte dazu und war gerade dabei, meinen Verstand zu verlieren. Also musste ich mindestens einmal am Tag möglichst weit laufen, mit meinem Kopf um die Wette rennen.

An jenem ersten Abend war Hermann nicht dabei gewesen. Er hatte mich nur müde vom Sofa aus angeschaut und so war ich alleine los gegangen, ohne zu wissen wohin. Schließlich war ich in einem sonst eher belebten Viertel der Stadt gelandet, das jetzt aber wie ein vergessenes Dornröschen in tiefem Schlaf lag. Es war unheimlich. Ich mochte Touristen nicht, aber jetzt vermisste ich sie. Warum ich genau vor diesem Schaufenster stehen geblieben war, weiß ich nicht mehr. Ich guckte vor mich hin, ohne zu sehen, bis mein Blick an dem Frisiertisch mit Spiegel hängen blieb. Was für ein Monster, dachte ich und malte mir die Greta Garbos davor aus, als ich es plötzlich sah. 

Ein Schatten zog sich über den Spiegel, von der Milchstraße aus über den Mittelteil bis hin zum rechten Flügel. Ich drehte mich um und schaute hinter mich. Der Himmel und die Straße waren inzwischen dunkel und sehr still. Keine Fledermaus am Himmel, keine Straßenbeleuchtung mehr an. Als ich wieder durch das schwach beleuchtete Schaufenster in den Spiegel blickte, erkannte ich mich. Dort stand ich. Nicht wie ich war, sondern wie ein anderes, etwas älteres Ich, leicht im Profil zu sehen. Ich hatte Krähenfüße um die Augen und wirkte müde. Vorsichtig berührte ich die Schaufensterscheibe, doch die Andere rührte sich nicht. Sie kniff nur die Augen ein wenig zusammen. Mein Atem wurde flach. Aus meinen Eingeweiden schwappte Angstbrei nach oben. Ich wollte losbrüllen, die Angstwelle irgendwie raus schreien, loswerden. Der Schrei aber saß quer, versteckte sich irgendwo zwischen den Mandeln. Kein Laut kam aus mir heraus. Unbeweglich stand ich da, die Füße in den Asphalt geschmolzen, die Augen auf den Spiegel gerichtet. Die Andere schien etwas zu suchen. Etwas, das ich nicht sehen konnte. Dann tat sie, was auch ich häufig mache: 

Ich kaue auf meiner Unterlippe herum. Das soll ich nicht machen. Manchmal beiße ich mir dabei die Lippen blutig. Von hier aus kann man wirklich nicht gut die Flughafenhalle überblicken. Ich sehe nichts. Wollte er mich nicht abholen? Ist er das da? Da? Ja! Das ist er. Ich glaube, er hat mich gesehen.

“Johann”, murmelte ich leise, als ein Mann vor meinem anderen Ich auftauchte. Ich hatte Johann nie gesehen, kannte ihn aber aus Erzählungen und von vielen, zu vielen Fotos. Ich wusste, dass diese große Gestalt mit den kurzen, wild abstehenden Haaren und dem weichen Gesicht dort im Spiegel Johann war. Er lächelte, streckte seine Hand aus und nahm die Tasche. Die beiden wechselten ein paar Worte und drehten mir den Rücken zu, liefen aus diesem seltsamen Stummfilm links oben am Spiegel, dort wo die Milchstraße war, hinaus.

Dann spürte ich wieder die Fledermäuse, wie sie über mir herum flogen und nach Insekten suchten. Ich musste unbedingt nach Hause und mich mit Hermann besprechen.

II.

Von da an waren Hermann und ich jeden Abend in der Dämmerung zurück gekommen. Eine Thermoskanne für mich und eine Kuscheldecke für ihn dabei. Der struppige Terrier-Mix schien nicht halb so irritiert von den Vorkommnissen wie ich. Er setzte sich auf seine Decke, legte den Kopf schief und schaute mit mir aufmerksam durch das Schaufenster, in den Spiegel. Er akzeptierte, was er sah. Mich dagegen verwandelte das Gesehene in eine Mischung aus nervösem Serien-Junkie, die nicht genug bekommen konnte und Kleinkind, das Angst vor der Gruselgeschichte hatte, aber nicht genug davon bekommen konnte. Ich sprach mit niemandem darüber, außer mit Hermann. Mich beruhigte sein weiser Blick. Was wussten wir schon?

Obwohl der Serien-Junkie in mir es gern gesehen hätte, war der Einblick, den wir in die andere Welt bekamen kein filmischer, der anhielt und am nächsten Abend als Fortsetzung weiter lief. Dort ging das Leben genauso weiter wie hier und mir war klar, dass ich neunzig Prozent davon verpasste. Einmal war ich gleich morgens da gewesen. Der Spiegel aber hatte nur den grauen Himmel und mein angespanntes, erwartungsvolles Gesicht darin gezeigt. Erst abends wieder konnte ich sehen. Offensichtlich hatten sie dort nicht mit einer Pandemie zu kämpfen, die den gesamten Globus lahm legte. Alle liefen ohne Masken herum und das Fliegen war auch möglich. Ich war sehr neidisch. 

Johann hat bisher nicht viel erzählt. Aber das muss er vielleicht gar nicht. Er strahlt eine Ruhe aus, die ich bei noch keinem anderen Menschen erlebt habe. Vor Jahren hat er dieses kleine, verlassene Haus in der Nähe des Meeres gefunden und gekauft. Es gibt hier keine Heizung und das Wasser ist kalt, aber dafür gibt es einen Blick in die Dünen, den ich noch mit Eiszapfen an der Nase genießen würde. Im Garten ist seit mindestens einer Dekade kein Mensch mehr außer Johann gewesen, der dort an seinen Skulpturen arbeitet. Es gibt außerdem eine Hängematte, von der aus ich Johann bei seiner Arbeit beobachten kann. Der Meereswind zaubert manchmal Gänsehaut und das Gras steht so hoch, dass ich es von der Hängematte aus berühren kann.  Alles ist gut hier.

III.

Den Bruder meiner Mutter und meiner verrückten Tante Ida hatte niemand mehr gesehen, seit er vor dreißig Jahren verschwunden war. Ida hatte einen Schrein für Johann gebaut, der Jahr für Jahr größer zu werden schien. Darauf standen viele Fotos, die Johann zeigten, wie er an seinen Skulpturen arbeitete oder wie er Science Fiction-Romane las. Auf den Fotos war er dreißig Jahre jünger als im Spiegel. Aber es war das gleiche Gesicht und das gleiche Lächeln. Meine Mutter sagte immer, dass er der depressivste Mensch war, den sie kannte. Er aber wollte das nicht wahrhaben und alle um sich herum glücklich machen. Wenn Johann im Raum war, dann benahmen sich die Anwesenden so, als wäre er eine Art respektvoller Imperativ. Sei höflich, sei die bester Version deiner Selbst. Meine Mutter ging davon aus, dass Johann tot war. Dass er freiwillig von hier verschwunden war, um niemandem zur Last zu fallen. Seit dreißig Jahren zündete sie am Tag seines Verschwindens eine Kerze an und weinte ein bisschen. Meine Tante aber glaubte, dass ihr großer Bruder abgehauen war, um irgendwo ein Leben als verrückter Künstler zu führen. Sie feierte ihn bis heute.

Hier draußen hat Johann seine Ruhe. Er taucht ein und lebt wie ein Fisch, der im Winter am Seegrund Nahrung und Stille und Wärme findet. Ich habe das Gefühl, dass er sehr genau weiß, wo er überleben kann. Etwas beschäftigt ihn aber. Er hat begonnen immer mal wieder seine Arbeit zu unterbrechen und zum Haus zu schauen, als erwartet er jemanden. Ich frage nicht nach.

IV.

Und dann kam Johanns Freundin. Sie war etwas jünger als ich, also halb so alt wie mein Onkel. Sie trug weite T-Shirts und enge Jeans und sah darin unverschämt lasziv aus. Dazu lange Haare, meistens sorgfältig chaotisch drapiert, einen zu großen Mund und sehr wache Augen. Ich mochte sie nicht und mein anderes Ich scheinbar ebenso wenig. Ich weiß nicht, ob es nur etwas mit der offensichtlichen Konkurrenz zu tun hatte, die sie verkörperte. Mein Onkel war ein ruhiger Mann und er war ein Genussmensch, aber er war nach allen Erzählungen auch klug. Jemand, der andere sehr genau lesen konnte. Erkannte er nicht, wer sie war? 

Als Cheryl ankam, setzte sie alles daran, sehr melodramatisch zu sein und es gelang ihr kurz, bevor ihr Verhalten nur noch peinlich war. Als sie das erste Mal ins Haus kam, warf sie ihre Tasche in die Ecke und fiel Johann um den Hals, als wüsste sie nicht genau um die andere Person im Raum. Ich stand rum wie ein Elefant, sorgfältig ignoriert. Ich hörte sie alberne Kichergeräusche machen, während ich ihnen zuschaute. Johann stellte mich schließlich vor und sie schaute mich mit einem so albernen Wimpernaufschlag an, dass ich nur losbrusten konnte. “Sorry, hi!”, entschuldigte ich mich danach. Aber der Rahmen ist gesetzt und es ist klar, dass sie nach Regeln spielen will, die so alt sind wie die Menschheit. Es ist jetzt schon öde. 

Selbst Hermann grunzte bei dieser Szene sein kurzes aber tiefes Hermanngrunzen, dass er nur brachte, wenn etwas wirklich idiotisch war und ich stimmte zu. Die Freundin hatte Johann ganz gut im Griff. So gut man einen Fisch eben im Griff haben konnte. Johann mochte sie in seiner Nähe und ließ sie machen, während er weiter an seinen Skulpturen arbeitete. Mein anderes Ich schien sich dazu entschlossen zu haben, die Freundin so gut wie möglich zu ignorieren und verschwand regelmäßig mit einem Buch in der Hängematte. Die Freundin scharwenzelte mit einer Flasche Bier in der Hand um Johann herum bezirzte ihn. Sie wollte etwas. Doch was das war, wurde nicht klar. Hermann schien mir recht zu geben. Er beobachtet sie sehr genau, schnupperte sogar manchmal, die Hundenase hoch in die Luft gereckt. “Warten wir es ab, “ murmelte ich ihm zu. “Warten wir es ab.”

V.

Johann hatte kontinuierlich an seinen Skulpturen gearbeitet, als einige Tage nach ihrer Ankunft, die Freundin ihre Taktik änderte. Sie rückte mit der Sprache heraus und sie redete auf Johann ein. Ausgiebig und lang. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, er wäre genervt von ihr. Immer wieder schüttelte er den Kopf, schloss kurz die Augen und widmete sich dann wieder konzentriert seiner Skulptur. 

Die beiden streiten.Cheryl dreht wieder ihre Runden um Johann, nennt ihn “Babe” , was einfach nur lächerlich ist, ihm aber nomalerweise zu gefallen scheint. Ich gebe vor zu lesen und kann nicht alles von der Hängematte aus hören. Aber immerhin verstehe ich genug, um mir ein grobes Bild zu machen. “Just one more time”, flötet Cheryl und kurz danach “Do it for me”. “It worked out just fine the last time” bringt Johann dann dazu ein sehr klares “I said ´no`, Cheryl, accept it!” zu zischen. Ich hätte innerlich natürlich am liebsten laut los gejubelt, als ich sehe, wie Cheryl nach einer Weile von dannen zieht und kurz danach die Haustür ins Schloss fällt. Ich beherrsche mich aber, denn ich kann sehen, wie sehr Johann mit sich kämpft. Er wirkt plötzlich sehr unglücklich und verletzlich. Also hieve ich mich aus der Hängematte und gehe in die Küche. Ich tue, was die meisten Frauen zu allen Zeiten machen, wenn Unheil heran zieht: Sie verschwinden in der Küche, um dann mit einem Tablett voll Kram wieder heraus zu kommen und die Gemüter, wenn nicht zu beruhigen, dann doch abzulenken. Ich wähle Chips, Oliven, Frischkäse und zwei Flaschen Bier und gehe damit zurück in den Garten. Johann lächelt dankbar.

Nach diesem Vorfall war Johanns Freundin nicht wieder aufgetaucht und ich hatte sie bald so gut wie vergessen. “An deinem Frauengeschmack müssen wir noch ein bisschen arbeiten,” sagte ich nur an jenem Tag halblaut, während ich an meiner Thermoskanne schraubte. Hermann grunzte zustimmend und wir packten unsere Sachen. Ich war mir sehr sicher, dass Johann über Cheryl hinweg kommen würde. Außerdem glaubte ich auch, dass unsere Schaufensterserie kein Ende nehmen würde. Dass sie mich durch diese endlosen Wochen und Monate des Stillstands begleiten würde und dass sie am Ende zumindest ein paar Dinge in meiner Familiengeschichte erklären könnte.

VI.

Der Tag, an dem wir das letzte Mal rüber schauen konnten, in eine nicht all zu ferne Zukunft, wie ich mir einreden wollte, war ein kalter Tag. 

Es ist bewölkt. Das erste Mal seit meiner Ankunft. Johann und ich bleiben im Haus. Ich verkrümle mich an das eine Ende des Sofas und Johann an das andere. Er blättert in einem seiner Science-Fiction-Romane.

“Das war heute im Briefkasten.” Er gibt mir ein zusammen gefaltetes Stück Papier, das er aus der Hosentasche zieht, auf dem stand “You should meet us tonight at 7pm.” Ich verstehe nicht ganz, denn es ist kein Ort angeben und es gibt auch keine Unterschrift. “Und wirst du gehen? Weißt du, wer das geschrieben hat?”

“Ja und ja.”

“Also ist es nicht gefährlich zu gehen?” 

Ich drehe das Papier um, kann aber keine weiteren Hinweise erkennen. Mir kommt das alles sehr dubios vor und Johanns Ruhe ärgert mich. “Wer will was von dir?”

“Das brauchst du nicht zu wissen. Ich werde vorher noch was erledigen müssen und nach dem Treffen zurück kommen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.”

Ich schaue Johann zweifelnd an. Hält er mich für blöd? Er redet wie in einem schlechten Tatort und jeder weiß, dass man sich auf keinen Fall trennen darf in brenzligen Situationen. Das geht immer schief.

“Wenn ich mir keine Sorgen machen soll, müsstest du mir ein bisschen mehr erzählen.”, werfe ich halbherzig ein, bemerke aber, dass es keinen Sinn hat. Johann schüttelte nur den Kopf und liest in seinem Buch weiter. Nicht viel später steht er auf, nimmt seine Lederjacke vom Stuhl und geht zur Tür. So einfach will ich nicht aufgeben. Also springe ich einem Impuls nachgebend auf und greife nach meiner Tasche. Johann aber schüttelt wieder nur den Kopf und schiebt mich von der Tür weg.  “Bis später!” sagt er und schaut mich warnend an. Dann verschwindet er.

Anschließend warteten wir. Hermann, ich und mein anderes Ich. Wir starrten gemeinsam eine sehr lange Zeit auf die Tür, die Johann hinter sich geschlossen hatte. Bis das Ich aufstand und förmlich zur Tür rannte. Hatte es geklingelt, geklopft? Sie öffnete die Tür und vor ihr standen zwei Polizisten, ernst schauend, Fragen stellend, mein anderes Ich mit sehr großen Augen antwortend. Ich hatte Angst, hier wie da, das war deutlich. Schließlich ging die Andere mit den Polizisten aus dem Haus, zog die Tür hinter sich zu und es wurde dunkel. Ich schimpfte und stampfte mit dem Fuß auf. Diese Cliffhanger machten mich wahnsinnig. Was sollte das? Ich hatte noch nicht verstanden, dass dieser hier das Ende sein sollte. Dass es keine weiteren Erklärungen geben würde.

Hermann blickte mich nur stumm an, gab mir Zeit. Schließlich packten wir unsere Sachen. Im Spiegel hatte ich keinen Hund gesehen. Jetzt war ich froh, neben ihm nach Hause zu gehen. Meiner Familie erzählte ich nichts von all dem.

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Über ein Jahr später richtet sich der Blick nach innen. Ein poetischer Versuch, hier im Flugzeug über dem Atlantik zwischen Plastikbesteck und italienischer Fürsorge .

III Im Flugzeug

Collage „Wellen reiten“, Juli 2021

Das letzte Mal im Sommerurlaub

war ich 

mit Flugzeug und Rucksack

und großer Verzweiflung

im Herzen

die war auch ins Gesicht 

geschrieben und ich weinte

ohne die ältere Dame aus Italien

ich hätte sechs Stunden durch geheult

von Toronto bis Frankfurt 


Es war August

Und der Sommer war schon

erschöpft, ein wenig

die Sonnenstrahlen 

wie die Golden Girls

eine Wohltat und

reich an Erfahrung


Der Lake Ontario aber

war zurückhaltend kühl

und ich war dickköpfig

und sprang ins Wasser

wo niemand sonst hinein ging

hätte ich es besser wissen sollen?


The Soft River oben in the Woods

(war nicht alles in Kanada ein Wald?)

war sehr sanft 

zu Haut und Haar und hätte mich beinah

verschlungen

wie die sternenlose Dunkelheit

und das Fauchen des Zuges

am Rande der Nacht


Bis die Hand der italienischen Dame

vorsichtig mich streichelte

im anonymen Mittelgang des Flugzeugs

Sie werden ihn wiedersehen,

wusste sie

und dann erfuhr ich alles

zwischen Plastikdinner und Pancake-Frühstück

vom Sommerurlaub bei Kind und Kegel

dort oben in Kanada

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später nun richtet sich der Blick nach innen. Ein poetischer Versuch, der quer durch die Wüste führt.

II Im Auto

Collage „Schlafentzug“ April 2021

Israel, 2011.

Kalt war es und dunkel

als ich das erste Mal in eine Wüste fuhr

Es war Dezember und ich war allein

laut singend saß ich in einem gemieteten Auto

Auf keinen Fall solle ich nachts fahren

hatte sie mir eingebläut

zu gefährlich sei es für mich

und die Tiere da draußen

Zum Abendbrot wollte ich im Kibbuz sein

aber Tel Aviv war nicht Berlin

und auch sonst verfuhr ich mich mehr als einmal

ich war keine geübte Fahrerin und so wurde es dunkel

und still und ich begann zu fluchen, laut und panisch

Keine Straßenschilder mehr und auch keine Laternen

aber hier irgendwo musste doch endlich das Kibbuz

(es war vor dem bezahlbaren und mobilen Worldwideweb-Zugang)

An einer Tankstelle hielt ich und ließ den freundlichen Menschen an der Theke

die AB-Ansage übersetzen

ich hatte sie mit dem Handy angerufen

der Anrufbeantworter gehörte zum Kibbuz 

“Toda” und “Beseder” hatte ich gelernt, mehr Hebräisch war nicht

Jetzt also zurück und dann links und dann noch ein kleines bisschen weiter

Als ich im Kibbuz ankam, gab mir ein verschlafener Typ den Schlüssel

zu einem Zimmer wie in einer Jugendherberge 

oder einem Ferienlager aus DDR-Zeiten

Kurz vor Mitternacht war es und ich sterbensmüde

kalt war es auch im Doppelstockbett

und ich weinte mich in den Schlaf vor Erschöpfung und Selbstmitleid

mit der Frage ohne Antwort

Am nächsten Morgen wachte ich in das schönste Panorama hinein auf

sandsteinfarbige Hügelketten hinter Ben Gurions Grab

Ich setzte mich ganz still dahin und guckte lange Atemzüge in die Landschaft

beobachtete die jungen Soldaten auf ihrem Ausflug

und suchte irgendwann die Kantine für das Frühstück

Später in Mitzpe Ramon hatte die Aussicht

mir jedes Zeitgefühl geraubt

ein Canyon in den ich mit gelber Wetterjacke hinein lief

und wieder sehr viel Stille und noch mehr Panorma

und alle Farben in Ausgewaschen, von Rosa bis Eierschalenfarben

Eine Telefonzelle gab es da auch und ich hatte die Großeltern im Ohr

“Du klingst, als würdest du unten im Garten stehen”, jauchzte Oma

mit ihrer Stimme so nah stand ich wirklich ein bisschen im thüringischen Garten

und ich weinte wieder, jetzt vor Erleichterung

Nachts war es sehr kalt und ich schlief in einem Hangar auf einer Isomatte

eingewickelt in einen Schlafsack

auf der anderen Seite der Halle noch eine Reisende

uns war nicht zu helfen, so sprachen die Augen der Meisten Worte

Leise summte ein Heizlüfter und spuckte Wärme in die Gegend

die kurz vor meinem Rücken und dann verpuffte

wieder diese gewaltige Stille und die Frage

Sie fuhr mit mir bis Eilat

wo ich die Zehen ins rote Meer tauchte

und die Augen in den zu blauen Himmel schickte

Hier wieder konnte ich essen

den Magen hatte es mir zugeknotet, 

auf der Reise durch die Wüste in mir

Hier nun saßen ein paar von uns vor den Zimmertüren

eines billigen Motels mit gefaktem Charme

die Gesichter sonnenverbrannt und die Sandwiches ausgepackt

Nachts schlief ich ein zum Surren der Klimaanlage

und dem Flattern eine Plastiktüte

draußen vor der Tür

BLogbuch On Travel

Im BLogbuch des letzen Frühjahres ging es um die verwunderte Sicht nach draußen, wo Klopapierrollen und Schlangen vor dem Supermarkt das Bild des ersten Lockdowns bestimmten. Ein Jahr später richtet sich der Blick nach innen. Wisst ihr noch damals, als man mit dem Rucksack durch Europa gondeln konnte? Eine poetischer Versuch.

I. Mit dem Zug

Collage „Am Zug“ März 2021

Präzisionsarbeit in der Hautflügler – Kolonie

Zum vierten Mal stellte absolut.zine ein Thema und das Künstlerkollektiv lieferte. Und dieses Mal ging es uns ans Leder. Bunt und kreativ und hautnah wurde es wie immer. Dazu gibt es ein eigenartiges Shortstory/Poem von mir und anschließend einen Austausch zwischen Ekaterina Rusakova, Angelina Roth und meiner Wenigkeit. Denn wir waren uns alle einig „Künstlerfamilien sind komisch“.

Geradlinig gehen sie ihrer Wege

über Gebirgsketten von Polyester, Baumwolle 

und manchmal Seide

auch über nackte Haut

Dort auf der Hornschicht läuft es sich zwar gut,

aber gefährlich ist es für jede einzelne Arbeiterin allemal

und immer sind es höchst unterschiedliche Ebenen

manchmal samtig und glatt

manchmal  rau und schlaff

häufig ist es feucht dort oben dieser Tage

und sprinten müssen sie, die Zartesten ihrer Art, leichtfüßig darüber

no matter what

Mehlmassiges auf ihren Körpern balancierend

Besser schnell hinab in die Wälder aus Gras

die buckligen Beetebenen

oder hinaus auf riesig heiße Pflastersteinlandschaften

alles kein Problem

meistens zumindest

wenn nichts Größeres über sie herein bricht oder stapft oder rollt oder fällt

Auf den Leinentüchern mit Kaffeegeschirr ist Präzisionsarbeit gefragt

koordiniert und schnell müssen sie vorgehen

zielgenau und ungesehen

denn nichts ekelt die Anderen so sehr

wie ein Haufen hart arbeitenden dunklen Gewimmels

auf ihrem weiß glänzenden Porzellan aus Meißen

 (das liegt in Sachsen, weiß die Kolonie aber nicht)

Das Kaffeegeschirr ist sich selbst überlassen

Kuchenkrümel eingerahmt von Kaffeerändern

selbst Zuckerkrumen gibt es, karamellisiert manchmal

 Marzipanreste an Tante Käthes Kuchengabel

Sie klettern über feines Leinen

tragen schwer an Masse und Verantwortung

vorsichtig über die Porzellanrampe hin zum Tischtuchende

Zwischen Tischkante und Kiefernstamm

(dort hinten war die Kolonie in Sicherheit)

lagen endlose Weiten

und Tante Käthe in dünnem Baumwollkleid

Jetzt also Klimmzüge am Gummiband

hinauf und nicht zurück schauen

immer vorwärts an der Naht entlang gehangelt

dann Haut

weich und porig und fast ohne Haar, glänzende Weite – ein Albtraum

die Kleinsten zuerst, sie trippeln nervös

Dann los:



„Künstlerfamilien sind komisch“ – ein Slide von Ekaterina Rusakova

„Familienhäute“ – ein Dialog von Angelina Roth

Familienhäute - extended

Tante: Bitte was will er studieren?
Die vollgestopfte Tote Bag über die Schulter geworfen, steht sie im Flur. Ihr frisch gestochenes Tattoo am Armgelenk ist noch in Folie eingepackt, wo es schwitzt und Farbe blutet.

Mama: Sag du.
Papa (leise): Verwaltungswissenschaften
Tante: Das ist nicht euer ernst!
Mama: Unserer sicher nicht. Aber Ernsts schon.
Tante: Ich habe es euch damals gesagt und sage es wieder. Nomen est Omen. Aber ihr musstet ihn unbedingt nach Opa nennen.
Papa: Wie hätte ich denn sonst die Schauspielschule zahlen sollen?
Mama: Wir haben wirklich alles versucht. Wir haben vernünftig mit ihm geredet. Er will nicht.
Tante: Ich werde mir den Jungen mal zur Brust nehmen. Wo ist er?
Papa: Im Wohnzimmer. Er ordnet das Bücherregal - thematisch.
Mama zu Papa: Weißt du eigentlich, wie lange es dauert, die Bücher wieder nach Goethes Farbenlehre umzustellen?

Tante (schnaubt im Weggehen): Johann ist auch nicht viel besser.

KurzgeschichtenGedicht/ Short StoryPoem

Mit den Rauhnächten ab dem 20./21. Dezember, die für mich mit der längsten Nacht des Jahres beginnen, kam dieses eigenwillige Gedicht, das seinen Ausgang im ersten Satz findet. Diesen hatte ich Wochen zuvor auf Instagram in eine Verlosung geschickt und konnte ihn nicht vergessen. Eingewoben habe ich außerdem alte Mythen zu den Rauhnächten.

Lebkuchensirup tropfte auf den Perserteppich,

der

seit Jahren schon vergessen

im Hausflur gleich neben dem großen Wandspiegel

dort,

wo

sie

sich jetzt sah

und auch wieder nicht…

Margaruites blanke Füße neben dem Sirupklecks.

Die kleine Flasche war kaputt gegangen

und die dickflüssige Süße

durch die Tasche ins Außen gedrungen,

bildete sie nun

eine runde Sache, glänzend und massig.

Margaruite konnte nicht hinsehen;

schnell nun in die Schuhe, Mantel und Mütze

und los!

Die Füße liefen über das Pflaster

geradewegs durch die verwinkelten Gassen

zur Kreuzung und dort –

Stehen musste sie und warten

und das Atmen nicht vergessen

atmen.

atmen.

atmen.

Sie sagten, er würde kommen,

aber sprechen dürften sie nicht

Bräutigam und Braut, eine

wollte sie sein

„nicht wahr, mein Mädchen?“

Margaruite schielte zur Turmuhr

die Mitte der Nacht erreicht

und er?

Leises Atmen in der rauen Nacht

Sie schloss die Augen spürte

die Nähe des anderen Körpers

1 seelenverwandter Mensch

sollte es sein,

hoffte Margaruite.

Kurzgeschichten / Short Stories I

Das Künstler*innenkollektiv und Literaturmagazin absolutzine hat uns herausgefordert, wollte dass „wir lügen“ und wir haben die Herausforderung angenommen. Wir haben gelogen, dass sich Tischbein und Kuli bogen. Am 1. Dezember gingen 65 Texte online und es ist eine Freude, sich mit ihnen durch den grauen Dezember zu lesen. Ich durfte mit einer Kurzgeschichte dabei sein und habe frei assoziiert. Geholfen haben eine italienische Holzpuppe und ein kluges Kind. / After receiving a call from the artits collective and literature magazine absolutzine, we delivered. On December first, 65 pieces went online and I am very happy to be part of it. My inspiration was an Italian doll, and a smart child. See the English version of the short story below.

Zeichensprache gilt nicht

oder was Erwachsene nicht sagen

Fuchs und Kater/ auf einem Feld/ Falsches Lächeln/ Lachen Katzen? 

Papas Rücken/ in der Dunkelheit/ Er lacht nicht/ Er verschwindet

Ich wache auf, als Mama ins Zimmer kommt und die Vorhänge zur Seite zieht. 

“Kommt Papa heute?”, frage ich.

“Bestimmt”, sagt sie.

Das heißt auf Erwachsen, dass er nicht kommt. Habe das schon hundert Mal erlebt. Ich gebe aber nicht auf und hake nach: “Und was, wenn er nicht kommt?” 

“Er wird kommen!” Ihre Stimme wird leicht ungeduldig und sie schielt zu mir rüber, um mich davon abzuhalten, weitere Fragen zu stellen. Sie hat keine Ahnung, wo er ist und wann er von dort wieder auftaucht. Also stehe ich auf, tausche Schlafanzug gegen Hose und Pulli und verkrieche mich in der Burg. Die gehört eigentlich meinem kleinen Bruder aber letztens habe ich sie besetzt, denn hier lässt es sich klasse lesen. Ich mag Pinocchio. Eine lange Nase bekommt er nur bei den Erwachsenen. Ich glaube, die wissen es halt nicht besser. Ich blättere mich auf die Insel. Da war ich schon oft mit Pinocchio und dort will ich ihn wieder treffen.

“Er war jetzt schon ganz schön lange nicht mehr da.” Ich gucke vorsichtig zu Mama hoch. Es sind mindestens fünf Wochen vergangen, glaube ich. Eigentlich soll ich nicht fragen, das weiß ich. Aber ich kann nicht ewig warten und irgendwann muss Papa schließlich mal wieder kommen. Jetzt schluckt Mama und räumt unsere Teller zusammen. Sie guckt mich nicht an und schnieft kurz. Lass sie jetzt bloß nicht weinen. Ich kann das nicht sehen und noch weniger hören. Dann weiß ich nicht, was ich machen soll und fühle mich, als hätte mich jemand ins Klo gekippt. Sie weint nicht. Zum Glück.

“Er muss grad viel arbeiten. Ich weiß, dass es nicht so toll ist und ihr ihn vermisst. Aber er grüßt euch.” Ihr Rücken hat zu mir gesprochen. Er grüßt uns! 

“Das heißt, er hat angerufen?” Ich habe meine Zweifel, aber vielleicht ja doch. So lange war er noch nie weg und warum hätte er nicht anrufen sollen? 

“Ja, letztens spät abends.” 

Ich will ihr glauben und denke an Pinocchio. Pinocchio wollte auch immer zu seinem Vater und irgendwie kam ständig was dazwischen. Ist halt manchmal so. Ich stehe vom Tisch auf und lasse Mamas Rücken alleine. Sie ruft mich nicht zurück, um beim Abräumen zu helfen. Kein gutes Zeichen.

__

“Fühlst du dich nicht gut?” Mamas Hand liegt auf meiner Stirn und sie schaut besorgt auf mich runter. Ich nicke. Ich fühle mich schrecklich. Und ich werde nicht wieder aufstehen. Nie wieder. Ich habe einen Pakt geschlossen. Ich verlasse das Bett erst, wenn Papa vorbei kommt. Sie können machen, was sie wollen. Ich mache auch, was ich will. 

“Deine Stirn ist nicht heiß. Tut dir was weh?” 

Ich nicke, das ist schließlich wahr. Aber vor der nächsten Frage habe ich Angst und ich weiß dass sie kommen wird. Mama streicht mir über den Kopf. “Was tut dir denn weh?” 

Ich halte mir den Bauch und kneife die Augen zusammen. Wenn ich ganz fest darüber nachdenke, tut der Bauch wirklich weh. Da ist so ein komisches Gefühl und auch in der Brust. Mamas Augen zeigen diese Mischung aus Ratlosigkeit und Sorge. Sie seufzt. “Ich mache dir einen Tee und dann sage ich Monika Bescheid. Sie soll zwischendurch mal nach dir schauen. Du musst mir versprechen, dass du in die Schule gehst, wenn du dich besser fühlst, ok? Vielleicht klappt es ja zur 3. Stunde, wenn ihr Mathe habt. Versprochen?” 

Ich wackle mit dem Kopf. Mist. Habe ich das jetzt wirklich versprochen? Zählt Zeichensprache? Ich tauche ab unter die Bettdecke und suche dort mit Pinocchio im Meer nach seinem Vater. Wir finden ihn nicht.

Habe entschieden, es anders anzugehen. Wenn sie mir nicht sagt, wo Papa ist und wann er wieder kommt, rede ich nicht mehr mit ihr. Dann muss ich mir auch nichts ausdenken. Ich glaube, das ist sauberer. Aber es fühlt sich nicht besser an. Zuerst dachte Mama, es sei ein Scherz. Das konnte ich an ihrem Gesichtsausdruck sehen. Sie hatte so ein schiefes, ungläubiges Lächeln. Dachte wahrscheinlich, dass ich nicht lange durchhalte. Nach ein paar Tagen wurde sie wütend. Ihre Lippen wurden ganz schmal und ihre Augen auch. Sogar mein kleiner Bruder hat Angst bekommen und wollte, dass ich was zu ihr sage. Mit ihm rede ich. Er kann ja nichts dafür (und gar nicht mehr sprechen ist irgendwie unpraktisch). Jetzt sieht Mama oft traurig aus und sie schaut aus dem Fenster und seufzt dabei. Sie tut mir leid.

__ 

“Euer Vater ist bei Freunden.” 

Dieser Satz kommt überraschend. Mein kleiner Bruder und ich sitzen auf dem Sofa und gucken Cartoons. Aber jetzt starren wir sie an. 

“Er hatte Schwierigkeiten mit der Arbeit und jetzt ist er erst einmal bei Freunden, die ihm helfen. Deshalb kann er grad nicht kommen.” 

“Hat er wieder angerufen? Wann hat er angerufen? Ich will mit ihm reden.” Das alles sprudelt aus mir heraus, als ob plötzlich jemand einen Wasserhahn aufgedreht hätte. Ich kann den Hahn nicht zudrehen.

“Er hat spät angerufen.” Sie schaut an die Zimmerdecke, dort wo der kleine Riss ist und sie hat die Arme vor dem Bauch verschränkt, also ob sie auch diese komischen Bauchschmerzen hätte.  “Er kann jetzt erst einmal eine Weile nicht kommen.” Sie setzt sie sich zu uns aufs Sofa und will meine Hand nehmen. Ich ziehe sie weg. Ich will Antworten. 

“Aber wie lange ist noch ‘eine Weile’? Er ist schon Ewigkeiten nicht mehr da gewesen. Dauert es noch mal genau so lange?” 

“Ich weiß es nicht.” 

Was soll ich denn darauf sagen? Worüber reden die beiden am Telefon? Und warum ruft Papa immer nur abends an? Will er gar nicht mit uns sprechen? Da piepst mein kleiner Bruder: “Das ist doof. Papa soll hierher kommen.” Dabei hält er seinen Plüschpinguin im Arm und guckt wütend. Mehr habe ich nicht hinzuzufügen. Mama nickt und schiebt ihre Unterlippe vor. “Ich weiß. Es ist wirklich doof. Und es tut mir leid.” 

Am selben Abend frage ich Mama eine wichtige Frage, die schon lange in meinem Kopf hin und her springt. “Hast du Papa noch lieb?” 

Sie schüttelt schnell den Kopf. Das glaube ich ihr nicht, weil ihre Augen ganz groß dabei werden. Aber vielleicht gilt ja Zeichensprache wirklich nicht. Ich gehe schlafen.

Tief in der See/ Bezahnte Dunkelheit/ ein Lügenmaul/ verschlingt mich 

Mittendrin/ Papas Jacke/ und sein Schuh 

Kommst du zurück?/ Frage ich/ Verschränkte Arme/ ein wackelnder Zeh

Sehr bald!/ Sagt er/ Und wir schwimmen kleine Runden/ im Haifischbauch


English Version

Sign language doesn’t count! –

or what adults don’t say

Fox and tomcat/ on a field/ Fake smile/ Do cats laugh?

Dad’s back/ in the dark/ He doesn’t laugh/ He disappears

I wake up, when Mom comes into the room and pulls the curtains aside.

“Is Dad coming today?” I ask.

“Definitely,” she says.

In adult terms, that means he won’t come. Have seen this a hundred times. But I don’t give up and ask: “What if he doesn’t come?”

„He will come!“ Her voice gets a little impatient and she glances over at me to stop me from asking any further questions. She has no idea where he is, or when he will reappear from there. So I get up, swap pajamas for pants and a sweater, and hide in the castle. The castle actually belongs to my little brother, but I recently occupied it because it is great to read here. I like Pinocchio. He only gets a long nose around adults. I don’t think they know any better. I turn the pages, approaching the island. I’ve been there with Pinocchio many times and I want to meet him there again.

„He hasn’t been visiting for a long time.“ I look carefully up at Mom. It’s been at least five weeks, I think. I’m not supposed to ask, I know that. But I can’t wait forever and at some point Dad has to come back. Now Mom swallows and cleans up our plates. She doesn’t look at me and sniffs briefly. Please don’t cry. I can’t see that and even less hear it. Then I don’t know what to do and I feel like someone dumped me in the toilet. She doesn’t cry. Luckily.

“He has to work a lot right now. I know it’s not that great and you miss him. But he says hello.“ Her back spoke to me, but he says hello!

„That means he called!“ I have my doubts, but maybe he did. He’s never been gone for so long and why shouldn’t he have called?

„Yes, recently late at night.“

I want to believe her and I think of Pinocchio. Pinocchio always wanted to see his father and somehow something kept coming up. It’s just like that sometimes. I get up from the table and leave Mom’s back alone. She doesn’t call me back to help clean up. Not a good sign.

__

„Are you not feeling well?“ Mom’s hand is on my forehead and she looks down at me in concern. I nod. I feel terrible. And I won’t get up again. Never again. I made a pact. I won’t get out of bed until Dad comes by. They can do what they want. I do what I want, too.

“Your forehead is not hot. Does something hurt?“

I nod, that’s true after all. But I’m scared of the next question and I know it will come. Mom strokes my head. „What is wrong?“

I hold my stomach and screw up my eyes. When I think about it very hard, my stomach does hurt. There is a strange feeling and also in the chest. Mom’s eyes show this mixture of perplexity and worry. She sighs. “I’ll make you some tea and then I’ll let Monika know. She should check on you every now and then. You have to promise, that you will go to school when you feel better, ok? Maybe you feel okay by the time you would have your 3rd class. Try at least. Promise?“

I wiggle my head. Damn. Have I really promised that now? Does sign language count? I dive under the covers and look in the sea with Pinocchio for his father. We don’t find him.

I decided to change plans. If she doesn’t tell me where Dad is and when he will be back, I won’t talk to her anymore. Then I don’t have to make anything up either. But it doesn’t feel any better. At first Mom thought it was a joke. I could see that in the look on her face. She had such a crooked, incredulous smile. Probably thought I wouldn’t last long. After a few days, she got angry. Her lips narrowed and so did her eyes. Even my little brother got scared and wanted me to say something to her. I’m talking to him. It is not his fault (and not speaking at all is somehow impractical). Now Mom often looks sad and she looks out the window and sighs. I’m sorry for her.

__

„Your father is with friends.“

This sentence comes as a surprise. My little brother and I sit on the sofa and watch cartoons, but now we’re staring at her.

“He had trouble with work and now he’s with friends who help him. That’s why he can’t come right now. „

“Did he call again? When did he call? I want to talk to him.“ It all gushes out of me, as if someone suddenly turned on a tap. I can’t turn it off.

„He called late.“ She looks at the ceiling, where the small crack is and she has crossed her arms in front of her stomach as if she also had this strange stomach ache. „He can’t come for a while now.“ She sits down with us on the sofa and wants to take my hands. I am pulling them away. I want answers.

„But how long is ‘a while’? He hasn’t been here in ages. Will it take that long again? „

„I don’t know.“

What am I supposed to say to that? What are the two talking about on the phone? And why does Dad only call in the evening? Doesn’t he even want to talk to us? My little brother chirps: “That’s stupid. Papa should come here.“ He holds his plush penguin in his arms and looks angry. I have nothing more to add. Mom nods and pokes out her lower lip. „I know. It’s really stupid and I’m sorry.“

That same evening, I ask Mom an important question that has been jumping back and forth in my head for a long time. „Do you still love Dad?“

She quickly shakes her head. I don’t believe her because her eyes get really big. Maybe sign language though doesn’t really count. I’m going to sleep.

Deep in the sea/ Notched darkness/ a lying mouth/devours me

In the middle/ Dad’s jacket/ and his shoe

Will you come back?/ I ask him/ Crossed arms/ a wobbling toe

Very soon!/ He says/ And we swim little laps/ in the shark belly

Nachbar*innen/#Portrait

Jeden Tag begegnen wir denselben Menschen in unserem Kiez. Sie gehen mit uns einkaufen, überqueren neben uns die Straße, sitzen auf der Bank im Park. Ich lebe in einem Viertel, in dem es mehr Mercedes und BMWs gibt als Kindersitze auf Fahrrädern. Ein wohl genährter, gesättigter und oftmals selbstzufriedener Blick dominiert hier das Straßenbild. Aber einige meiner Nachbar*innen schlafen unter der Brücke, verdienen sich mit Gitarrenspiel ein bisschen Geld oder helfen im Gemeinschaftsgarten aus. Andere leben seit Jahrzehnten ein bescheidenes Dasein, sind zum Original im Kiez geworden und treffen auf flüchtige Bekanntschaften ohne Namen.

Hier nun ist der Versuch, einige von ihnen in einem kurzen Porträt unvollständig und aus meiner Perspektive vorzustellen. Erschienen sind diese Nachbar*innen/#Portraits zuerst auf Instagram vom 28. August 202 bis zum 20. Januar 2021. Für den Blog wurden sie editiert und chronologisch geordnet.

#1/ Lila sammelt schwarz-weiß Fotografien. Die ihr wichtigsten hat sie an die Wand hinter sich geklebt. Fein säuberlich hängen sie dort. Manchmal hilft ihr Freund beim Anbringen der Fotos. Heute sitzt Lila sehr aufrecht, die dunklen Haare zusammen gebunden, die Brille nach oben ins Haar geschoben. Sie schaut mit aufmerksamen Augen hinter unsere Gesichtsfassaden. Neben ihr, auf Schulterhöhe sitzt ein Kunstadler. Er sitzt auf dem Einkaufswagen, in dem sich Lilas hab und Gut befindet. Gemeinsam leben die drei seit einigen Jahren auf der Straße. „Aber frei, unter dem Himmelsdach und den Sternen,“ sagt Lila. (28. August)

#2/ Lorenzo spielt Gitarre. Es ist früh am morgen. Er hält das Instrument an sich gedrückt, schließt die Augen und seine Finger gehen so ihren Weg. Den schon lang bekannten und immer gleichen Weg. Lorenzo spielt keine Songs. Er stülpt das Morgengefühl, die Müdigkeit und Trauer nach außen, tätschelt es sanft, bis es sich beruhigt und man lächelnd aus dem Fenster der S-Bahn schaut. (7. September)

#3/ Die Freundin von Gregorius wurde ohne Frage viel gesehen. Hat die Blicke der anderen auf sich gespürt. Sie trägt Jogginghose und T-Shirt, dazu eine Kapuzenjacke. Hinter sich zieht sie eine Leiter, als wir uns das erste Mal begegnen. Sie spricht mit dem Hund. Fürstlich zurückhaltend ist das alternde Tier nicht mit ihr. Er und sie kommunizieren und ich sehe ihnen dabei zu. „Dort gibt es einen Hinterhof. Ich musste da was erledigen und dabei habe ich meinen Freund getroffen. Willst du ihn sehen?“ fragt sie mich und die Sommersprossen springen wie Pingpong auf ihrem Gesicht hin und her. Ich nicke zögerlich. Dann sehe ich Gregorius auf dem Handybildschirm. Aufgeweckt ist er und selbstbewusst. Er klettert ihre nackten Sommerbeine hoch und schnappt sich eine Erdnuss. Sie haben sich vor ein paar Monaten kennen gelernt. Dann stockt das Video und Gregorius‘ dunkle Pfoten halten die Nuss reglos in die Kamera. „Das ist ein guter Ort, der Hinterhof.“ Das Hundetier und ich glauben ihr. (13. September)

#4/ Verstanden hat Clémence es bis heute nicht. „Dass sie auch noch ihn umgebracht haben!“ Sie schüttelt ihre grauen Locken, die sich wie Trauben an ihren Kopf schmiegen. Die Augen blassgrau wie der Horizont über dem Herbstmeer. „Nein, das konnte ich schon vor 52 Jahren nicht begreifen. Ich war dort gewesen. Hatte grad Amerika besucht. Als junges Mädchen kam ich aus Paris. Und dann ihn. Ausgerechnet ihn!“ Der Schreck sitzt seit fünf Jahrzehnten auf ihren Schultern und wird wohl nicht mehr weichen. Gebeugt geht sie in die Nachbarstraße. „Wir haben über Dr. King gesprochen,“ murmelt mein Mann mir zu. „Und ich glaube, über alle anderen auch.“ (2. Oktober)

#5/ Majid ruft meinen Namen. Er ist zurück. Hier auf der Straße, vor meinem Haus. Wir umarmen uns. Versuchen uns in Small-Talk. Was sagen, wenn eine ganze Welt zwischen uns liegt? „Wie schön, dass du wieder zurück bist!“ -„Noch für fünf Tage.“ „Wirst du wieder kommen?“ -„Das ist der Plan, im nächsten Jahr.“ Uns bleibt nur eine weitere Umarmung. Und dann läuft er die Straße runter. In Syrien lebt die Familie. „Aber ich komme zurück. Hier fühle ich mich zuhause!“, versicherte er. (10. Oktober)

#6/ John sitzt an der Ecke. Nichts hat er auf der hohen Kante. Er gießt die Blumen der Nachbarin. Hört den Jungs auf der Straße zu. Er brummt und manchmal lächelt er. Vor Jahren hatte er Episoden. Heute nicht mehr. Stille im Herzen. Wenn die zu laut wird, hilft der Alkohol. „Manchmal ist das wie Watte im Kopf“, erzählt er. Früher war John Grafikdesigner, bis er still gelegt wurde. Er steht langsam auf und läuft nach Hause. Um die Ecke. (26. Oktober)

#7/ Laut singt er. Und ein bisschen falsch. Den Besen fegt er über den Gehweg. Ein verlängerter Arm, der im Rhythmus zuckt. Mit dem Refrain schwingt er sich hinauf in Höhen, in die er besser nicht kletterte. Er dreht sich zu mir um. Ich lache ihn an. So viel Enthusiasmus am frühen Morgen gehört belohnt. Er trippelt tänzelnd um mich herum, das Orange der BSR schimmert im grauen Morgen auf seiner dunklen Haut. (17. November)

#8/ Katja steht an der Straßenkreuzung. Der Tag ist trist, die Autos laut. Sie lächelt. Die Füße stecken in alten Winterstiefeln, die Beine in einer Jogginghose. In den Armen hält sie ihre kleine Katze. Katja hört nichts, sieht nur das Katzengesicht, streichelt es, liebkost das zerzauste Fell. Vom vielen Berühren ist der Stoff abgegriffen. Katja stört es nicht. (23. November)

#9/ Samstagnacht fährt Stephan Fahrrad. Er dreht seine Runden auf dem Ku’damm, am äußersten Ende. Dort, wo Gucci und Versace bereits von der Stange gerutscht sind. Stephan vermisst die Oper. Also singt er aus vollem Halse und der Tiefe seines Bauches nicht nur die Tonleiter rauf und runter. Er singt sich und uns zurück in der Erinnerung. (30. November)

#10/ Frau Lange ist kurzsichtig. Weit ist der Sensemann nicht mehr. Mit einem Gesicht so gelebt, wie es nur acht Jahrzehnte modulieren können, aber ist sie gewappnet. Sitzt und wartet und knurrt manchmal die Spaziergänger an. Gibt man aber dem vom Schlag angefallenen Gehirn Zeit, antwortet sie immer schief lächelnd auf jeden Gruß. Schließlich könnte es der letzte sein. (17. Dezember)

#11/ Blassrosa ist die Strickmütze, darunter ihr feines Gesicht in Pergamenthaut. Margit trägt einen Mantel, der schon immer vier Nummern zu groß war. Sie trägt ihn mit Anmut und einem großen Gürtel um die Taille. Vorsichtig beugt sie sich zum Hundetier. Sie suchten immer ihresgleichen, meint sie lächelnd und berührt sanft den schmalen Whippetkopf, der hervor schaut aus seinem ebenfalls zu großen Mantel. Beide teilen nicht nur die Arthritis und die Sehnsucht nach wärmeren Tagen. (9. Januar)

#12/ Frau Maschke trägt die Dauerwelle blondiert. Darunter graut es längst. Pudeldame Elfie weiß Bescheid. Ihr geht es ähnlich. Tag für Tag öffnen sie den Fußpflegesalon an der Ecke – ein Relikt aus den 70ern. Das reinste Original, sagen die Einen. Vintage, denken die Anderen. Nicht so Frau Krause. Die bekommt die Zehennägel noch immer fuchsrot lackiert. Dazu hält sie die Kippe rechts in der Hand und das Glas pappsüßen Sekt links. Wie in den 70ern. (20. Januar)