“Things I Have Noticed” – Rezension

In zwölf Essays schreibt Sophia Hembeck über das Erwachsen-werden

Sie teilt dieses Wachsen in drei Abschnitte und beginnt mit dem schmerzhaften Verlassen (“leaving”), geht weiter in manchmal verzweifelter Suche (“searching”) und findet ihren Platz dort, wo sie ihn nicht unbedingt vermutet hätte (“finding”). Visuell ist das Buch eine Perle in Azurblau, versetzt mit Bildern, die wie Wolken am Himmel immer wieder eine eigene Form zu finden scheinen. Stark und zart, will man es nennen und so ist es die perfekte Form zum Inhalt und passt dazu in jede (größere) Manteltasche. 

Das Suchen nach der eigenen Stimme in einer männlich dominierten Gesellschaft

Die Autorin schreibt ihre Memoiren mit 30 Jahren, was einerseits ungewöhnlich sein mag, wie sie selbst anmerkt, im Grunde aber folgerichtig ist. Denn in diesen drei Jahrzehnten geschieht häufig Elementares, so auch bei Sophia Hembeck. Sie verlässt Elternhaus, Schule, Freunde, Orte und sucht, versucht sich an neuen Plätzen, lernt sich kennen. Sie geht mit 16 Jahren für ein Austauschjahr nach Thailand, einige Jahre später nach dem Schulabschluss Richtung Bochum, um etwas zu studieren, was sie nicht wirklich studieren will. Sie glaubt aber damit gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Schließlich landet sie im verheißungsvollen Berlin, um festzustellen, dass sie auch diesen Ort wieder verlassen muss. Sie sucht ihren Platz. Der wird gerne von hoch ambitionierten männlichen Kommilitonen an der UdK be- und verurteilt. Vielen Leser:innen wird es schmerzlich bekannt vorkommen, stehen diese Erfahrungen für so viele Lebensbereiche in unserer männerdominierten Gesellschaft. Ebenso die Tatsache, die eigene Stimme erst finden zu müssen. Im ersten Essay der Rubrik “searching”, der mit dem Satz “Every time I see “fragile” written on a parcel, I think: Me, too” beginnt, hat Sophia Hembeck eine deutlich klare Stimme entwickelt: “Well. Fuck you Johannes! (…) I create my characters however I view reality and you will have to deal with ex-housewives in their mid-fifties, going through meno-pause, being incredible mad at their ex-husbands for marrying a younger wife.”

Sophia Hembeck schreibt ein klares und durchlässig schönes Englisch

Formal geht Sophia Hembeck klug vor und weiß um ihr Können. Jeder Essay wird eingeklammert von einem ersten Satz/ Zitat, der einleitet und zugleich (ironisch) reflektiert wird. Sie schreibt ein präzises und klares Englisch, dass immerhin als Fremdsprache so durchlässig und schön ist, dass die Sammlung alleine dafür gelesen werden sollte. Ab und zu, wenn die Wut von der Ironie gedeckelt werden soll, versteigt sie sich in Fußnoten, die das Lesen in eine Art Ping Pong verwandeln. Am Ende sei ihr das aber gegönnt. Es unterstreicht das, was sie sein will und was sie zu einer starken Künstlerin macht:  eine Autorin mit Emotionen und klarer Sichtbarkeit.

Sophia Hembecks „Things I Have Noticed“ ist im Eigenverlag erschienen und kostet 20 Euro bei 133 Seiten. Aktuell erhältlich im feinen Berliner Kultbuchladen ocelot in der Brunnenstraße oder auf ihrer homepage.

„Wie man einen Bären kocht“ – Rezension

Mikael Niemi verrät keine Rezeptur, dafür aber auf poetisch klare Weise, wer der Mörder ist.

Mikael Niemi schreibt einen Krimi mit historischer Besetzung

Mikael Niemis aktueller Roman ist Sozialstudie, schwedischer Krimi und Liebesgeschichte mit historischer Besetzung in einem, der so spannend ist, dass er kaum mehr los lässt. Wenn man das Buch zur Seite legt, dann nur um einmal durchzuatmen und ein wenig Luft an die Themen zu lassen. Denn Gewalt und Alkohol, Hunger und Armut sind bestimmende Größen auf dem Lebensweg des Sami-Jungen Jussi und seines Mentor-Vaters  Probst Laestadius. Niemi setzt in der Erzählung die historische Figur Lars Levi Laestadius, die in Nordschweden die freikirchliche Erweckungsbewegung voran getrieben hat, als liberalen Geist ein, der gegen die Hierarchien der bestehenden Staatskirche und den massiven Alkoholmissbrauch der Bevölkerung angeht.

Wissenschaft wird angezweifelt

1852 taucht der Sami-Junge Jussi überraschend bei Probst Laestadius und seiner Familie auf, nachdem er von seiner eigenen Familie weggelaufen ist, die von Alkohol und Gewalt beherrscht wird. “Sie, die sich Mutter nannte (…) hatte das Brantweinfässchen wie einen Säugling an die Brust gepresst.” Er lernt bei dem Probst das Lesen und Schreiben, hört seine Predigten und geht mit ihm auf lange Wanderungen, um Flora und Fauna kennen zu lernen. Eine ganze (Bildungs-)Welt öffnet sich ihm hier, wofür er seinen Mentor tief verehrt. Und Jussi lernt gerne, saugt alles gierig wie jeden Löffel Grütze in sich auf. Als die junge Hilda Friedriksdotter angeblich von einem Bären überfallen und getötet wird, hilft er Laestadius beim Sammeln von Spuren und Beweisen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Der Probst und Jussi werden dadurch schnell zur Angriffsfläche der Dorfbewohner, denn nicht nur ist das Infrage-stellen von Althergebrachtem verwerflich und somit die Methoden des Probstes unerwünscht, auch das Anders-sein an sich wird angeprangert. Und als sich Jussi in Maria verliebt, wird ihm brutal genommen, was ihn als Individuum und als den Anderen auszeichnet. 

Mikael Niemis Sprache macht die fremde Welt erfahrbar

Niemi beschreibt ein Leben, von dem die moderne Mitteleuropäer*in an manchen Punkten weit entfernt ist, an anderen wiederum werden Parallelen zum Heute sehr deutlich. Niemi macht die fremde Welt erfahr- und vor allem fühlbar mithilfe einer beinah haptischen Sprache, die durch Jussis Blick gestaltet wird. Jussi ist auf weiten Strecken des Romans der Ich-Erzähler. “Die Schale ist leer. Ich streiche mit dem Daumen wie mit einem Kissen über die Rundungen und lecke ihn dann ab, streiche und lecke, bis alles ganz saubeaestar ist.” Diese Sprache verleiht eine kindliche und neugierige Offenheit, die erfrischend und berührend ist. Die Perspektive wechselt erst am Ende des Buches, wenn es notwendig wird. Und auch dann erst wird der formale Rahmen in seiner Ganzheit deutlich und das ist eine schöne Umarmung für erwartungsvolle Leser*innen. Ob die Erzählung allerdings bei den letzten Geschehnissen wirklich glaubhaft ist, muss die Leser*in für sich entscheiden. Gut zu wissen ist in jedem Fall, dass der Roman von dem frühesten samischsprachigen Dokument überhaupt inspiriert wurde; der Lebensgeschichte eines Sami, dessen Name unbekannt geblieben ist.

Mikael Niemis “Wie man einen Bären kocht” bei btb im Hardcover für 20 Euro. 507 Seiten übersetzt von Christel Hildebrandt. Erhältlich unter anderem in der Hundeliebhaber-Buchhandlung mit hübschestem Logo Hacker und Presting in Charlottenburg.

*Die Rezension wurde zuerst auf soundsandbooks.com veröffentlicht.

Wie wir überleben – Rezension

Sebastian Barrys Folgeroman nach „Tage ohne Ende“ in wunderschöne Ausgabe mit noch besserem Inhalt.

Der Roman des irischen Autors Sebastian Barry beschreibt die ganze Schönheit und Brutalität des Menschseins und gibt seinen Leser*innen eine Lektion fürs Leben mit auf den Weg. Am Ende ertragen wir es nur mit der Liebe. Eine große Erzählung zur richtigen Zeit, beeindruckend poetisch.

Die Erzählung der jungen Lakoto endet wie der letzte Schluck einer Tasse heißen Kakaos. Am Grund liegt der Satz, der am glücklichsten macht; dickflüssig und süß, während das ganze Getränk bereits ein Genuss war. “Dass ich Menschen hatte, die mich liebten, Menschen, die über mich wachten, hielt ich für eine ausgemachte Wahrheit”, heißt es und hierin zeigt sich die ganze  Weite des schrecklich-schönen Menschseins und Sebastian Barrys poetische Stärke. Der irische Autor gibt der Hauptprotagonistin Winona, die eigentlich Ojinjintka heißt, eine eigene Stimme und in dieser Ich-Perspektive führt sie die Leser*innen auf der Suche nach einem Mörder, durch ihr junges Leben und  die ebenso jungen Vereinigten Staaten von Amerika. 

Die drei Leben der Ich-Erzählerin

Winona/Ojinjintka ist zwar noch jung, hat aber schon mehrere Leben geführt. Das erste begann bei ihrem Stamm den Lakato und wurde von Unionssoldaten bei blutigen Schlachten zerstört. Im zweiten Leben wächst sie teils in einer Kaserne, teils bei den zwei Soldaten Thomas und  John oder auch bei einem alten Afroamerikaner auf, der sich um sie kümmert, wenn die Soldaten im Bürgerkrieg kämpfen. Diese Geschichte wird in dem 2018 auf Deutsch erschienen Roman “Tage ohne Ende” ausführlicher erzählt und sollte ebenfalls unbedingt gelesen werden. Das dritte Leben führt Winona/Ojinjintka in den 1870er Jahren im Henry County, Tennessee zusammen mit Thomas, John, einem gemeinsamen Freund und zwei ehemaligen Sklaven auf einer Farm. Sie sind arm und in dem jungen Staat so wenig wert, dass es kein juristisches Verbrechen ist, einen schwarzen Menschen oder eine Lakato zu schlagen oder gar zu töten. 

Das Überleben einer Patchworkfamilie

Was Winona/Ojinjintka und ihre Patchworkfamilie zusammenhält, ist die Liebe. Und manchmal finden sie die Liebe da, wo sie nun gerade nicht vermutet wird, wo sie im Verborgenen um so strahlender scheinen kann. Allen Beteiligten begegnet unglaublich viel Gewalt, die sie alle irgendwie, manchmal nur gerade so, aber immer miteinander überleben. Und sie alle sind verstrickt in Schuld und Schweigen. Um dieses Schweigen zu lösen, muss Winona herausfinden, was mit dem getöteten Jas Jonski und mit ihr passiert ist. Sie muss sich erinnern. Und dort hinein in diese Suche und das Erinnern webt Barry wie im Vorgängerroman “Tage ohne Ende” ganz unaufgeregt und poetisch stark die Liebesgeschichte zwischen Winona und Peg. Für die Zärtlichkeit, mit der Barry diese Liebe beschreibt, möchte man den irischen Schriftsteller aus Dublin einmal sehr dankbar umarmen. Denn es spielt bei ihm nie eine große Rolle, wer wen liebt, so wie es eigentlich nie eine Rolle spielen sollte, sondern nur, dass geliebt wird.

Die USA ein zerrissenes Land

Am Ende des Romans ahnen die Leser*innen, wie es zugegangen sein muss in dem zerrissenen, jungen Land, das gerade einen Bürgerkrieg überstanden hatte und so viele unterschiedliche Lebensvorstellung in aller Vehemenz unter einen nationalen Hut zwängen wollte. Es zeigt, wie alt manche Kämpfe sind, die in den USA 150 Jahre später noch immer geführt werden. Ein Roman, der durch historische Einsicht, soziale Weitsicht und ein großes Verständnis für die Liebe geradezu prädestiniert ist im Jahr 2020 gelesen zu werden.

Sebastian Barrys “Tausend Monde” bei Steidl im Hardcover für 24 Euro. 256 Seiten übersetzt von Hans-Christian Oeser. Erhältlich unter anderem in der fantastischen Autorenbuchhandlung am Savignyplatz.

*Die Rezension wurde auch auf soundsandbooks.com veröffentlicht.

Wo das Eismeer verzaubert – Rezension

Das schriftstellerische Debüt der kanadischen Sängerin Tanya Tagaq

Tanya Tagaq erspart ihren Leser*innen nichts und schenkt im Gegenzug einen Einblick in das Dasein und den Überlebenskampf der Inuit im Norden Kanadas. Die teils biografische Geschichte wird zu einer Erzählung über die Schönheit der Mythen und die Stärke der Frau.

„Splitt Tooth“ heißt das Buch im Original, erschienen 2018 bei Penguin, das auf Deutsch den Titel „Eisfuchs“ bekommt. Gewidmet hat Tagaq das Buch den „Überlebenden der Residential Schools“, also jenen Schüler*innen, die getrennt von ihren Eltern der eigenen Kultur entfremdet wurden und die ihre Sprache vergessen mussten, um Englisch und Französisch zu lernen. 

Der erste Abschnitt führt dann auch gleich mitten hinein in einen Abend voller Alkohol und Haltlosigkeit einer Gesellschaft, der Tradition und damit Identität genommen wurde. Die Kinder finden in dieser Erwachsenenwelt keinen Platz und noch weniger Halt, sie haben manchmal einander und verkriechen sich in ihr Versteck.

Tanya Tagaq schreibt in der Ich-Perspektive und beginnt ihre Geschichte mit dem Jahr 1975, das Jahr in dem sie am Rande des Eismeeres in Cambridge Bay, heute Nunavut geboren wurde. Sie ist bisher als Sängerin für den sonst traditionellen Vokalgesangs bekannt, den sie ganz eigen interpretiert und mit viel Poesie verbindet. Diese Poesie findet sich auch in ihrem Schriftstellerinnen-Debüt in Form von Gedichten wieder, die am Anfang eines jeden Kapitels stehen und in der Beschreibung der Natur, die aus Tundra und Eismeer besteht.

Das Eismeer ist die Größe, die die Erzählung zusammen hält. Denn dort auf dem Wasser spielen die Kinder mitunter lebensgefährliche Spiele im Sommer, wenn sie Tag und Nacht quasi autonom draußen verbringen. Während der dunklen Wintermonate hingegen müssen sie in den Häusern ausharren und sind besonders dann den explodierenden Emotionen und dem Missbrauch der Erwachsenen ausgesetzt. Immer versuchen sie sich abzulenken, schnüffeln Klebstoff und sammeln Zigarettenstummel, die sie heimlich in ihren Verstecken rauchen. Es gilt wie auf jedem Schulhof das Gesetz des Stärkeren oder eben auch Cooleren und wer es in diese Kategorien nicht schafft, versucht sich in Unauffälligkeit zu verkriechen. 

Das Buch wird besonders dann stark, wo es in die Mythen der Inuit eintaucht, Raum und Zeit aufbricht und wo sich alte Sagen mit dem modernen Leben vermischen und die Ich-Erzählerin loslässt, aufmacht für das Unausgesprochene. Denn, ihre Vorfahren können ein trauriges Lied davon singen, die größte Pein ist nie die tödliche Gleichgültigkeit der Natur sondern die Gewalt der Menschen, die immerzu missionieren und zerstören.

Wer sich einlassen kann auf diese assoziative Erzählung und mit dem jungen Mädchen hinab gleitet in die Tiefe des Eismeeres, findet dort ein kleines bisschen Magie und Freiheit und das Wissen um die Stärke der Frauen. Denn am Ende ist es ein Buch nicht nur für die Überlebenden sondern auch „für die verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas“.

Tanya Tagaq „Eisfuchs“ bei Kunstmann für 20,- Euro, 196 Seiten. Erhältlich unter anderem in diesem Kleinod „Zabriskie“ in Berlin-Kreuzberg.

*Die Rezension wurde auch auf soundsandbooks.com veröffentlicht.

Warum „1917“ kein moderner Antikriegsfilm ist

Review: ‘1917’ Might Be The Best Movie Of 2019

Warum „1917“ kein moderner Antikriegsfilm ist

Mit dem viel gelobten Kriegsfilm „1917“ wird ein einfacher Plot technisch präzise erzählt. Die Geschichte um zwei junge Soldaten bringt die Schrecken und das Elend des Krieges zurück, wie wir ihn von “ Der Soldat James Ryan“ kennen. Doch heute brauchen wir ganz andere Antikriegsfilme.

“1917” ist ein solider Film, der eine simple Geschichte dramaturgisch gekonnt erzählt und herausragt durch die technisch versierte Kameraführung unter Leitung von Roger Deakins. Die zwei jungen, englischen Soldaten Blake und Schofield sollen innerhalb kürzester Zeit feindliches Gebiet durchqueren, um eine Einheit von 1600 Soldaten vor einem Hinterhalt zu bewahren. Schaffen die beiden jungen Männer es, retten sie die Einheit und mit ihr den älteren Bruder Blakes vor einem Massaker.

Getragen wird die Geschichte von der schauspielerischen Leistung der Hauptfigur Schofield verkörpert von George MacKay.  Regisseur Sam Mendes hat das Drehbuch zusammen mit Krysty Wilson-Cairnes geschrieben und darin einige Familiengeschichten verwoben. Produziert wurde der Film von Spielbergs Firma Amblin Partners, womit die Eckdaten den Horizont des Films bereits feststecken. Denn abgesehen von der viel gerühmten Kameraführung unterscheidet sich “1917” weder ästhetisch noch im Handlungsprinzip sonderlich von Spielbergs zwanzig Jahre älterem Film “Der Soldat James Ryan”.

Voraussehbare Handlung festgefahren in alten Rollenbildern
“1917” verlässt sich auf Geschichten und Bilder, die wir alle kennen, die Meisten von uns wohlgemerkt nur als Fiktion. Er bedient typische #Rollenbilder der Vorkriegszeit. Besonders gut dargestellt wird das mit der Szene einer jungen Französin, die nichts zur Handlung des Filmes beiträgt. Diese junge Frau lebt als einzig Zurückgebliebene in den Ruinen einer von deutschen Soldaten vollkommen zerstörten Kleinstadt und kümmert sich zudem um ein verwaistes Baby. Warum sie allein dort in den Trümmern kauert, ständig der potentiellen Gefahr ausgesetzt von deutschen Soldaten entdeckt zu werden, bleibt unklar. Ihre einzige Aufgabe ist es die Wunde des Hauptprotagonisten zu versorgen, um ihn kurz darauf ängstlich zu bitten, noch bei ihr zu bleiben. Der Soldat muss ablehnen und lässt die Frau und das Baby allein im Kellerloch zurück.

Warum es Antikriegsfilme geben muss
Zumindest hätte die Story um die beiden Soldaten zu Ende gedacht werden können. Wäre alles umsonst gewesen mit einem Massaker an der zu rettenden Einheit, so wäre die Sinnlosigkeit des Krieges, seine Grausamkeit in Ansätzen vor Augen geführt worden. Krieg ist Schrecken, Tod und Wahnsinn an dessen Ende noch viele Jahrzehnte meist stummes Leid die nächsten Generationen beeinflusst. In „1917“ aber hat er einen Sinn und kaum jemand fragt sich (bis auf einen englischen Soldaten), was sie eigentlich in diesem fremden Frankreich tun, dessen Sprache die meisten der Soldaten nicht sprechen und dessen Kultur ihnen nicht eigen ist.

Fast jede Handlung im Film ist vorauszusehen von den Explosionen im ehemaligen Feindesland über die Beziehung Schofields and Blakes zueinander bis zum rettenden Ende. Dazu werden Muster bespielt, die wir seit Jahren überwinden wollen. Warum sie alle noch einmal aufrollen? 

#Patriarchale Gesellschaften sind geneigter Kriege zu führen, das lehrt uns eine Jahrtausende alte Geschichte. Das alte Rollendenken aufzubrechen ist deshalb keine Option sondern langfristig obligatorisch, um eine plurale, gerechtere Welt zu ermöglichen, die sich darauf konzentriert den Planeten nicht noch mehr auszubeuten und zu zerstören. 

Ein moderner Kriegsfilm sollte auf genau diese Gefahren hinweisen und könnte sich zudem an aktuellen Krisen abarbeiten, wie jene im Nahen Osten. Dort sollten Antikriegsfilme angelegt sein und nicht im weißen, post-kolonialen Europa des Fin de Siècle, dass vor hundert Jahren im Großen Krieg ein erstes, langsames Ende fand.

“1917” läuft seit dem 16.1. in den deutschen Kinos.

Residenzschloss Altenburg – In Vielfalt geeint

Wo Playmobil den Barock in den Schatten stellt

Schon immer stand es dort oben, dieses kastenartige Schloß, groß und schwer. Lange Zeit waren der Park und das Grün drum herum viel interessanter, irgendwie lebendiger. Doch schließlich ging es die steile Auffahrt hinauf, durch die barocke Toranlage und dann noch einmal durch einen mittelalterlichen Torturm hinein in den großen Schlosshof des Residenzschloss Altenburg.

Und dort steht man dann einem architektonischen Stilmix gegenüber, der eher an eine Patchwork-Familie erinnert, die zusammen bastelt und denkt, was mit der Zeit eben so zusammen kommt. Die aktuelle Playmobil-Ausstellung „Winterzauber“ scheint auch ganz in diesem Sinne Tür und Tor des Schlosses für Familien zu öffnen. Dass es Kinder allerdings nicht immer so einfach hatten in dem 800 Jahre alten Gebäude, mussten Ernst und Albrecht einst am eigenen Leib erfahren.

Kunz von Kauffungen klaut kleine Kinder

Eingegangen in die Geschichte ist die Kindesentführung von Ernst und Albrecht als „Sächsischer Prinzenraub“ anno 1455, zu einer Zeit, in der es noch poetische Namen gab. Es waren die Söhne von Friedrich dem Sanftmütigen, die damals unter einiger Anstrengung aus den burgähnlichen Schlafgemächern geraubt worden waren. Kunz und seine Kumpanen nutzten dafür wahrscheinlich ein kompliziertes Leitergerüst, das an dem steilen Porphyrfelsen, auf dem das Schloss Altenburg steht, fest gemacht werden konnte. Heute ist besagte Leiter neben diversen Gemälden zur Entführung im Schloss zu sehen. Trotz langer Vorbereitungen und einiger Helfershelfer seitens der Entführer konnten die Prinzen Albrecht und Ernst am Ende befreit werden und Kunz wurde einen Kopf kürzer gemacht. Dabei stellte sich bereits schon damals die nicht ganz unberechtigte Frage, ob Friedrich der Sanftmütige den richtigen Namen trug.

Spaß in Klein für die Jüngsten

Über 500 Jahre später wird man im Erdgeschoss und dem ersten Stock des Residenzschlosses von aufgeregten Kindern und ihrem Gefolge dank der Playmobil-Ausstellung begrüßt. Im „Winterzauber“ findet man dann auch alles, was in so ein Schloss gehört: Prinzessinnen, Ritter und Drachen, die kunstvoll in kleinen Modellandschaften drapiert wurden. Die jugendfreie Form einer „Game of Thrones“- Schlacht findet man im prunkvollen Johann-Sebastian-Bach-Saal gebührend untermalt von dramatischer Musik aus Lautsprechern, die nicht ganz so gut versteckt zwischen diversen golden verzierten Säulen stehen. Sicher wären auch die Jungs des Sanftmütigen von dem Spektakel begeistert gewesen. Die heutigen Zehnjährigen jedenfalls flitzten über das gewienerte Parkett und schlossen Wetten darüber ab, wie viele Playmobil-Pferde insgesamt verbaut worden waren.

Zurück in die Vergangenheit

Entkommt man dem Gewusel der ersten beiden Etagen, gelangt man in die Welt der letzten zwei Jahrhunderte, um sich just vom Stammbaum der herzoglichen Familie von Sachsen-Altenburg umgeben zu sehen. Streng und sanftmütig oder auch lächelnd und grimmig schauen die Ernste und Elisabeths mehrerer Generationen auf die BesucherInnen des 21. Jahrhunderts herab. Neben den repräsentativen Räumen, die wunderschön anzusehen und wahrscheinlich genauso unbequem zu bewohnen sind, gibt es eine Bibliothek, inklusive Holzregale voll mit alten Büchern und einen langgezogenen Tisch, der voll beladen ist mit Faksimilen. Und hier kann man sein und die Ahnen der herzoglichen Familie vor dem geistigen Auge ein- und ausgehen sehen. 

Ein Stockwerk weiter oben bewegt man sich konsequent zurück in der Zeitlinie. Es würde nicht weiter verwundern, käme einer jener barocken Damen in vollem Gewand um die Ecke gerauscht, die kokett lächelnd an der Wand hängen, auf dem Kopf eine kunstvoll nach oben getürmte und weiß gepuderte Perücke, verziert mit Perlen und Schleifen. Und ein wenig versteckt nach Bibliotheken, Kaminzimmern und Gemächern, findet sich hinten links, einmal um die Ecke gebogen, eine alte Tafel, wie sie wohl nach einer Jagd im 17. Jahrhundert ausgesehen hätte. Tiefgrünes, traditionell hergestelltes Geschirr ziert den Holztisch und schließt man die Augen, hört man beinah das Getrappel von Hufen und die Stiefel der Jagdgesellschaft auf dem Schlosshof.

Buntes Stil-Potpourri mit Hausmannsturm

Zurück im Schlosshof dominiert der blassblaue Winterhimmel den Architektur-Mix vieler Jahrhunderte. Da mischt sich gotische Architektur mit neogotischen und barocken Fassaden nebst Gestaltungselementen der Renaissance. Dabei nicht zu übersehen, ist der hübsch weiß getünchte, pummelige Hausmannsturm, der einst in roten Ziegelsteinen leuchtete und als Wachturm diente. Nicht nur als geographisch krönenden Abschluss sollte man sich unbedingt diesen Turm ansehen und trotz der Gefahr eines leichten Schwindels den Wendelaufstieg nach oben klettern. Denn dort oben landet man in einem rustikal, winzigen Aussichtsbereich, der so gemütlich anmutet, dass man es sich direkt neben dem Ofen bequem machen möchte. Dieser steht im wahrscheinlich kleinsten Küchenformat, bevor die Welt praktische IKEA-Lösungen kannte. Dazu gibt es eine umwerfende Aussicht über das Altenburger Land. Und auch wenn im Winter das Braune manchmal zu überwiegen scheint, so geht der Blick doch weit und Immergrün findet sich, wenn man es denn finden will, dort unten im Park.

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Schloss Bückeburg

Der Ort, an dem sich Currywurst und Schaumwein treffen

Bei dem Namen Schaumburg-Lippe perlt das Bild von Schaumwein an meine Bewusstseinsoberfläche. Dazu denke ich an volle Marzipanröschen und kleine Törtchen, überzogen mit feinem Zuckerguss. Ich denke ganz sicher nicht an einen Ort, wo angeblich die Currywurst erfunden wurde. Als überzeugte Wahlberlinerin stößt mir diese Behauptung natürlich auf, die ich da auf einem kleinen Plastikschild in der Schlossküche von Bückeburg, dem Familiensitz der Schaumburg-Lippes, lese. Hektisch befrage ich Wikipedia. Auch dort ordnet man die Currywurst Herta Heuwer zu, ansässig in Berlin-Charlottenburg. Sehr wahrscheinlich war noch Frank Friedrich beteiligt, ein Schlachter. Er erfand die Wurst ohne Darm und rührte wesentlich an der Saucenentwicklung für die Currywurst mit. Weit und breit kein Hinweis auf Schloss Bückeburg und einen seiner Köche aus dem Jahr 1946. Mein Weltbild rückt sich wieder gerade.Café-Restaurant „Alte Schlossküche“, (c) Fürstliche Schlossverwaltung, Bückeburg

Wir sitzen an einem Maimorgen in eben jener Bückeburger Schlossküche und frühstücken auf unserer fünfwöchigen Rundreise durch Westeuropa zum letzten Mal. Wir sind müde, von Eindrücken und Erlebnissen gesättigt und warten nun auf den Kaffee. Da fällt mein Blick auf eben jenes kleine Plastikschildchen, das stolz die Erfindung der Currywurst verkündet. Die deutscheste aller Würste, die es zu internationaler Bekanntheit und in Berlin immerhin für einige Zeit zu einem eigenen Museum gebracht hat, wird auf Schloss Bückeburg unter anderem in einer extravaganten Kombination mit Schaumwein angeboten, eine Luxus-Variante der Currywurst also. Ich muss schmunzeln und bedanke mich für meinen Kaffee. Die Currywurst mit Sekt verzehren zu wollen, kommt für mich einem Sakrileg gleich (es gehören fettige Fritten und billiges, lauwarmes Bier zum eigentlichen Genuss, am besten stehend verzehrt bei Konopkes in der Schönhauser Allee). Und so trotte ich ohne Currywurst zum traditionellen Frühstücksbuffet, das für nahezu alle Gaumen etwas bereitstellt. Vom Müsli, über Antipastigemüse und traditionelle Käse-, Wurstvariationen bis hin zum Rührei und Bacon findet man fast alles in der alten Schlossküche. Der deutsche Frühstücksmagen wird zudem mit Konfitüre und Brötchen zufriedengestellt. Eine kleine Obstauswahl dazu, es fehlt eigentlich nur der Haferbrei.

700 Jahre Schlossgeschichte und was Voltaire auf Bückeburg zu suchen hatte

Als wir am Abend zuvor unseren Van auf das Gelände des Schlossparkes lenkten, hatten wir zugegebenermaßen keine Ahnung, auf welche Perle wir hier westlich von Minden stoßen sollten. Wir gehören nicht zu den perfekten Urlaubsplanern. Vielmehr folgen wir einer groben Idee, mäandern dann glücklich durch die Umgebung und finden kleine Schätze wie eben Schloss Bückeburg. Von der A2 abgefahren, tauchten wir ein in grüne Hügellandschaften, die tief atmen ließen. Sie führten vorbei an alten Stallungen, die in roten Backsteingebäuden untergebracht waren. Der Platz neben dem Schloss, den wir über unsere Camper-App gefunden hatten und auf dem man für sieben Euro übernachten darf, ist von der besseren Sorte. Es gibt Elektrizität und leicht gedämmte Laternen. Es hatten sich bereits drei Wohnwagen an jeweils einer Ecke positioniert, als wir ankamen. Wir bezogen die vierte und gingen im Dämmerlicht auf Wanderschaft.Perfekt für Nachtschwärmer, (c) Susanne Thiel, Berlin

Was ich in diesem Moment noch nicht kenne, mir aber anschließend grob anlese, ist die 700 Jahre alte Familiengeschichte der Schaumburg-Lippes. Sie unterscheidet sich eklatant von der meinigen (abgesehen vom damals recht häufig vergebenen und heute leicht archaisch anmutenden Männernamen „Ernst“). Im Mittelalter errichtet und konsequent als Befestigungsanlage ausgebaut, wurde der Schlossherr Ernst von Holstein-Schaumburg zu Zeiten der Renaissance zum Fürsten ernannt. Fröhlich expandierte er in das kleine Bückeburg, das dadurch neue Straßen und frühbarocke Fassaden erhielt.

Was mich aber besonders fasziniert, sind die Besuche von Voltaire. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde er hier für seinen Roman “Candide” inspiriert. Der französische Aufklärer kritisierte mit seiner bekannten Romansatire das optimistische Weltbild Gottfried Wilhelm Leibnitz‘: „Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie sind dann bloß die anderen?“ Seinen naiven Romanhelden Candide ließ er auf einem Schloss groß werden, für das Bückeburg Pate stand. Man nahm es ihm nicht übel. So scheint sich denn der Bogen von den französischen Nachbarn bis ins Heute zu spannen, während man dem „Savoir Vivre“ in der Brasserie „Lillys“ begegnen kann, auf die wir bei unserem Rundgang im Schlosspark gleich noch stoßen werden.Blick auf die Rückfront von Schloss Bückeburg, (c) Susanne Thiel, BerlinBückeburg

Ein liebevoller Blick zu den Nachbarn – „Savoir Vivre“ in Niedersachsen

Was wir allerdings bei unserem Spaziergang zuerst sehen, sind der ehemalige Marstall, eine kleine Koppel, ein Burggraben um das Schloss und all das eingefasst von einem sehr grünen Park mit vielen unterschiedlichen Baumarten. Das frühbarocke Portal, das auf das Gelände führt, übersehen wir trotz seines Prunks fast. Die ausladenden Baumwipfel der teilweise seltenen Baumarten übernehmen die Regie hier draußen und lenken den Blick ins frische Grün. Es riecht nach Frühling, und wir ignorieren geflissentlich die aufziehenden Wolken am Abendhimmel. Freudig überrascht finden wir am anderen Ende des Parks, ein wenig versteckt, „Lilly’s Brasserie“. Verwirrenderweise lädt man hier zum Fine Dining ein (als ob es die Franzosen nötig hätten, ihr fantastisches Essen zu kategorisieren). Eingehüllt in Decken sitzen wir draußen im Biergarten und haben die Wahl zwischen Exquisitem, wie französischen Schnecken oder Flammkuchen, und dem eher handfesten Burger. Wir waren gerade in Frankreich, wo ich mich tapfer durch ein Schneckengericht gemüht hatte, weshalb ich jetzt den Burger wähle. Die Fritten dazu sind absolut unschlagbar. Sie werden von einem sehr freundlichen Kellner serviert, der von unserer abendlichen Geschwätzigkeit ein bisschen überrascht scheint. Savoir vivre? Oui, absolument – wir folgen dem Motto der Brasserie liebend gern und denken „La vie est belle“. Hier draußen im abendlichen Dämmerlicht von Bückeburg ganz sicher.

Als wir später am Abend in großer Stille in unserem Van einschlafen, wissen wir noch nicht, dass Schloss Bückeburg auch am nächsten Morgen Überraschungen für uns bereithalten wird. Vor dem launischen Wetter werden wir nämlich mitsamt Windhund in der warmen Schlossküche Unterschlupf finden, um auf das Rätsel der Currywurst und ein gutes Frühstücksbuffet zu treffen.

Dieser Artikel ist ebenfalls erschienen für Schlösser und Gärten Deutschland und zu finden unter dem link https://www.sgd-zu-tisch.de/de/schloss-bueckeburg/

Im Spiegelkabinett – Rezension

Im Spiegelkabinett

Die 30jährige US-Amerikanerin Jia Tolentino schreibt einen klugen und unterhaltsamen Essayband aus Sicht einer #Millennial und trifft dabei mit großer Leichtigkeit Ton und Themen unserer Zeit. 

„Ecstasy verwandelt dich in die beste Version deiner selbst, ohne dass du dabei deinen psychologischen Rucksack mit dir herumschleppst,“ resümiert die Journalistin des New Yorker nach ungefähr der Hälfte ihres Essaybandes „Trick Mirror“. In dem Essay „Ecstasy“ verhandelt Tolentino die Gemeinsamkeiten der Droge MDMA und der Religion (als einen Weg zu transzendentaler Erfahrung) und wie alles in diesem Band fußt der Vergleich auf eigenen Erfahrungen. Dabei schont sich Tolentino zu keinem Zeitpunkt, verherrlicht nicht und legt präzise offen, was sie (und viele ihrer Generation) ausmacht. Mühelos zieht sie Parallelen zwischen dem Aufwachsen im digitalen Zeitalter “The I in the Internet” und dem Wertesystem der Millennials „The Story of a Generation in Seven Scams”.

Jia Tolentino wird 1988 in Toronto geboren. Ihre Eltern, die von den Philippinen stammen, ziehen mit ihrer Tochter vier Jahre später nach Houston in Texas, wo die begabte Jia in einer Megachurch aufwächst und bereits mit vier Jahren eingeschult wird. Mit 16 Jahren nimmt sie an einer Reality TV-Show auf Costa Rica teil und entscheidet sich danach aus finanziellen Gründen gegen ein Studium an der Elite-Universität Yale. Mit 20 schließt sie sich dem UN-Friedenskorps an und geht nach Kirgisistan, das sie ein Jahr später wieder verlässt. Schließlich zieht Tolentino 2014 nach New York, wo sie zuerst für das feministische Online-Magazin Jezebel und seit letztem Jahr für den New Yorker schreibt.

Und schreiben kann sie. Mit Esprit und Witz mischt die Autorin in das vom Internet gefärbte, manchmal schnoddrige Englisch kluge Ausführungen und hält sich dabei immer klar, auch wenn sie inhaltlich ausschweift. Da geht dem Essay über Ecstasy nicht ohne Ironie „Pure Heroine“ voraus, wo es mitnichten um Heroin sondern vielmehr um den Einfluss weiblicher Heldinnen in der Literatur geht. Tolentinos Herzensthema, der Feminismus, wird hier mit den literarischen Heldinnen eingeführt, die wir fast alle kennen –  von Anne auf Green Gables, über die Virgin Suicides bis hin zu Anna Karenina. Mithilfe theoretischer Unterstützung der Beauvoir zeigt die Autorin wie diese Figuren als Exempel stehen für weibliches Leben in unserer Gesellschaft. In diesen Leben sind die festen Parameter Sex, Familie und Häuslichkeit, bzw. die Abwesenheit dessen.

Allein fünf der neun Essays beleuchten feministische Themen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Durch die persönliche Ebene von der aus Tolentino mit ihren Überlegungen beginnt, zeigt sie sich teilweise verwundbar und hebt ihre eigenen Privilegien hervor. In “We Come from Old Virginia” geht sie auf die Vergewaltigungsvorwürfe an der Universität von Virginia ein, wo sie selbst studierte. Dabei muss sie sich die Frage stellen, wie lange sie nicht hinsehen, Sexismus als solchen nicht erkennen wollte und somit Teil des Problems war. So kommt Tolentino an den Dreh- und Angelpunkt ihres Schreibens: Sie versucht sich und unsere hypernervöse, konkurrierende, durch und durch monetisierte Welt besser zu verstehen und dem Sexismus und Rassismus einen Spiegel vorzuhalten. Und das führt manchmal dazu, geradewegs in das eigene Spiegelbild der Selbsttäuschung zu blicken.

Jia Tolentino „Trick Mirror“ bei 4th Estate für 13,- Euro, ca. 290 Seiten. Unter anderem erhältlich bei der besten Version eines Buchladens, in der es neben Büchern auch den besten Kaffee und leckere Bagels gibt: Shakespeare and Sons in Friedrichshain.