Er kam aus Mariupol

Bis Anfang März waren circa 70 000 Ukrainer*innen in Berlin angekommen und suchten nach einer Unterkunft. In den ersten beiden Wochen hat ein Bündnis aus Freiwilligen am Berliner Hauptbahnhof die Vermittlung organisiert. Mit einem der Freiwilligen konnte ich sprechen. Eine ausführlichere Version des Artikels erschien am 9. März auf Siegessäule. //

Es ist zugig am Berliner Hauptbahnhof an diesem Dienstagmittag. Eine Gruppe von sechs Freiwilligen steht hinter einem großen Tisch, auf dem Listen für Unterkünfte und Informationszettel für Ankommende liegen. Die bunten Queer- und Transgender-Flaggen sind nicht nur auf den Westen der Helfer*innen angebracht. Auch hinter ihrem Stand sind sie deutlich zu sehen. Rechts gibt es einen Treffpunkt, der BPoC-Geflüchteten gilt, ebenfalls deutlich markiert mit Schildern. Unweit davon stehen die einzigen Polizist*innen, die in diesem Bereich des Bahnhofs zu sehen sind.

Patrick trägt eine dicke Winterjacke und Mütze. Über eine Telegram–Gruppe haben sich die Freiwilligen der LGBTIQ+ – Gruppe organisiert. Er ist seit einigen Tagen am Berliner Hauptbahnhof und hilft. In zwei Stunden-Schichten werden die Freiwilligen eingeteilt, viele bleiben länger. Alle tragen als Kennzeichen eine signalgelbe Weste. Orange ist sie, wenn die Person Russisch oder Ukrainisch sprechen kann.

Der Ankunfts- und Freiwilligen-Bereich ist voller Menschen und wirkt dennoch nicht hektisch. Plakate an Säulen zeigen an, wo es Essenstände, Medikamente und Listen für Unterkünfte gibt. Pfeile auf dem Boden machen die Laufrichtung klar, die von allen konsequent ignoriert wird. Es gibt Kleider- und Sachspenden, in einem hinteren Bereich des Bahnhofs, der weiter Richtung Busbahnhof führt. Von dort aus können die Geflüchteten in verschiedene Städte weiter fahren. Es gibt Busse bis nach Paris. Auch an das Wohl von Tieren denkt man und organisieren über die Berliner Tiertafel Futterspenden.

Der erste Zug aus Polen komme nach neun Uhr, erzählt Patrick und dann gehe es über den ganzen Tag verteilt weiter. Manche Geflüchteten kommen alleine, wie der junge Teenager Y. Er hatte es geschafft aus Mariupol, der eingeschlossenen Hafenstadt im Südosten der Ukraine zu fliehen und war nun in Berlin gelandet. Er wollte weiter nach Nürnberg fahren zu einem Freund, den Y. aber nicht mehr erreichen konnte.

„Ich komme ursprünglich aus Nürnberg,“ berichtet Patrick. Er habe dann seine Community über Instagram kontaktierte und um Hilfe gebeten. Innerhalb kürzester Zeit konnte darüber nicht nur eine Unterkunft für Y. organisiert werden sondern auch die Möglichkeit zu arbeiten. Das sei ihm wichtig gewesen. Auch am Berliner Hauptbahnhof versuchte Y. zu helfen, solange er auf seinen Zug nach Nürnberg wartete und brachte den Freiwilligen Essen. Solche Erfahrungen seien unglaublich erfüllend, schildert Patrick. Auch das Miteinander der Helfer*innen sei enorm wichtig. 

Bisher sind so gut wie alle Angebote freiwillig organisiert. Der Berliner Senat beschloss Anfang März bis zu 20.000 Ukrainer bedarfsgerecht zu versorgen und hat zudem die besondere “Dringlichkeit für die Schaffung einer zusätzlichen Erstaufnahmestruktur festgestellt”. Inzwischen gibt es auch ein Versorgungszelt vor dem Hauptbahnhof.

Interviews mit dem Queerbeauftragten der Bundesregierung Sven Lehmann

Für die aktuellen L-Mag (März/April) und die Printausgabe der Siegessäule (März) habe ich mit Sven Lehmann (Die Grünen) über die Aufgaben seines Amtes, mögliche Herausforderungen in der kommenden Legislaturperiode und die Frage gesprochen, warum ein weißer cis-Mann in das Amt berufen wurde.

„Debatten gegen das Selbstbestimmungsgesetz sind antifeministisch“ – Nyke Slawik & Tessa Ganserer im Interview

Die Grünen-Politikerinnen Nyke Slawik und Tessa Ganserer sind die ersten öffentlich trans geschlechtlich geouteten Frauen im Deutschen Bundestag. Für das Siegessäule Magazin interviewte ich Nyke Slawik und fragte nach, wie sie den Umgang mit ihr als neuer Abgeordneter erlebt und für welche Politik sie sich einsetzen will.

Das Interview mit Tessa Ganserer gibt es in der aktuellen L-Mag.

Das TSG (Transsexuellengesetzt) soll und muss abgeschafft werde. Glauben Sie, dass es einfach wird und die Reform oben auf der Agenda eine Ampel-Koalition steht?

Ich glaube, die Chancen stehen so gut wie noch nie, weil die Fraktion und die Parteien, die vor allem im Bereich Queer-Politik und Selbstbestimmungsrecht am meisten gebremst haben, nicht mehr dabei sind. Das TSG wie es jetzt existiert ist in vielen seinen Formen verfassungswidrig. Bereits zehn Länder in Europa sind den Schritt in Richtung geschlechtlicher Selbstbestimmung gegangen und das ist einfach die Anerkennung, die wir als Politik leisten müssen. Der Tatsache, dass Geschlecht durchaus komplexer und vielfältiger ist als das, was wir traditionell in Geburtsurkunden eingetragen haben, müssen wir endlich Rechnung tragen. 

Wie wollen Sie sich noch als Bundestagsabgeordnete gegen Homo- und Transfeindlichkeit, generell für mehr Gerechtigkeit einsetzen? 

Erst einmal finde ich es sehr wichtig sichtbar zu sein. Ich glaube, es ist ein großes Zeichen an die Community und die Gesellschaft generell, dass jetzt die zwei ersten geouteten  trans* Personen im Bundestag sitzen, dass es außerdem so viele queere Personen wie noch nie mit 22 Abgeordneten im Bundestag gibt. Das ist immer noch verbesserungswürdig, aber es ist ein tolles Zeichen. Unter 16 Jahren CDU-Kanzlerschaft ist viel liegen geblieben. Zum Beispiel die Reformierung des Familienrechts. Familie ist heute vielfältiger als heterosexuelle Ehen. Wir müssen eine Wende machen hin zu der Anerkennung der Regenbogenfamilie und Patchworkfamilien. Es muss möglich sein, als trans* Mann schwanger zu werden und in der Geburtsurkunde als Vater anerkannt zu werden. Gleichzeitig leben wir  in einer Gesellschaft, wo Queerfeindlichkeit auf der Straße und im Internet ein Problem ist. Dagegen müssen wir mit mehr Aufklärungsarbeit herangehen. Wir brauchen ein klares Vorgehen gegen Hass und Gewalt. Wir brauchen auch Sensibilisierung in den Behörden und bei der Polizei. So etwas wie einen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit ist wichtig. 

Erfahren Sie Transfeindlichkeit von Kolleg*innen? Wie ist der Umgang mit Ihnen im Bundestag?

Als politisch aktiver Mensch ist man es schon gewöhnt gerade im Netz immer wieder zur Zielscheibe von Diffamierung und Hasskommentaren zu werden. Ich fand es natürlich auch sehr verletzend wie die AfD mit dem Thema Selbstbestimmungsrecht in der letzten Legislaturperiode umgegangen ist und sich darüber lustig gemacht hat. Aber von den Grünen, aber auch von anderen Fraktionen habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, viel Unterstützung erfahren. Viele sind froh, dass das Parlament diverser geworden ist. Man sieht, dass der gesellschaftliche Wandel, auch wenn er seine Zeit braucht,  irgendwann in der Herzkammer der Demokratie, im Parlament ankommt.

Sie hatten vorhin erwähnt, dass schon viele Länder das Selbstbestimmungsrecht eingeführt haben. In Großbritannien gab es eine große Debatte um Kathleen Stock, lesbische Philosophieprofessorin und Feministin, die sich gegen das Selbstbestimmunsgrecht ausspricht. Sie wurde in den deutschen Medien lange als Opfer beschrieben, langsam wird das Bild etwas differenzierter dargestellt. Wie positionieren Sie sich bei solchen Auseinandersetzungen?

Einerseits freue ich mich natürlich, dass das Thema Trans und die Diskriminierung die trans* Personen erfahren inzwischen eine größere Aufmerksamkeit erfährt. Die Kehrseite ist, dass auch transfeindliche Debatten viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mit Leuten, die mit krassen Vorurteilen und Fake News ins Feld ziehen, versuche ich immer möglichst sachlich umzugehen. Wir müssen noch mehr aufklären und Ängste nehmen und verstehen, dass der Stempel “männlich”/“weiblich” der gesamten menschlichen Natur nicht gerecht wird. Denn trans* Personen, intergeschlechtliche und nicht binäre Menschen existieren. Wir sind zwar eine Minderheit, aber wir haben ein Recht darauf anerkannt zu werden. Meiner Meinung nach sind transfeindlichen Debatten, die sich gegen das Selbstbestimmungsrecht stellen, auch zutiefst anti-feministisch. Denn das Ziel des Feminismus muss es doch eigentlich sein, aus einer gesellschaftlichen und staatlichen Kontrolle auszubrechen und Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen … und ebenso ein selbstbestimmtes Handeln über ihren Körper. Dabei ist es egal, ob das jetzt das Recht auf Abtreibung ist oder das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung. Das sind ja die gleichen patriarchalen Strukturen gegen die wir uns wenden. 

Katerstimmung dank Franziska Giffey

Ein Kommentar zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 26. September erschienen im Siegessäule-Magazin. //

Nach dem letzten Wochenende fühlt sich die progressive Berliner*in wie nach einer dieser unangenehmen Partynächte: Es fing richtig gut an mit dem Klimastreik am Freitag und seinen über 100 000 Teilnehmer*innen. Zwischendurch gab es noch mal einen Höhepunkt mit einer grünen Partei bei über 23 Prozent. Der Abend endete dann in einer Ausnüchterungszelle mit der Aussicht auf einen Senat in Deutschlandfarben. Oder würde die konservative SPDlerin Franziska Giffey doch mit den Linken koalieren, wenn sie müsste?

CDU-nahe Slogans

Die SPD gewinnt die Wahlen um das Berliner Abgeordnetenhaus und mit ihr die Spitzenkandidatin Franziska Giffey. Selbige zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit CDU-nahen Wahlslogans in das Rennen ging („Ganz sicher Berlin“) und die Stadt an der Spree mit New York in den 80ern zu verwechseln schien. Auch ist Giffeys Vorstellung, wie der Wohnungsnot begegnet werden könnte, eher bei den Konservativen und Liberalen wieder zu finden (bauen, bauen, bauen). Deshalb also die Vermutung, dass sich die ehemalige Familienministerin und Ex-Bürgermeisterin von Neukölln eine Koalition mit der CDU und der FDP wünscht.

Damit entspricht sie nicht den Vorstellungen der links ausgerichteten Berliner SPD. Aber Franziska Giffey will unbedingt regieren, das hat sie bewiesen, indem sie in den letzten Wochen bereits viele Gesetzesvorhaben blockierte, obwohl sie noch keine Stimme im Senat hatte.

Mit der Brückenbauerin Bettina Jarasch hingegen wäre eine Koalition möglich, wenn es dort Einigungen über grüne Themen wie die Mobilitätswende gäbe. Franziska Giffey vertritt auch hier eher die konservative Linie gegen eine autofreie Innenstadt. Sie will hingegen den Nahverkehr ausbauen und mehr Elektrofahrzeuge in die Stadt bringen. Wie das genau funktionieren soll, ist nicht klar.

Enteignen: nicht mit Giffey

Außerdem braucht es eine dritte Partei als Koalitionspartner. Doch Welten trennen die geborene Frankfurterin (an der Oder) von der Linken. Die Partei um den Kultursenator Klaus Lederer unterstützt nicht nur ein strukturpolitisch progressives Berlin im Bereich Kultur. Die Linke steht hinter dem Volksentscheid zur Vergesellschaftung der Deutsche Wohnen und Co., der am Sonntag immerhin eine Mehrheit ergattert hat.

Aber genau an diesem Punkt gibt es eine „rote Linie“ für Franziska Giffey. Da der Volksentscheid nicht bindend ist, wird sie ihn wohl nicht umsetzen. Als Koalitionspartner kämen ihr da die CDU um Kai Wegner, der sich ein Bündnis mit der SPD nach eigenen Worten gut vorstellen kann, und mit der FDP genau richtig.

An diesem Punkt stellt sich nun die Frage, wie eine Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey sich für die Rechte der queeren Community einsetzen will, wo sie gerade mit der CDU auf Bundesebene im Bezug auf die Änderung des „Transsexuellengesetzes“ auf keinen grünen Zweig kam. Die Verhandlungen dazu wurden von der SPD abgebrochen.

Düstere Aussicht für alternative Projekte

Medienwirksam lächelt Giffey zwar gerne mit bekannten Gesichtern aus der Berliner Community in die Kamera, wie zum Beispiel in einem Wahlkampfvideo mit Frank Wilde, Johannes Kram und Stephanie Kuhnen, und auch findet sie es gut, dass es Orte wie das Schwule Museum gibt. Doch lässt es sich darin schlecht wohnen. Dass gerade queere Menschen eher von sozialer Benachteiligung betroffen sind als die heteronormative Mehrheit scheint ihr im Grunde egal zu sein, wenn sie den sozialen Wohnungsmarkt nicht im Blick hat. Queere Infrastrukturen sind noch immer gefährdet, gerade in einer Stadt mit Wohnungsnot. Ideen hatte Franziska Giffey dazu bisher keine.

Im Prinzip ist es recht einfach. Wer in die sehr nahe Zukunft schauen will, sieht sich an, wie Franziska Giffey sich bisher zu links-alternativen queeren Wohnprojekten geäußert hat. Gerade hier aber gäbe es weiterhin viel zu tun, denn auch der bisherige rot-rot-grüne Senat hat Baustellen hinterlassen. Wie bei der Wagenburg Mollies, die noch immer nach einem geeigneten Ort für ihr Projekt sucht und letztes Jahr unter anderem Zuspruch von der Sprecherin für Stadtentwicklung der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Katalin Gennberg, erhalten hatte.

Passiert ist bisher wenig. Immerhin versucht die Linke, die Wagenplätzen zu legalisieren, um so alternative Lebensformen zu sichern.

Ob das unter einer regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey auch möglich wäre?

„Es geht um Teilhabe“ – Elena Schmidt im Interview

Mit Elena Schmidt, festem Ensemble Mitglied am Berliner Maxim Gorki Theater, treffe ich mich das erste Mal im Frühjahr 2020 und spreche über künstlerische Arbeit am Theater innerhalb eines patriarchalen, gewinnorientierten Wirtschaftssystem. Im Februar unterzeichnet Elena das Actout_Manifest. Für die queeren Magazine Siegessäule und L-Mag treffen wir uns online wieder und sprechen über die Reaktionen auf die Actout-Kampagne.

Elena, du hast an der Aktion #actout teilgenommen. Was hast du dir davon erhofft?

Aufmerksamkeit, Solidarität, Dialog und aktive Veränderung. Viele Menschen denken, dass bei „uns“ Homosexualität schon längst kein Problem mehr sei. Diese Annahme besteht um so mehr, wenn es um die Kunst-, Film- und Theaterbereiche geht. Es wird angenommen, dass sie „noch freier“ sind als der Rest der Gesellschaft. Quasi die Avantgarde. Leider stimmt das so nicht. Das spüren wir queere Menschen tagtäglich in unserem Berufsleben. Die meisten Institutionen der darstellenden Künste verurteilen Diskriminierungen, während sie strukturell in den Betrieben weiter reproduziert werden. Nach außen hin wird sich also gegen Ungerechtigkeit positioniert, während die Arbeitsrealitäten und Inhalte vom Gegenteil erzählen.

Kannst du Beispiele nennen?

Was die Sichtbarkeit diverser Charaktere anbelangt, ist noch sehr viel zu tun. Es werden hauptsächlich weiße, cis-heteronormative Positionen verhandelt, was eine sehr beschränkte Darstellung unserer Welt ist. Dadurch werden die gewaltvollen Mechanismen unserer Dominanzgesellschaft immer wieder belebt. Und alles außerhalb der Norm Gelebte, spielt entweder gar keine Rolle oder wird extrem stereotypisiert. Zum Beispiel wurde ich an einer Schauspielschule mit der Begründung abgelehnt, zu viel Kraft zu haben und auf einer anderen vier Jahren lang dazu angehalten, an meiner „Weiblichkeit“ zu arbeiten.

Hat sich die Hoffnung erfüllt, Aufmerksamkeit zu erlangen, aktive Veränderung anzustoßen?

Zum Teil ja. Momentan bin ich sehr froh und dankbar für die Aufmerksamkeit, die diese Aktion weltweit erreichen konnte. Es gab aber auch einige sehr ignorante Reaktionen, die sichtbar gemacht haben, dass schlichtweg Bildung fehlt. Es ist schmerzhaft, wenn Unwissenheit in verletzenden und gefährlichen, sogenannten Meinungen mündet. Da ist noch sehr viel zu tun, um in einen wirklich nachhaltigen Dialog zu gelangen.

Die Journalistin Sandra Kegel hat in der FAZ einen Kommentar zu #actout geschrieben und darin kurz gefasst die Notwendigkeit für eine solche Aktion abgesprochen. Es ginge ja nicht um Leben und Tod, sagte sie. Was löst ein solcher Kommentar bei dir aus?

Mich macht das erst mal ziemlich wütend, weil es so ein „What about-ism“ erzeugt. Und ich finde das nicht sonderlich sachdienlich, denn wir sind nicht gleichberechtigt. Ein einfaches Beispiel ist die In-Vitro-Fertilisation, die von den Krankenkassen für queere Paare nicht übernommen wird, hingegen bei heterosexuellen, verheirateten Paaren schon. Darüber müssen wir also nicht streiten. Das ist eine Tatsache. In einem Gespräch dann tatsächlich das Wort „Ideologie“ zu nutzen, während gleichzeitig ein paar Sätze später nach Polen und Russland verwiesen wird, dass dort die wirklichen Feinde sitzen, das halte ich für ein Zeichen, wie gefährlich die Situation für queere Menschen auch bei uns immer noch ist.

Sandra Kegel wurde anschließend auf den virtuellen Jour Fixe „Kultur schafft Demokratie“ der SPD eingeladen. Auf Druck hat man schließlich noch zwei Unterzeichner*innen von #Actout und den Blogger Johannes Kram dazu geladen. Es wurde während der Sendung der queeren Community von Vertreter*inner der SPD vorgeworfen, zu aggressiv zu sein und zu spalten. Hat dich diese Reaktion gewundert?

Dass es so öffentlich passiert, ja. Weil es meiner Meinung nach den Grundwerten einer Sozialdemokratischen Partei zuwider steht. Es wird ja weitergehend auch in der SPD behauptet, dass diese identitätspolitischen Kämpfe die Gesellschaft spalten. Ich frage mich aber, was das für ein Vorwand ist. Denn die Gesellschaft ist gespaltet, weil die Ressourcen und die Zugänge nicht gerecht verteilt werden. Es geht in dieser Debatte um Gerechtigkeit. Dann aber zu sagen, wenn ihr so laut schreit, spaltet ihr die Gesellschaft  ist Tone Policing und führt zu einer Opfer-Täter-Umkehr.

Wie waren die Reaktionen bei deinen nicht queeren Kolleg*innen auf die #Actout-Aktion?

Persönliche, sehr berührende Nachrichten habe ich hauptsächlich von theaternahen, queeren Menschen bekommen, aber kaum von den nicht queeren Kolleg*innen. Vielleicht haben sie den Eindruck, nichts mit dem Thema zu tun zu haben. Meiner Meinung nach gibt es aber keine nicht betroffenen Menschen, wenn es um strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung geht. Das ist bei Queerfeindlichkeit eben so wie bei Rassismus, Ageismus, Ableismus, Sexismus, und allen anderen Unterdrückungsmechanismen dieser Gesellschaft. Diejenigen, die das Privileg haben diese Formen von Gewalt nicht gegen sich gerichtet erleben zu müssen, erhalten und stärken somit die Strukturen, solange sie sich nicht informieren und aktiv dagegen positionieren. Es geht bei Marginalisierungsdiskursen nicht nur um Gefühle, die verletzt werden. Es geht auch ganz konkret um wirtschaftliche Faktoren. Um Existenzängste, die sehr real sind. Wenn ich eher die kleineren Rollen bekomme oder auf den kleineren Bühnen spiele, habe ich am Ende weniger Geld, werde eine geringere Rente erhalten. Das bedeutet mehr Sorge um Altersarmut. Es geht also um Teilhabe und Zugänge.

Hast du dem Gorki offiziell gesagt, dass du dich als nicht binär identifizierst? Denn auf der Website wirst du noch als Frau geführt. 

Ich habe es nicht direkt gemacht. Ich hatte viele Gespräche mit einer Person, die Dramaturgie am Haus macht und angenommen, dass es dadurch und durch meine E-Mail-Signatur im Haus ankommen wird. Ich habe damals auch überlegt, soll ich eine große Rundmail schreiben und wollte das aber jeweils persönlich erzählen, wenn ich die Leute treffe. Neulich hatte ich aber einen Termin im Gorki und habe es der Intendantin Shermin Langhoff persönlich gesagt. (Anmerkung: Erst Wochen später wurde Elenas Pronomen auch offiziell auf der Website geändert.)

Wie ist der Umgang mit queeren Schauspieler*innen am Gorki? Hast du das Gefühl, du kannst Rollen frei spielen oder fühlst du dich dort beengt?

Leider habe ich im Laufe meiner Kariere oft ein Arbeitsumfeld kennengelernt, das mich nur im queeren Kontext größere Rollen spielen lässt, wie zum Beispiel während eines queeren Festivals. Ich entsprach schon vor meinem Outing als nicht binäre Person nicht dem cis-normativen Bild einer sogenannten weiblichen Hauptfigur. Das bedeutete dann in vielen Fällen, dass ich männlich gelesene Rollen zu spielen bekam. Allerdings nur für die kleinen Männerrollen, da meine Gendermarkierungen in den Augen der meisten Dramaturg*innen und Regisseur*innen auch wiederum nicht männlich genug waren. Ich konnte zum Beispiel nie einen Familienvater spielen. Aber ich finde es wichtig, den klassischen Hauptfiguren, die in unserer Gesellschaft schon lange existierende Diversität zu verleihen. Eine Julia kann von einer Transperson gespielt werden, ohne das wir es kommentieren oder erklären müssen. Dazu braucht es weder ein „erleichterndes“ Augenzwinkern, noch eine Reduktion auf die üblichen Stigmatisierungen von queeren Geschichten. Ich bin mir sicher, das Publikum und wir als Gesellschaft sind inzwischen bereit dafür.

Nachbar*innen/#Portrait

Jeden Tag begegnen wir denselben Menschen in unserem Kiez. Sie gehen mit uns einkaufen, überqueren neben uns die Straße, sitzen auf der Bank im Park. Ich lebe in einem Viertel, in dem es mehr Mercedes und BMWs gibt als Kindersitze auf Fahrrädern. Ein wohl genährter, gesättigter und oftmals selbstzufriedener Blick dominiert hier das Straßenbild. Aber einige meiner Nachbar*innen schlafen unter der Brücke, verdienen sich mit Gitarrenspiel ein bisschen Geld oder helfen im Gemeinschaftsgarten aus. Andere leben seit Jahrzehnten ein bescheidenes Dasein, sind zum Original im Kiez geworden und treffen auf flüchtige Bekanntschaften ohne Namen.

Hier nun ist der Versuch, einige von ihnen in einem kurzen Porträt unvollständig und aus meiner Perspektive vorzustellen. Erschienen sind diese Nachbar*innen/#Portraits zuerst auf Instagram vom 28. August 202 bis zum 20. Januar 2021. Für den Blog wurden sie editiert und chronologisch geordnet.

#1/ Lila sammelt schwarz-weiß Fotografien. Die ihr wichtigsten hat sie an die Wand hinter sich geklebt. Fein säuberlich hängen sie dort. Manchmal hilft ihr Freund beim Anbringen der Fotos. Heute sitzt Lila sehr aufrecht, die dunklen Haare zusammen gebunden, die Brille nach oben ins Haar geschoben. Sie schaut mit aufmerksamen Augen hinter unsere Gesichtsfassaden. Neben ihr, auf Schulterhöhe sitzt ein Kunstadler. Er sitzt auf dem Einkaufswagen, in dem sich Lilas hab und Gut befindet. Gemeinsam leben die drei seit einigen Jahren auf der Straße. „Aber frei, unter dem Himmelsdach und den Sternen,“ sagt Lila. (28. August)

#2/ Lorenzo spielt Gitarre. Es ist früh am morgen. Er hält das Instrument an sich gedrückt, schließt die Augen und seine Finger gehen so ihren Weg. Den schon lang bekannten und immer gleichen Weg. Lorenzo spielt keine Songs. Er stülpt das Morgengefühl, die Müdigkeit und Trauer nach außen, tätschelt es sanft, bis es sich beruhigt und man lächelnd aus dem Fenster der S-Bahn schaut. (7. September)

#3/ Die Freundin von Gregorius wurde ohne Frage viel gesehen. Hat die Blicke der anderen auf sich gespürt. Sie trägt Jogginghose und T-Shirt, dazu eine Kapuzenjacke. Hinter sich zieht sie eine Leiter, als wir uns das erste Mal begegnen. Sie spricht mit dem Hund. Fürstlich zurückhaltend ist das alternde Tier nicht mit ihr. Er und sie kommunizieren und ich sehe ihnen dabei zu. „Dort gibt es einen Hinterhof. Ich musste da was erledigen und dabei habe ich meinen Freund getroffen. Willst du ihn sehen?“ fragt sie mich und die Sommersprossen springen wie Pingpong auf ihrem Gesicht hin und her. Ich nicke zögerlich. Dann sehe ich Gregorius auf dem Handybildschirm. Aufgeweckt ist er und selbstbewusst. Er klettert ihre nackten Sommerbeine hoch und schnappt sich eine Erdnuss. Sie haben sich vor ein paar Monaten kennen gelernt. Dann stockt das Video und Gregorius‘ dunkle Pfoten halten die Nuss reglos in die Kamera. „Das ist ein guter Ort, der Hinterhof.“ Das Hundetier und ich glauben ihr. (13. September)

#4/ Verstanden hat Clémence es bis heute nicht. „Dass sie auch noch ihn umgebracht haben!“ Sie schüttelt ihre grauen Locken, die sich wie Trauben an ihren Kopf schmiegen. Die Augen blassgrau wie der Horizont über dem Herbstmeer. „Nein, das konnte ich schon vor 52 Jahren nicht begreifen. Ich war dort gewesen. Hatte grad Amerika besucht. Als junges Mädchen kam ich aus Paris. Und dann ihn. Ausgerechnet ihn!“ Der Schreck sitzt seit fünf Jahrzehnten auf ihren Schultern und wird wohl nicht mehr weichen. Gebeugt geht sie in die Nachbarstraße. „Wir haben über Dr. King gesprochen,“ murmelt mein Mann mir zu. „Und ich glaube, über alle anderen auch.“ (2. Oktober)

#5/ Majid ruft meinen Namen. Er ist zurück. Hier auf der Straße, vor meinem Haus. Wir umarmen uns. Versuchen uns in Small-Talk. Was sagen, wenn eine ganze Welt zwischen uns liegt? „Wie schön, dass du wieder zurück bist!“ -„Noch für fünf Tage.“ „Wirst du wieder kommen?“ -„Das ist der Plan, im nächsten Jahr.“ Uns bleibt nur eine weitere Umarmung. Und dann läuft er die Straße runter. In Syrien lebt die Familie. „Aber ich komme zurück. Hier fühle ich mich zuhause!“, versicherte er. (10. Oktober)

#6/ John sitzt an der Ecke. Nichts hat er auf der hohen Kante. Er gießt die Blumen der Nachbarin. Hört den Jungs auf der Straße zu. Er brummt und manchmal lächelt er. Vor Jahren hatte er Episoden. Heute nicht mehr. Stille im Herzen. Wenn die zu laut wird, hilft der Alkohol. „Manchmal ist das wie Watte im Kopf“, erzählt er. Früher war John Grafikdesigner, bis er still gelegt wurde. Er steht langsam auf und läuft nach Hause. Um die Ecke. (26. Oktober)

#7/ Laut singt er. Und ein bisschen falsch. Den Besen fegt er über den Gehweg. Ein verlängerter Arm, der im Rhythmus zuckt. Mit dem Refrain schwingt er sich hinauf in Höhen, in die er besser nicht kletterte. Er dreht sich zu mir um. Ich lache ihn an. So viel Enthusiasmus am frühen Morgen gehört belohnt. Er trippelt tänzelnd um mich herum, das Orange der BSR schimmert im grauen Morgen auf seiner dunklen Haut. (17. November)

#8/ Katja steht an der Straßenkreuzung. Der Tag ist trist, die Autos laut. Sie lächelt. Die Füße stecken in alten Winterstiefeln, die Beine in einer Jogginghose. In den Armen hält sie ihre kleine Katze. Katja hört nichts, sieht nur das Katzengesicht, streichelt es, liebkost das zerzauste Fell. Vom vielen Berühren ist der Stoff abgegriffen. Katja stört es nicht. (23. November)

#9/ Samstagnacht fährt Stephan Fahrrad. Er dreht seine Runden auf dem Ku’damm, am äußersten Ende. Dort, wo Gucci und Versace bereits von der Stange gerutscht sind. Stephan vermisst die Oper. Also singt er aus vollem Halse und der Tiefe seines Bauches nicht nur die Tonleiter rauf und runter. Er singt sich und uns zurück in der Erinnerung. (30. November)

#10/ Frau Lange ist kurzsichtig. Weit ist der Sensemann nicht mehr. Mit einem Gesicht so gelebt, wie es nur acht Jahrzehnte modulieren können, aber ist sie gewappnet. Sitzt und wartet und knurrt manchmal die Spaziergänger an. Gibt man aber dem vom Schlag angefallenen Gehirn Zeit, antwortet sie immer schief lächelnd auf jeden Gruß. Schließlich könnte es der letzte sein. (17. Dezember)

#11/ Blassrosa ist die Strickmütze, darunter ihr feines Gesicht in Pergamenthaut. Margit trägt einen Mantel, der schon immer vier Nummern zu groß war. Sie trägt ihn mit Anmut und einem großen Gürtel um die Taille. Vorsichtig beugt sie sich zum Hundetier. Sie suchten immer ihresgleichen, meint sie lächelnd und berührt sanft den schmalen Whippetkopf, der hervor schaut aus seinem ebenfalls zu großen Mantel. Beide teilen nicht nur die Arthritis und die Sehnsucht nach wärmeren Tagen. (9. Januar)

#12/ Frau Maschke trägt die Dauerwelle blondiert. Darunter graut es längst. Pudeldame Elfie weiß Bescheid. Ihr geht es ähnlich. Tag für Tag öffnen sie den Fußpflegesalon an der Ecke – ein Relikt aus den 70ern. Das reinste Original, sagen die Einen. Vintage, denken die Anderen. Nicht so Frau Krause. Die bekommt die Zehennägel noch immer fuchsrot lackiert. Dazu hält sie die Kippe rechts in der Hand und das Glas pappsüßen Sekt links. Wie in den 70ern. (20. Januar)