Nachbar*innen/#Portrait

Jeden Tag begegnen wir denselben Menschen in unserem Kiez. Sie gehen mit uns einkaufen, überqueren neben uns die Straße, sitzen auf der Bank im Park. Ich lebe in einem Viertel, in dem es mehr Mercedes und BMWs gibt als Kindersitze auf Fahrrädern. Ein wohl genährter, gesättigter und oftmals selbstzufriedener Blick dominiert hier das Straßenbild. Aber einige meiner Nachbar*innen schlafen unter der Brücke, verdienen sich mit Gitarrenspiel ein bisschen Geld oder helfen im Gemeinschaftsgarten aus. Andere leben seit Jahrzehnten ein bescheidenes Dasein, sind zum Original im Kiez geworden und treffen auf flüchtige Bekanntschaften ohne Namen.

Hier nun ist der Versuch, einige von ihnen in einem kurzen Porträt unvollständig und aus meiner Perspektive vorzustellen. Erschienen sind diese Nachbar*innen/#Portraits zuerst auf Instagram vom 28. August 202 bis zum 20. Januar 2021. Für den Blog wurden sie editiert und chronologisch geordnet.

#1/ Lila sammelt schwarz-weiß Fotografien. Die ihr wichtigsten hat sie an die Wand hinter sich geklebt. Fein säuberlich hängen sie dort. Manchmal hilft ihr Freund beim Anbringen der Fotos. Heute sitzt Lila sehr aufrecht, die dunklen Haare zusammen gebunden, die Brille nach oben ins Haar geschoben. Sie schaut mit aufmerksamen Augen hinter unsere Gesichtsfassaden. Neben ihr, auf Schulterhöhe sitzt ein Kunstadler. Er sitzt auf dem Einkaufswagen, in dem sich Lilas hab und Gut befindet. Gemeinsam leben die drei seit einigen Jahren auf der Straße. „Aber frei, unter dem Himmelsdach und den Sternen,“ sagt Lila. (28. August)

#2/ Lorenzo spielt Gitarre. Es ist früh am morgen. Er hält das Instrument an sich gedrückt, schließt die Augen und seine Finger gehen so ihren Weg. Den schon lang bekannten und immer gleichen Weg. Lorenzo spielt keine Songs. Er stülpt das Morgengefühl, die Müdigkeit und Trauer nach außen, tätschelt es sanft, bis es sich beruhigt und man lächelnd aus dem Fenster der S-Bahn schaut. (7. September)

#3/ Die Freundin von Gregorius wurde ohne Frage viel gesehen. Hat die Blicke der anderen auf sich gespürt. Sie trägt Jogginghose und T-Shirt, dazu eine Kapuzenjacke. Hinter sich zieht sie eine Leiter, als wir uns das erste Mal begegnen. Sie spricht mit dem Hund. Fürstlich zurückhaltend ist das alternde Tier nicht mit ihr. Er und sie kommunizieren und ich sehe ihnen dabei zu. „Dort gibt es einen Hinterhof. Ich musste da was erledigen und dabei habe ich meinen Freund getroffen. Willst du ihn sehen?“ fragt sie mich und die Sommersprossen springen wie Pingpong auf ihrem Gesicht hin und her. Ich nicke zögerlich. Dann sehe ich Gregorius auf dem Handybildschirm. Aufgeweckt ist er und selbstbewusst. Er klettert ihre nackten Sommerbeine hoch und schnappt sich eine Erdnuss. Sie haben sich vor ein paar Monaten kennen gelernt. Dann stockt das Video und Gregorius‘ dunkle Pfoten halten die Nuss reglos in die Kamera. „Das ist ein guter Ort, der Hinterhof.“ Das Hundetier und ich glauben ihr. (13. September)

#4/ Verstanden hat Clémence es bis heute nicht. „Dass sie auch noch ihn umgebracht haben!“ Sie schüttelt ihre grauen Locken, die sich wie Trauben an ihren Kopf schmiegen. Die Augen blassgrau wie der Horizont über dem Herbstmeer. „Nein, das konnte ich schon vor 52 Jahren nicht begreifen. Ich war dort gewesen. Hatte grad Amerika besucht. Als junges Mädchen kam ich aus Paris. Und dann ihn. Ausgerechnet ihn!“ Der Schreck sitzt seit fünf Jahrzehnten auf ihren Schultern und wird wohl nicht mehr weichen. Gebeugt geht sie in die Nachbarstraße. „Wir haben über Dr. King gesprochen,“ murmelt mein Mann mir zu. „Und ich glaube, über alle anderen auch.“ (2. Oktober)

#5/ Majid ruft meinen Namen. Er ist zurück. Hier auf der Straße, vor meinem Haus. Wir umarmen uns. Versuchen uns in Small-Talk. Was sagen, wenn eine ganze Welt zwischen uns liegt? „Wie schön, dass du wieder zurück bist!“ -„Noch für fünf Tage.“ „Wirst du wieder kommen?“ -„Das ist der Plan, im nächsten Jahr.“ Uns bleibt nur eine weitere Umarmung. Und dann läuft er die Straße runter. In Syrien lebt die Familie. „Aber ich komme zurück. Hier fühle ich mich zuhause!“, versicherte er. (10. Oktober)

#6/ John sitzt an der Ecke. Nichts hat er auf der hohen Kante. Er gießt die Blumen der Nachbarin. Hört den Jungs auf der Straße zu. Er brummt und manchmal lächelt er. Vor Jahren hatte er Episoden. Heute nicht mehr. Stille im Herzen. Wenn die zu laut wird, hilft der Alkohol. „Manchmal ist das wie Watte im Kopf“, erzählt er. Früher war John Grafikdesigner, bis er still gelegt wurde. Er steht langsam auf und läuft nach Hause. Um die Ecke. (26. Oktober)

#7/ Laut singt er. Und ein bisschen falsch. Den Besen fegt er über den Gehweg. Ein verlängerter Arm, der im Rhythmus zuckt. Mit dem Refrain schwingt er sich hinauf in Höhen, in die er besser nicht kletterte. Er dreht sich zu mir um. Ich lache ihn an. So viel Enthusiasmus am frühen Morgen gehört belohnt. Er trippelt tänzelnd um mich herum, das Orange der BSR schimmert im grauen Morgen auf seiner dunklen Haut. (17. November)

#8/ Katja steht an der Straßenkreuzung. Der Tag ist trist, die Autos laut. Sie lächelt. Die Füße stecken in alten Winterstiefeln, die Beine in einer Jogginghose. In den Armen hält sie ihre kleine Katze. Katja hört nichts, sieht nur das Katzengesicht, streichelt es, liebkost das zerzauste Fell. Vom vielen Berühren ist der Stoff abgegriffen. Katja stört es nicht. (23. November)

#9/ Samstagnacht fährt Stephan Fahrrad. Er dreht seine Runden auf dem Ku’damm, am äußersten Ende. Dort, wo Gucci und Versace bereits von der Stange gerutscht sind. Stephan vermisst die Oper. Also singt er aus vollem Halse und der Tiefe seines Bauches nicht nur die Tonleiter rauf und runter. Er singt sich und uns zurück in der Erinnerung. (30. November)

#10/ Frau Lange ist kurzsichtig. Weit ist der Sensemann nicht mehr. Mit einem Gesicht so gelebt, wie es nur acht Jahrzehnte modulieren können, aber ist sie gewappnet. Sitzt und wartet und knurrt manchmal die Spaziergänger an. Gibt man aber dem vom Schlag angefallenen Gehirn Zeit, antwortet sie immer schief lächelnd auf jeden Gruß. Schließlich könnte es der letzte sein. (17. Dezember)

#11/ Blassrosa ist die Strickmütze, darunter ihr feines Gesicht in Pergamenthaut. Margit trägt einen Mantel, der schon immer vier Nummern zu groß war. Sie trägt ihn mit Anmut und einem großen Gürtel um die Taille. Vorsichtig beugt sie sich zum Hundetier. Sie suchten immer ihresgleichen, meint sie lächelnd und berührt sanft den schmalen Whippetkopf, der hervor schaut aus seinem ebenfalls zu großen Mantel. Beide teilen nicht nur die Arthritis und die Sehnsucht nach wärmeren Tagen. (9. Januar)

#12/ Frau Maschke trägt die Dauerwelle blondiert. Darunter graut es längst. Pudeldame Elfie weiß Bescheid. Ihr geht es ähnlich. Tag für Tag öffnen sie den Fußpflegesalon an der Ecke – ein Relikt aus den 70ern. Das reinste Original, sagen die Einen. Vintage, denken die Anderen. Nicht so Frau Krause. Die bekommt die Zehennägel noch immer fuchsrot lackiert. Dazu hält sie die Kippe rechts in der Hand und das Glas pappsüßen Sekt links. Wie in den 70ern. (20. Januar)