Rezensionen // Deutscher Buchpreis

Am 18. Oktober wird der Deutsche Buchpreis verliehen. Auf der Longlist stehen 20 Bücher. Zwei Romane habe ich für soundsandbooks gelesen und besprochen. Darunter sind Dana Grigorceas feministischer Vampirroman „Die nicht sterben“ und Sasha Marianna Salzmanns „Im Menschen muss alles herrlich sein“. //

Die nicht sterben – Roman von Dana Grigorcea

Dana Grigorcea schreibt einen feministischen Vampir-Roman

Gricorcea hat einen modernen, feministischen Vampir-Roman geschrieben und darin eine Geschichte über Migration und ihre Folgen verwoben. Im Zentrum steht eine junge Künstlerin, die frisch aus Paris zurück in die kleine Stadt B mitten in Transsilvanien reist, wo die Mythen um Graf Dracula nicht nur bei den Bewohner*innen fantastische und finanzielle Blüten treiben. Dabei schreibt die rumänisch-schweizerische Schriftstellerin in einem Stil, der spielerisch Bram Stokers’ Erzählduktus adaptiert und trotzdem nicht antiquiert wirkt.

Bürgerliche Entourage in einer post-kommunistischen Welt

Zu Beginn tauchen die Leser*innen in eine bereits untergegangene post-kommunistische Welt ein, die von dem Freundeskreis um die Großtante der Protagonistin, bespielt wird. Die Entourage dieser Großtante reist jeden Sommer aus Bukarest an und belebt den ehemaligen, zu Sowjetzeiten enteigneten Landsitz der Familie. In bürgerlicher Manier wird hier diskutiert, getrunken, getanzt und gelacht. Mittendrin ist die junge Protagonistin, die später in die Ferne ziehen und in Frankreich Malerei studieren wird. Als sie das Studium beendet hat, kehrt sie zurück und ist dem alten Sommerglück inzwischen entwachsen. “Und seltsame Schuldgefühle stiegen in mir hoch, darüber, dass ich so lange weg war und jetzt nicht mehr mit der nötigen Zuneigung auf diesen Ort schaute.”

Grigorcea verbindet einen Mord, Graf Dracula und Migration zu “herstory”

Der jungen Künstlerin begegnet das unsichtbare Grauen als große Kraft, denn es oder vielmehr er, der Graf, ist Teil ihrer Familiengeschichte. Die Verschmelzung mit dem Grafen, die ein wenig an die Bluthochzeit im Roman von Bram Stokers erinnert, verleiht ihr übernatürliche Kräfte. Gricorcea beschreibt diese Verwandlungen so gut und spürbar, dass es beim Lesen sachte den Rücken hinab rieselt. Die Geschichte des heutigen Rumäniens, das Schicksal eines Land, dass die Jungen verlassen, um immer seltener zurückzukehren, bindet die Autorin um den Mord an einem ehemaligen Dorfbewohner organisch ein und alles zusammen hält die Protagonistin und ihre magischen Kräfte. Dabei entwickelt sich die Geschichte zunehmend zu einer erfrischend feministischen Erzählung, zu “herstory”, die zurecht auf der Liste des deutschen Buchpreises steht.

Erschienen als Hardcover im Pinguin Verlag, 272 Seiten für 22,- Euro.


Im Menschen muss alles herrlich sein – Roman von Sasha Maria Salzmann

Sasha Marianna Salzmann erzählt im neuen Roman vom chaotisch schönen Menschendasein 

“Im Menschen muss alles herrlich sein”, hieß es zu Sowjetzeiten und so nennt Sasha Marianna Salzmann den neuen Roman. Dort ist dieses Menschendasein vor allem chaotisch und durchbrochen von Wünschen, Hoffnung und Enttäuschungen. Es geht um die beiden Frauen Lena und Tatjana, ihren sehr unterschiedlichen und doch ähnlichen Leben in der Ukraine und es geht um das Leben danach. Nachdem sie ausgewandert sind und nachdem sie sich im Deutschland der 90er Jahre zurecht finden mussten. Es umgibt vor allem Lena immer die Mischpoche und die anderen Ausgewanderten, die zwar damit ein Teil ihres Lebens sind, aber eben auch vieles unmöglich machen. Dieser ersten Generation im anderen Land gelingt es nicht, sich frei zu strampeln vom alten Leben. Die heimliche Hauptgeschichte des Romans ist die Zeit der 70er Jahre in der Ukraine, Lenas Kindheitsgeschichte, die komplizierte Beziehung zur schwerkranken Mutter und einem sehr stillen, manchmal unsichtbaren Vater. Hier will die Leser*in bleiben und den Sommer wieder und wieder in Sotschi bei der Großmutter und dann später im Ferienlager verbringen. Denn an diesen Orten werden Hoffnung und zarte Gefühle gelebt, die die Jugend aber nicht überstehen.

Von der Vergangenheit kommt auch die nächste Generation nicht los

Die nächste Generation, die Töchter von Tatjana und Lena, Nina und Edi, versuchen die Sowjetpatina, die die Eltern umgibt loszuwerden und ein eigenes Leben zu führen. Sie glauben nicht so recht an die Verbindung zu einem obskuren Früher, über das nicht geredet wird. Beide gehen ihren eigenen zurückgezogenen und suchenden Weg im Heute. Aber Erinnerungen und Erfahrungen werden doch irgendwie weiter gegeben. Auch wenn diese Erfahrungen vielleicht nie besprochen werden, sind sie in das Gewebe der nächsten Generation eingeflochten. Edis Herkunftsgeschichte, die bis zum Schluss vor ihr verschwiegen wird, darf nicht sein. Sie ist zu kompliziert, auch wenn es der angetrunkenen Mutter Lena zum Geburtstag fast von der Zunge hüpfen will und vielleicht ahnt Edi da schon etwas. Es sind die Frauen, auf denen das Augenmerk liegt. Sie sind diejenigen, die gehen und neu anfangen und weiter machen. Die Männer bleiben zurück, verschwinden oder leben im Schatten der Familie.

Sasha Marianne Salzmann schreibt Miniaturgemälde

Auch im zweiten Roman entwirft Sasha Marianna Salzmann mit dem Schreiben Miniaturgemälde. Wie durch ein Vergrößerungsglas schaut man auf ein Sprachbild, das seinesgleichen sucht. “Vor Lenas Augen tanzten zwei schwarze Mähnen, die sich wie Münder schüttelten, Münder mit löchriger Milchzahnpartie tauchten auf, dünne, von der Sonne und vom Staub wie Bronze gefärbte Arme flogen durch die Luft – Artjom und Lika tobten im Sägemehl…” Da kann man hinein sinken und taucht irgendwo im Dnieper in der Ostukraine wieder auf und mit dem nächsten Atemzug läuft man mit zerschlissenen Adidas-Turnschuhen durch Moskau, um schließlich in Erfurt und Berlin zu landen. Salzmann wirbelt die Protagonist*innen durch Raum und Zeit und vor allem durch die menschlichen, manchmal unzumutbaren Gefühlsausbrüche, Beziehungen und Gesellschaftsumbrüche, dass es die Leser*in schwindelt und es ist eine Freude. “Im Menschen muss alles herrlich sein” steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021.

Erschienen als Hardcover im Suhrkamp Verlag, 384 Seiten für 24,- Euro.