„Die Leute protestieren weiter, obwohl Tausende verhaftet wurden“

Das Interview wurde am 7. März auf Siegessäule veröffentlicht. Was bedeutet der Krieg gegen Die Ukraine und die Sanktionen für die LGBTIQ Community in Russland? Ein Gespräch mit einer*m Aktivist*in. Aus Sicherheitsgründen muss die Person anonym bleiben. //

Wie haben du und deine Freunde den 24. Februar erlebt? Habt ihr den Angriff erwartet?

Um ehrlich zu sein, niemand hat es erwartet. Jede*r in den Menschenrechtsorganisationen war schockiert und konnte es nicht glauben. Für mich ist es auch persönlich schwierig, denn ich habe Familie in der Ukraine. Es ist keine leichte Situation.

Es heißt, dass in Russland niemand offiziell von einem Krieg sprechen darf. Welche Informationen bekommt man?

Ich persönlich schaue keine offiziellen Fernsehsender, aber natürlich höre auch ich die Staatspropaganda. Viele Webseiten sind jetzt zusätzlich gesperrt. Öffentlich wird nicht akzeptiert, dass es ernsthafte Konsequenten für die russische Bevölkerung geben kann. Für uns Menschrechtsaktivist*innen war es vorher schon schwierig.

Was befürchtet ihr für eure Arbeit?

Wir erwarten nichts Gutes. Die Arbeit in Menschrechtsorganisationen ist in Gefahr. Die Billigung von LGBTIQ+ Rechten ist gegen die Staatsdoktrin und verfassungswidrig. Vor kurzem erst wurde Memorial aufgelöst. Wir Aktivisten versuchen natürlich weiter zu machen und so gut wie möglich dort zu helfen, wo es notwendig ist. Denn psychologische und legale Hilfe sind wichtiger denn je. Generell ist es sehr schwer vorherzusehen, was passieren wird.

Es wird also auf jeden Fall schwieriger für die queere Community unter den aktuellen Umständen.

Absolut. In Zeiten wie diesen wird die Arbeit für Menschenrechte immer schwerer. Außerdem haben die russischen Behörden ja schon zuvor keine Anzeichen gemacht, dass sich irgendwas verbessern könnte. Wir erwarten definitiv dass es schlimmer wird.

Gibt es einen Plan B, wie ihr weiter machen könnt?

Aktuell wissen wir noch nicht, wie wir weiter machen können. Wir müssen herausfinden, welche Möglichkeiten wir dann haben. Wir können einfach wenig vorhersehen im Moment. Die Situation ändert sich täglich und wir können im Prinzip nur abwarten und reagieren. Aber natürlich ist mir auch klar, dass die Situation in der Ukraine viel schlimmer ist.

Welche Folgen könnten die Sanktionen gerade für die queere Community haben?

Wir werden auf jeden Fall Schwierigkeiten bei Medikamentenlieferungen bekommen. Aber es wird auch juristisch problematischer. Zuvor haben LGBTIQ-Organisationen finanzielle Unterstützung von Organisationen und Institutionen weltweit erhalten. Sie bekommen natürlich keine staatliche finanzieller Hilfe in Russland. Der Wechselkurs ändert sich rasch und die Preise steigen bereits. Ich glaube, dass die Konsequenzen sehr unterschiedlich und weitreichend sein werden.

Du hast gerade erwähnt, wie wichtig es ist, international vernetzt zu sein. Seid ihr aktuell in Kontakt mit anderen Organisationen und habt ihr Kontakt in die Ukraine?

Wir bekommen natürlich Informationen über ihre schreckliche Lage und es ist einfach unerträglich zu sehen, wie Freunde bombardiert werden (schluckt und holt Luft). Wir versuchen trotzdem zu helfen, aber momentan können wir nicht wirklich viel tun, um zu helfen. 

Wir hören in Deutschland von den Protesten in Russland. Es ist unglaublich beeindruckend, wie viele Menschen auf die Straße gehen, obwohl es so gefährlich ist. Wachsen die Proteste? 

Die Leute gehen weiter protestieren, obwohl bereits Tausende im ganzen Land verhaftet wurden. Zum Teil wurden sie sehr brutal in Gewahrsam genommen. Dennoch gehen die Demonstrationen gehen und in meinem Umfeld versteht niemand, warum dieser Krieg überhaupt stattfindet. Das ist alles unbegreiflich. Und viele Menschen haben zu viel Angst, um öffentlich ihre Meinung zu sagen.