Er kam aus Mariupol

Bis Anfang März waren circa 70 000 Ukrainer*innen in Berlin angekommen und suchten nach einer Unterkunft. In den ersten beiden Wochen hat ein Bündnis aus Freiwilligen am Berliner Hauptbahnhof die Vermittlung organisiert. Mit einem der Freiwilligen konnte ich sprechen. Eine ausführlichere Version des Artikels erschien am 9. März auf Siegessäule. //

Es ist zugig am Berliner Hauptbahnhof an diesem Dienstagmittag. Eine Gruppe von sechs Freiwilligen steht hinter einem großen Tisch, auf dem Listen für Unterkünfte und Informationszettel für Ankommende liegen. Die bunten Queer- und Transgender-Flaggen sind nicht nur auf den Westen der Helfer*innen angebracht. Auch hinter ihrem Stand sind sie deutlich zu sehen. Rechts gibt es einen Treffpunkt, der BPoC-Geflüchteten gilt, ebenfalls deutlich markiert mit Schildern. Unweit davon stehen die einzigen Polizist*innen, die in diesem Bereich des Bahnhofs zu sehen sind.

Patrick trägt eine dicke Winterjacke und Mütze. Über eine Telegram–Gruppe haben sich die Freiwilligen der LGBTIQ+ – Gruppe organisiert. Er ist seit einigen Tagen am Berliner Hauptbahnhof und hilft. In zwei Stunden-Schichten werden die Freiwilligen eingeteilt, viele bleiben länger. Alle tragen als Kennzeichen eine signalgelbe Weste. Orange ist sie, wenn die Person Russisch oder Ukrainisch sprechen kann.

Der Ankunfts- und Freiwilligen-Bereich ist voller Menschen und wirkt dennoch nicht hektisch. Plakate an Säulen zeigen an, wo es Essenstände, Medikamente und Listen für Unterkünfte gibt. Pfeile auf dem Boden machen die Laufrichtung klar, die von allen konsequent ignoriert wird. Es gibt Kleider- und Sachspenden, in einem hinteren Bereich des Bahnhofs, der weiter Richtung Busbahnhof führt. Von dort aus können die Geflüchteten in verschiedene Städte weiter fahren. Es gibt Busse bis nach Paris. Auch an das Wohl von Tieren denkt man und organisieren über die Berliner Tiertafel Futterspenden.

Der erste Zug aus Polen komme nach neun Uhr, erzählt Patrick und dann gehe es über den ganzen Tag verteilt weiter. Manche Geflüchteten kommen alleine, wie der junge Teenager Y. Er hatte es geschafft aus Mariupol, der eingeschlossenen Hafenstadt im Südosten der Ukraine zu fliehen und war nun in Berlin gelandet. Er wollte weiter nach Nürnberg fahren zu einem Freund, den Y. aber nicht mehr erreichen konnte.

„Ich komme ursprünglich aus Nürnberg,“ berichtet Patrick. Er habe dann seine Community über Instagram kontaktierte und um Hilfe gebeten. Innerhalb kürzester Zeit konnte darüber nicht nur eine Unterkunft für Y. organisiert werden sondern auch die Möglichkeit zu arbeiten. Das sei ihm wichtig gewesen. Auch am Berliner Hauptbahnhof versuchte Y. zu helfen, solange er auf seinen Zug nach Nürnberg wartete und brachte den Freiwilligen Essen. Solche Erfahrungen seien unglaublich erfüllend, schildert Patrick. Auch das Miteinander der Helfer*innen sei enorm wichtig. 

Bisher sind so gut wie alle Angebote freiwillig organisiert. Der Berliner Senat beschloss Anfang März bis zu 20.000 Ukrainer bedarfsgerecht zu versorgen und hat zudem die besondere “Dringlichkeit für die Schaffung einer zusätzlichen Erstaufnahmestruktur festgestellt”. Inzwischen gibt es auch ein Versorgungszelt vor dem Hauptbahnhof.