Residenzschloss Altenburg – In Vielfalt geeint

Wo Playmobil den Barock in den Schatten stellt

Schon immer stand es dort oben, dieses kastenartige Schloß, groß und schwer. Lange Zeit waren der Park und das Grün drum herum viel interessanter, irgendwie lebendiger. Doch schließlich ging es die steile Auffahrt hinauf, durch die barocke Toranlage und dann noch einmal durch einen mittelalterlichen Torturm hinein in den großen Schlosshof des Residenzschloss Altenburg.

Und dort steht man dann einem architektonischen Stilmix gegenüber, der eher an eine Patchwork-Familie erinnert, die zusammen bastelt und denkt, was mit der Zeit eben so zusammen kommt. Die aktuelle Playmobil-Ausstellung „Winterzauber“ scheint auch ganz in diesem Sinne Tür und Tor des Schlosses für Familien zu öffnen. Dass es Kinder allerdings nicht immer so einfach hatten in dem 800 Jahre alten Gebäude, mussten Ernst und Albrecht einst am eigenen Leib erfahren.

Kunz von Kauffungen klaut kleine Kinder

Eingegangen in die Geschichte ist die Kindesentführung von Ernst und Albrecht als „Sächsischer Prinzenraub“ anno 1455, zu einer Zeit, in der es noch poetische Namen gab. Es waren die Söhne von Friedrich dem Sanftmütigen, die damals unter einiger Anstrengung aus den burgähnlichen Schlafgemächern geraubt worden waren. Kunz und seine Kumpanen nutzten dafür wahrscheinlich ein kompliziertes Leitergerüst, das an dem steilen Porphyrfelsen, auf dem das Schloss Altenburg steht, fest gemacht werden konnte. Heute ist besagte Leiter neben diversen Gemälden zur Entführung im Schloss zu sehen. Trotz langer Vorbereitungen und einiger Helfershelfer seitens der Entführer konnten die Prinzen Albrecht und Ernst am Ende befreit werden und Kunz wurde einen Kopf kürzer gemacht. Dabei stellte sich bereits schon damals die nicht ganz unberechtigte Frage, ob Friedrich der Sanftmütige den richtigen Namen trug.

Spaß in Klein für die Jüngsten

Über 500 Jahre später wird man im Erdgeschoss und dem ersten Stock des Residenzschlosses von aufgeregten Kindern und ihrem Gefolge dank der Playmobil-Ausstellung begrüßt. Im „Winterzauber“ findet man dann auch alles, was in so ein Schloss gehört: Prinzessinnen, Ritter und Drachen, die kunstvoll in kleinen Modellandschaften drapiert wurden. Die jugendfreie Form einer „Game of Thrones“- Schlacht findet man im prunkvollen Johann-Sebastian-Bach-Saal gebührend untermalt von dramatischer Musik aus Lautsprechern, die nicht ganz so gut versteckt zwischen diversen golden verzierten Säulen stehen. Sicher wären auch die Jungs des Sanftmütigen von dem Spektakel begeistert gewesen. Die heutigen Zehnjährigen jedenfalls flitzten über das gewienerte Parkett und schlossen Wetten darüber ab, wie viele Playmobil-Pferde insgesamt verbaut worden waren.

Zurück in die Vergangenheit

Entkommt man dem Gewusel der ersten beiden Etagen, gelangt man in die Welt der letzten zwei Jahrhunderte, um sich just vom Stammbaum der herzoglichen Familie von Sachsen-Altenburg umgeben zu sehen. Streng und sanftmütig oder auch lächelnd und grimmig schauen die Ernste und Elisabeths mehrerer Generationen auf die BesucherInnen des 21. Jahrhunderts herab. Neben den repräsentativen Räumen, die wunderschön anzusehen und wahrscheinlich genauso unbequem zu bewohnen sind, gibt es eine Bibliothek, inklusive Holzregale voll mit alten Büchern und einen langgezogenen Tisch, der voll beladen ist mit Faksimilen. Und hier kann man sein und die Ahnen der herzoglichen Familie vor dem geistigen Auge ein- und ausgehen sehen. 

Ein Stockwerk weiter oben bewegt man sich konsequent zurück in der Zeitlinie. Es würde nicht weiter verwundern, käme einer jener barocken Damen in vollem Gewand um die Ecke gerauscht, die kokett lächelnd an der Wand hängen, auf dem Kopf eine kunstvoll nach oben getürmte und weiß gepuderte Perücke, verziert mit Perlen und Schleifen. Und ein wenig versteckt nach Bibliotheken, Kaminzimmern und Gemächern, findet sich hinten links, einmal um die Ecke gebogen, eine alte Tafel, wie sie wohl nach einer Jagd im 17. Jahrhundert ausgesehen hätte. Tiefgrünes, traditionell hergestelltes Geschirr ziert den Holztisch und schließt man die Augen, hört man beinah das Getrappel von Hufen und die Stiefel der Jagdgesellschaft auf dem Schlosshof.

Buntes Stil-Potpourri mit Hausmannsturm

Zurück im Schlosshof dominiert der blassblaue Winterhimmel den Architektur-Mix vieler Jahrhunderte. Da mischt sich gotische Architektur mit neogotischen und barocken Fassaden nebst Gestaltungselementen der Renaissance. Dabei nicht zu übersehen, ist der hübsch weiß getünchte, pummelige Hausmannsturm, der einst in roten Ziegelsteinen leuchtete und als Wachturm diente. Nicht nur als geographisch krönenden Abschluss sollte man sich unbedingt diesen Turm ansehen und trotz der Gefahr eines leichten Schwindels den Wendelaufstieg nach oben klettern. Denn dort oben landet man in einem rustikal, winzigen Aussichtsbereich, der so gemütlich anmutet, dass man es sich direkt neben dem Ofen bequem machen möchte. Dieser steht im wahrscheinlich kleinsten Küchenformat, bevor die Welt praktische IKEA-Lösungen kannte. Dazu gibt es eine umwerfende Aussicht über das Altenburger Land. Und auch wenn im Winter das Braune manchmal zu überwiegen scheint, so geht der Blick doch weit und Immergrün findet sich, wenn man es denn finden will, dort unten im Park.

Dieser Artikel ist auch zu finden bei https://hahn-presse.de/schloss-altenburg/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s